Dankbar und mit Wehmut wurde am Dienstagabend eine Donaueschinger Familien-Geschäftsgeschichte abgeschlossen. Metzgermeister Reinhard Kanstinger und seine Ehefrau Regina hatten ihre treuen Kunden und Freunde zum Abschiedsumtrunk in den Metzgerladen beim Rathausplatz eingeladen. Bei offener Ladentür spielte der evangelische Posaunenchor "Nun danket alle Gott", auch dafür, dass 55 arbeitsreiche Geschäftsjahre ohne Unfall abgeschlossen werden konnten.

Verschämte Tränen und Umarmungen, manchen verschlug es einfach die Sprache, dass man in diesem vertrauen Laden mit dem freundlichen Personal die geschätzte Hausmacherwurst nach Familienrezept oder das Fleisch für den täglichen Bedarf nicht mehr einkaufen kann.

Reinhard Kanstinger dankte Mitarbeiterinnen wie Kunden für die langjährige Treue. Warum der Familienbetrieb jetzt geschlossen wird, leuchtete ein. Der Metzgermeister ist 59 und findet keinen tatkräftigen Mitarbeiter für die schwere Arbeit im Hintergrund des Ladengeschäfts. Für die fünf Mitarbeiterinnen im Verkauf ist es ein schmerzlicher Abschied. Vier von ihnen haben problemlos eine neue Beschäftigung gefunden und die fünfte will ihren Ruhestand genießen. Juniorchefin Regina Kanstinger geht in ihren erlernten Beruf zurück. An der Eichendorffschule wird sie künftig evangelische Religion und Englisch unterrichten.

Bei diesem Anlass durfte auch eine Abordnung der Narrenzunft Frohsinn nicht fehlen. Denn die Kanstingers gehören zu den Traditionsadressen der Narren an der Fasnet, in der die Hansel für etwa Wegzehrung ihre Fasnetliedle aufsagten. Dieses Brauchtum liegt Oberhansel Michael Schlatter sehr am Herzen, genau wie den ehemaligen Oberhanseln Ralf Fricker und Wolfgang Reiter. "Ich war nun 35 Jahre lang am Schmutzigen Donnerstag hier um Fasnetliede aufzusagen", erinnert sich Wolfgang Reiter. "Es ist sehr schade, dass nun eine weitere Adresse für dieses ureigene Brauchtum des Frohsinn wegfällt". Das "Heischen" oder um Gaben betteln, wird in einer bestimmten Weise angesagt. Man wünscht dem Gebenden alles Gute und bedankt sich. Ist der Beschenkte nicht zufrieden, äußert er sein Missfallen mit dementsprechenden Fasnetliedle. Das machen nicht nur die Hansel, auch bei Kindern war dies einst ein beliebter Brauch.

Und genau so war hier die Metzgerei Kanstinger seit Jahrzehnten Anlaufpunkt. Nun sind die Frohsinn-Narren händeringend auf der Suche nach neuen Geschäftsadressen, wo sie am Schmutzige ihre Fasnetliedle aufsagen können. Denn mit dem Wegfallen von den Geschäftsadressen gerät auch das Aufsagen immer weiter in den Hintergrund. Und somit droht auch das Aussterben dieser Tradition.

Die Anfänge

1962 hatte die damals 29-jährige Frieda Kanstinger mit ihrem schon vor Jahren verstorbenen Ehemann die Metzgerei gegenüber dem Rathaus eröffnet. Auch damals eine schwierige Situation. Zwei Jahre lang hatten die Geschäftsräume leer gestanden, erinnert sich die Seniorchefin. Um die Räume überhaupt vermieten zu können, hatte der Inhaber sie den jungen Geschäftsleuten für ein Jahr kostenfrei überlassen.