„Wunderschön ist das, wenn du in der Luft bist und nur den Fahrtwind hörst.“ Waltraud König erinnert sich gerne an die Zeit, als Segelflieger den Flugbetrieb auf dem Flugplatz Donaueschingen bestimmten. Nur zwei Motoren waren damals zugelassen: Zum einen der Motor der Seilwinde, die den Schulgleiter SG 38 so beschleunigte, dass dieser sich über dem Aasemer Kapp in den Himmel schraubte. Zum anderen war da ein stattlicher Opel Kapitän, gesteuert von einem Villinger Doktor namens Zetzsche. „Der hatte eine Kupplung“ skizziert lachend die rüstige Donaueschingerin, die im nächsten Monat ihren 96. Geburtstag feiert, den an dieser Stelle wichtigsten Beitrag zum Unternehmen Fliegen.

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Denn der komplett in Eigenbau erstellte SG 38 konnte an der Gras-Piste, an der die Enthusiasten der Fliegergruppe Donaueschingen ihrem Hobby nachgingen, nirgends untergestellt werden. Also wurde der Einsitzer vor den Flugeinsätzen jeweils zusammen- und auseinandergebaut und mit dem Hänger transportiert. Die Post hatte den Fliegern eine Garage an der Wasserstraße zur Verfügung gestellt. Dort entstand zweimal in der Woche abends auch der Schulgleiter.

Erst bauen, dann fliegen: Waltraud König in der Fliegerwerkstatt.
Erst bauen, dann fliegen: Waltraud König in der Fliegerwerkstatt. | Bild: Archiv König

„100 Werkstattstunden musstest du in deinem Flugbuch aufweisen, bevor du überhaupt mal ‚hupfen‘ durftest“, erforderten die Anfänge Fleiß und Geduld. Allein 32 „Rippen“, auf Maß gefertigte Zwischenstreben innerhalb der Tragfläche, galt es nach Schablone herzustellen, zu befestigen, mit einer Stoffbahn zu überziehen und mehrfach zu lackieren.

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Und schließlich ging‘s in die Pilotenkabine. 16. Mai 1952, der erste Start. Im Flugbuch ist keine nennenswerte Flugdauer notiert. Anders der Flug 10, drei Minuten schwebte Waltraud König in der Luft, am Steuer der Mü 13, einem Zweisitzer, den sich die inzwischen um Villinger Enthusiasten ohne Flugplatz verstärkte Gruppe dank Spendengeldern leisten konnte.

Waltraud König hält von der Seilwinde aus Telefonkontakt zum startenden Segelflieger.
Waltraud König hält von der Seilwinde aus Telefonkontakt zum startenden Segelflieger. | Bild: Archiv König

Hinter ihr saß ihr Ehemann, Fritz, weithin bekannte Fliegerlegende, der im Zweiten Weltkrieg als Pilot Transportflugzeuge ebenso steuerte, wie er auch die Neuentwicklungen der Firma Messerschmidt, wie etwa die ME 262, einflug. Ihr Fritz, den sie 1949 heiratete, zog sie zur Fliegerei. „Der wäre schon sehr unglücklich gewesen, wenn ich nicht mitgemacht hätte“, lächelt sie fast 70 Jahre später verschmitzt. Sie machte gerne mit, schloss aber auch leicht mit dem Kapitel Flugplatz Donaueschingen ab.

Bruchlandung der Mü 13 im August 1954 am Aasemer Kapf
Bruchlandung der Mü 13 im August 1954 am Aasemer Kapf | Bild: Archiv König

Im Flugbuch finden sich nicht mehr viele Flüge und auch keine Rekorde. Gesprächsstoff liefernde Ereignisse haben die Königs noch miterlebt am Platz. Etwa als Oscar Bertsche die Thermik über dem Aasemer Kapp zu einem Sechs-Stunden-Flug nutzte. Der Postbusfahrer aus Villingen soll es auch gewesen sein, der bei einem anderen Flug die „Mü“ in die Bäume setzte, aber unverletzt blieb.

Erst bauen, dann fliegen: Waltraud König in der Fliegerwerkstatt.
Erst bauen, dann fliegen: Waltraud König in der Fliegerwerkstatt. | Bild: Archiv König

Als Co-Pilotin sei sie dann noch oft geflogen, ging das Abenteuer Luftfahrt für die vom Jägerhaus stammende Frau auch außerhalb Donaueschingens weiter. Solange das Motorflugverbot in Deutschland galt, arbeitete Fritz König ab 1952 als Fluglehrer in der Schweiz. In Memmingen war König nach Gründung der Bundesluftwaffe stationiert. Erst als er nach einer Karriere als Gruppenfluglehrer, Einsatzoffizier und Testpilot in den Ruhestand ging, konnte seine Frau wieder mit ihm fliegen.

Anfang der 1950er Jahre: Flugbetrieb auf dem Donaueschinger Flugplatz
Anfang der 1950er Jahre: Flugbetrieb auf dem Donaueschinger Flugplatz | Bild: Archiv König

Von Donaueschingen aus flog König die regionalen Wirtschaftskapitäne der damaligen Zeit zum Wunschziel. Ob der Auftrag von Saba, Kienzle, Binder oder Maute kam: Waltraud König durfte in einer Piper oder einer Cessna ein ums andere Mal mitfliegen. Mit Alno-Chef Albert Nothdurft ging es mal nach Paris, des Öfteren war die Schweiz das Ziel der Geschäftsflüge. Und wenn dann beim Vorbeiflug der Hohentwiel aus einem Nebelmeer ragte, war das so ein majestätischer Anblick, dass es letztlich egal war, wer in diesem Moment den Steuerknüppel führte.

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