Das Unterrichtsende an Bord der Pelican of London kündigt sich schon durch den allmählich in die Nase steigenden Duft aus der Bordküche an. Die Schulbänke werden dann geräumt und das Abendessen serviert. Eine Besonderheit hier an Bord sind immer frisches Gemüse, Obst und selbst gebackenes Brot. Allerdings ist uns der ein oder andere Vorrat auch schon ausgegangen: einige Früchte, Toastbrot, Nutella und auch Müsli. Seither ist Queressen hier an Bord ein No-Go. Die letzte gemeinsame Mahlzeit am Tag lassen wir meist in gemütlicher Runde bei Kartenspielen oder Gesprächen ausklingen. Mein Tag endet um 20 Uhr, denn in vier Stunden stehe ich wieder am Ausguck und lausche der Musik unserer Nachtwache.

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  • Viele Seekranke: So sieht allerdings nur der ganz typische Alltag auf der Pelican of London aus. Gerade wenn wir frisch in See stechen sind hier etwa mehr als die Hälfte seekrank. Tüten und Tabletten werden hier wie Flugblätter auf der Straße verteilt, natürlich gibt es hier schwächer und stärker ausgeprägte Seekrankheiten. So kann ich von Glück sprechen, nur sehr wenig von der lästigen Plage betroffen zu sein. Für mich fühlt es sich an wie eine fahrende Achterbahn im Bauch und im Kopf zugleich, dabei widerstrebt es mir sowohl die Mahlzeiten zu riechen als auch zu essen. Das Wundermittel gegen Seekrankheit besteht einzig und allein aus Schlafen, Essen, Trinken, Warmbleiben und ganz wichtig Lächeln!
Auf einem Segelschiff herrscht nicht immer nur Flaute und Sonnenschein. Es kann auch mal rau zugehen, etwa bei Wellengang mit bis zu sieben Meter hohen Wellen.
Auf einem Segelschiff herrscht nicht immer nur Flaute und Sonnenschein. Es kann auch mal rau zugehen, etwa bei Wellengang mit bis zu sieben Meter hohen Wellen. | Bild: Ocean College
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  • Sieben Meter hohe Wellen: Besonders präsent ist das große Übel bei starkem Seegang. Solchen hatten wir bereits einmal mit sieben Meter hohen Wellen. Die Nacht war beinahe schlaflos; ständig sind Bücher, Klamotten oder andere Gegenstände, die nicht seefest gelagert waren, durch die kleine Kajüte geflogen. So konnte man am nächsten Morgen den Fußboden kaum mehr erkennen, wobei es ohnehin schon schwer war, sich auf den Füßen zu halten. In der Messe, unserem Aufenthaltsbereich, sah es kaum besser aus: die starken Schwankungen des Schiffes verliehen Schranktüren und Geschirr gewissermaßen Flügel. Also quetschte ich mich an diesem Tag mit Keksen und guten Freunden auf die Eckbank, wo man durch die abrupte Schieflage nicht so schnell auf dem Boden landen konnte. Wenn man bei der Wache dann allerdings noch eine Horde von 15 Delfinen aus den Wellen springen sieht, welche immer wie eine blau-graue Hügellandschaft auf mich wirkt, dann ist solch ein Tag letztendlich einer der schönsten und aufregendsten zugleich.
In der täglichen Happy Hour wird die Pelican of London wieder auf Hochglanz gebracht. Auch Nele Haarmann muss tatkräftig mit anpacken.
In der täglichen Happy Hour wird die Pelican of London wieder auf Hochglanz gebracht. Auch Nele Haarmann muss tatkräftig mit anpacken. | Bild: Ocean College
  • Höhepunkte: Die gibt es hier allerdings jeden Tag. Die sechs Wochen, die ich schon auf dem Ozean lebe, fühlen sich durch die sowohl positiven als auch negativen Ereignisse bereits wie sechs Monate an. So erinnere ich mich an eine atemlose Nacht durch die defekte Klimaanlage bei tropischen Temperaturen oder das Reißen vier unserer Segel innerhalb von wenigen Tagen. Doch schlechte Laune macht sich hier deshalb auf gar keinen Fall breit, viel eher ergeben sich aus unseren Schicksalen spontane Landgänge oder eine Segelflick-Aktion auf dem sonnigen Deck mit guter Musik. Spontaneität zeigt sich auch in Hinsicht auf unsere Reiseziele. So hat uns unser Kapitän bereits ermöglicht, eine Naturschutzinsel mit einem der schönsten Strände Europas zu erkunden. Auch der mehrtägige Aufenthalt in Marokko war eine Überraschung für uns Schüler und damit soll es noch nicht genug sein: Weihnachten werden wir voraussichtlich auf der Insel, die als Kulisse für „Fluch der Karibik“ diente, verbringen und den dazu passenden Film auf einem ausgebreiteten Segel genießen. Aber hundertprozentig sichergehen kann man hier nie. Bereits gelernt habe ich nämlich, dass hier alles vom Wind und den Überraschungen der Crew abhängt. Diese lässt zum Beispiel eine vermeintliche Mann-über-Bord-Übung in einen kurzfristigen Badegang inmitten des Atlantischen Ozeans enden.

Diese alltäglichen Erlebnisse bei Ocean College motivieren mich also jeden Tag trotz und wegen der nächtlichen Wache aus meinem Bett zu krabbeln. Also werde ich nun diese Routine an Bord mit hoffentlich einigen Überraschungen fortführen, bis wir in voraussichtlich 16 Tagen in der Karibik die Schulbücher pauken.