Welches Opfer sind die Baaremer bereit, für den Klimaschutz zu bringen? Bislang spielte die Energiegewinnung für die Region und das Land Baden-Württemberg ein untergeordnete Rolle. Die Energie wird heute noch zum größten Teil importiert. Mit der von einem Großteil der Bevölkerung gewünschten Ausstieg aus der Kernenergie und der politisch beschlossenen verstärkten Hinwendung zu erneuerbaren Energien wird und muss sich das ändern. Das machten die Windkraftbefürworter bei der Kundgebung unter dem Titel „Energiewende braucht Rückenwind“ am Sonntagnachmittag auf der Gerbewies' nochmals deutlich. Ein für alle gut verkraftbarer Beitrag und Schritt in diese Richtung wären die zwölf geplanten Windräder auf Länge und Ettenberg.

Unwetter mit Hochwasser, extreme Dürren, die für Flüchtlingsströme sorgen sowie Bergstürze in den Alpen – jedem werde doch vor Augen geführt, dass "der Klimawandel uns bereits im Griff hat" und endlich etwas für den Klimaschutz getan werden müsse, meinte der erste von vier Rednern, Joachim Nitsch. Er ist anerkannter Energieexperte und in dieser Eigenschaft seit Jahren Berater der Landesregierung und zudem verantwortlich für die Leitstudien des Bundesumweltministeriums zum Ausbau der Erneuerbaren Energien. "Eigentlich müsste der Klimawandel mit seinen Folgen das wichtigste Thema des Wahlkampfs sein, doch leider spielt er kaum eine Rolle, wohl auch, weil die gesetzten Klimaziele nicht erreicht wurden und die klimaschädlichen CO2-Emissionen sogar wieder steigen." Es brauche eine neue Politik, um auch drohende Milliardenschäden zu vermeiden.

Die Einführung eines hohen CO2-Preises wäre ein wichtiger Schritt. Er beklagt aber auch den allzu sorglosen Umgang mit Energie und fehlende Anreize zum Sparen. Die Kraftstoffpreise hätten das Niveau von vor 15 Jahren. Da das Land bislang 80 Prozent der Energie importiere, müsse für die Energiewende Energie aber auch vor der Haustüre produziert werden.

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Landesnaturschutzverbandes sprach Gerhard Bronner. Er gab gleich zu bedenken, dass jede Art von Energiegewinnung die Natur beeinträchtige, nur noch wenig in der Region. Die Windräder würden sicherlich Vögel töten, aber der Klimawandel werde zu einem Artensterben führen. Er bedauerte auch das Verhalten der Automobilhersteller, die "Autos mit Leistungen von Lokomotiven bauen, um 80 Kilo Mensch von A nach B zu transportieren". Gerade die energievergeudenden Glaspaläste der Autohäuser oder die Zuwachsraten im Flugverkehr würden zeigen, dass "wir mit dem Energiesparen noch gar nicht angefangen haben", was auch am billigen Preis liege. "Wenn wir im Land zehn Prozent des Stroms über Windkraft erzeugen wollen, brauchen wir mehr Windkraftanlagen – auch diejenigen auf der Länge." Man werde die Anlagen von weitem sehen und sie seien keine Bereicherung des Landschaftsbildes. Aber auch Straßenneu- und ausbauten, neue Gewerbegebiete und große Maschinenhallen hätten die Landschaft weitgehend ohne Protest verändert. Und man könne, in Anlehnung an ein Kretschmann-Zitat, die Anlagen leicht wieder abbauen, wenn man sie nicht mehr brauche. Bei Atomanlagen- und Braunkohlelöchern sei das nicht so einfach.

Kritisch ging Eva Stegen, Energie-Referentin der E-Werke Schönau, mit den Regierungen ins Gericht. Deren Haltung habe sich gegenüber Erneuerbaren Energien deutlich gewandelt. Die Gesetzgebung sei viel zu erneuerungsfeindlich geworden, womit man den Ausbau bremse. Dabei habe die Windenergie 2017 die Atomkraft und die Steinkohle in Sachen Energielieferung (Kilowattstunden) überholt.

