Es ist nicht für jeden eine Binsenweisheit: Kultur lebt von Beziehungen. Komponisten und Musiker, Orchestermanager und Intendanten, Journalisten und das Publikum sprechen in unterschiedlichen Zusammenhängen miteinander, kennen sich und vertrauen einander oder auch nicht. Zwischenmenschliche Beziehungen wirken über nationale, berufliche und genrebedingte Grenzen hinweg. Und sie dienen dazu, nicht nur große Kunst entstehen zu lassen, sondern hier und dort auch um Meinungsverschiedenheiten zu klären. Dem Thema "Vitamin B – Beziehungen im Musikleben" war die Podiumsdiskussion im Museum Art-Plus zum Auftakt der Donaueschinger Musiktage gewidmet. Das Interesse daran war so groß, dass die Debatte per Video in den Vorraum übertragen wurde.

Moderiert von Routinier Stefan Fricke vom Hessischen Rundfunk und der versierten Musikredakteurin Susanne Benda haben drei prominente Teilhaber am zeitgenössischen Musikleben ihre Ansichten zum Thema Beziehungen dargelegt: die Komponistin Isabel Mundry, der Musikmanager Hervé Boutry und der Opernintendant Viktor Schoner.

Liest man im Veranstaltungstitel "Vitamin B", kann sich die Vermutung nahelegen, es ginge um Beziehungen, denen ein Makel anhaftet: um Begünstigungen, um Komplizenschaft und andere Unappetitlichkeiten. Allerdings wurde schnell klar, dass solche Dinge in seriösen Kreisen so gut wie nicht vorkommen, sondern dass es in der verzweigten Musikpraxis um Beziehungsstrukturen geht, die für das Kulturleben unverzichtbar sind. Dazu folgende Beispiele:

  • Nachwuchsförderung: Als Hochschulprofessorin hat Isabel Mundry eine enge geistige Beziehung zu ihren Studierenden der Komposition in Zürich und München. Neben der fachlichen Arbeit gilt es für sie dabei, interkulturell zu denken. "Wie kann ich sonst Studierende aus Asien beurteilen?"
  • Jury-Arbeit: Bei musikbezogenen Wettbewerben treffen Jurys wichtige Entscheidungen, die Juroren haben häufig berufliche Beziehungen – man kennt sich. Gefordert sind trotz persönlicher Nähe hohe Verantwortungsbereitschaft, gewissenhafte Unbefangenheit und Transparenz nach außen.
  • Vertrauensbildung: Der ökonomisch besetzte Begriff Compliance fällt zunehmend häufig auch im Musikbetrieb. Gemeint ist schlicht ein ethisch korrektes Verhalten in Beziehungen, aus dem Vertrauen entstehen kann. Für Hervé Boutry, den erfahrenen Musikmanager, zählen viele Freundschaften zum wichtigsten "Kraftstoff" seiner Arbeit.
  • Netzwerke: Für Viktor Schoner, den neuen Intendanten der Staatsoper Stuttgart, gilt es, als für die Kunst Schaffender den Blick offen zu halten für andere gesellschaftliche Systeme. Seine Karriere hat ihm eine das Publikum erheiternde Erfahrung eingebracht: "Mit Bankern redet man über Kunst, mit Künstlern über Geld."

Stefan Fricke schließt das interessante Podium mit dem Satz "Musik ist eine Beziehungskunst." Technisch brillant mitgestaltet wurde die Veranstaltung durch zwei Bratschisten von internationalem Format: Garth Knox und Megumi Kasakawa.