Donaueschingen – In Alfred Hitchcocks Grusel-Klassiker waren es unzählig viele Vögel, die ein Küstenstädtchen in Angst und Schrecken versetzten. Auf der Baar und in anderen Regionen ist derzeit ein umgekehrtes Phänomen zu beobachten. Viele Vogelfreunde, die in den vergangenen Jahren viele Piepmätze in ihren Vögelhäuschen beobachteten, warten diesen Winter vergeblich auf Vögel, die das bereitgelegte Futter oder die Meiselknödel wegpicken.

Etwa Stadträtin Martina Wiemer, die seit Jahren bei den regelmäßigen Vogelzählungen der Umweltschutzorganisation BUND mitmacht, hat so einen Winter noch nicht erlebt. "Außer Spatzen habe ich im Garten keine Vögel gezählt. Und selbst davon gibt es nur wenige." Mit dieser Beobachtung ist sie nicht allein. Auch Umweltberater Gerhard Bronner, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Landesnaturschutzverbandes ist, ist dieses Phänomen nicht verborgen geblieben. Eigene Beobachtungen würden mit den Ergebnissen der BUND-Winterzählung übereinstimmen, die am 16. Januar endete: Statt der knapp 42 Vogelindividuen pro Garten im langjährigen Mittel wurden in diesem Jahr nur 34 Vögel pro Garten gemeldet – ein Rückgang von 20 Prozent, heißt es in einer BUND-Mitteilung. Vor allem Vogelarten, deren Winterbestände stark vom Zuzug von Artgenossen aus dem kälteren Norden und Osten abhängen, darunter alle sechs Meisenarten, seien selten.

Aber nicht in allen Vogelhäuschen herrscht gähnende Leere. Vogelfreunde, die nicht nur bei Schnee und Frost füttern, sondern der Experten-Empfehlung folgen und schon ab Herbst oder ganzjährig füttern, können über fröhliches Treiben im Garten nicht klagen. Dazu zählt auch der Villinger Ökologe Felix Zinke: "Vögel aller Arten sind da, aber auch nicht in Massen."

Schlechter Bruterfolg durchs verregnete Frühjahr 2016 oder nachlassende Wanderlust durch mildere Winter? Experten wie Hans-Günter Bauer, Wissenschaftler an der Vogelwarte Radolfzell, sind sich da noch nicht einig: "Uns liegen etlich Meldungen vor, aber man muss in der Beurteilung vorsichtig sein. Tatsache aber ist, dass große Arten wie Störche, Gänse oder Schwäne zahlenmäßig zunehmen, kleinere deutlich ab." Hierfür gebe es viele Gründe, etwa fehlende Nistplätze durch zunehmenden englischen Rasen in Gärten. Zwei entscheidende seien aber der verstärkte Einsatz von Pestiziden und die überhand nehmenden Monokulturen in der Landwirtschaft. "Der Gifteinsatz hat dafür gesorgt, dass es inzwischen viel weniger Insekten gibt. Das merkt inzwischen jeder Autofahrer. An den Windschutzscheiben kleben im Sommer viel weniger Insekten als früher." Das geringere Nahrungsangebot auf den Feldern, etwa durch die immer seltener zu sehende Stoppelbrache, die Schutz und Futter reichlich für ganze Schwärme geboten habe, sorge auch bei den Körnerfressern für rückläufige Zahlen. Im Nordosten Deutschlands mit noch weiterhin vielen kleinbäuerlichen Strukturen seien die Vogelbestände deutlich höher, so Bauer. "Wir wissen auch, dass die hiesige Landwirtschaft ums Überleben kämpft, für die Umwelt ist diese Entwicklung aber eine Katastrophe", sagt der Wissenschaftler.

Vögelfütterung

Wenn Vögel keine Initialfütterung erhalten, so Vogelexperte Felix Zinke, blieben sie vielfach weg. Deshalb sollte schon frühzeitig im Herbst mit der Fütterung begonnen werden. Ansonsten würden sich die Vögel mit abnehmendem Angebot anderweitig umschauen, etwa Meisen im Wald, wo es heuer viel mehr Bucheckern gibt.