Der Windpark bedeute nicht den Untergang des Abendlandes, meinte Bene Müller, Vorsitzender des Bürgerunternehmens Solarcomplex AG und somit Investor von sieben geplanten Anlagen auf der Länge. Für die Anlagen seien 80 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr prognostiziert, womit man ein Drittel der Kreisbevölkerung versorgen könnte. Doch allein mit diesem Park seien die Aufgaben nicht erledigt. Auf allen Gebieten müsse mehr erzeugt und gleichzeitig Energie gespart werden. Der Park sei ein Beitrag zur regionalen Wertschöpfung und man könne die Energiewende nicht einfach geografisch verlagern. "Der Bau der Anlagen ist ein Eingriff, aber keine Zerstörung des Waldgebiets", betonte er und nannte Zahlen: 0,5 Prozent der 3000 Hektar Waldfläche seien betroffen. Durch Ausgleichsmaßnahmen an anderer Stelle werde wieder aufgeforstet. Und es gebe kaum vergleichbare Flächen im Land, wo Anlagen so weit von einer Wohnbebauung stehen würden. Und in Richtung Gegner meinte er: "Die Rhetorik ist nicht besonders glaubwürdig. Für die Daimler-Teststrecke in Immendingen wurden nicht 15, sondern 150 Hektar Wald fast protestlos geopfert. Es geht ihnen nicht um den Wald, sie opponieren nur gegen die Windkraft."
 

Bild: Solarcomplex

Kundgebung in Riedöschingen

Ein Rehkitz liegt zusammengekauert auf einer Wiese und blickt mit großen Bambi-Augen in die Welt hinaus. Es folgen Fotos und kurze Filmsequenzen, die bemooste Steine zeigen, einen Weiher, Pilze und Schmetterlinge. Dazu ist Vogelgezwitscher zu hören und es erklingt das bekannteste Motiv aus Friedrich Smetanas Komposition „Die Moldau“. Über dem Naturidyll zieht ein Milan seine Kreise. Keine Frage: Der Film, der zu Beginn des „Forums rettet die Länge“ den rund 350 Besuchern in der Riedöschinger Kompromissbachhalle gezeigt wird, berührt. Dann kommen Anwohner der Länge zu Wort. Sie wohnen in Neudingen, Hondingen, Fürstenberg, Gutmadingen, Leipferdingen und Aulfingen. Für sie alle ist die Länge Heimat, die so erhalten bleiben soll, wie sie ist. Ohne Windräder. Margit Reichle, Klaus Meilhammer und Raphael Meilhammer, die Macher des Films, erhalten viel Applaus.

Der frühere Journalist und heutige Buchautor Günther Baumann moderiert das Forum und weist auf die Infoveranstaltung der Windkraftbefürworter in Donaueschingen hin. Sein Wunsch: Befürworter und Windkraftgegner sollten sich dazu durchringen, zu einer gemeinsamen Veranstaltung einzuladen. Wieder Applaus.

Als erster Referent des Abends spricht Wolf Hockenjos, viele Jahre lang Chef des Staatlichen Forstamts in Villingen-Schwenningen. Für ihn ist die Länge der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Donaueschingen, Hüfingen, Blumberg und Geisingen bei der Ausweisung von Windrad-Flächen haben einigen können. Die Informationspolitik der genannten Kommunen nennt er „grenzwertig“. Für eine Windenergiezone sei die Länge als völlig unzerschnittener Siedlungsraum und Schnittstelle von Wildtierkorridoren nicht geeignet. Er spricht von einer wichtigen Biotopverbundfläche, die für Windräder eigentlich eine Tabuzone sei. „Heimatschutz ist mehr als ein Wahlkampfthema für braungrüne Rechtspopulisten.“ Dieser Satz erscheint gegen Ende seines Vortags auf der Leinwand hinter ihm. Darüber regt sich Martina Braun, die für die Grünen bei der vergangenen Landtagswahl das Direktmandat im Wahlkreis Villingen-Schwenningen geholt hat, furchtbar auf. Neben ihr sind mit Bundestagskandidat Jens Löw von der SPD und Volker Goerz von den Grünen zwei weitere prominente Politiker in der Kompromissbachhalle. Bei ihren Nachfragen zu den Referaten wird deutlich, dass sie pro Windkraft eingestellt sind. Ganz schön mutig, sich vor der Bundestagswahl am Sonntag dazu zu bekennen. Ein bekannter Vertreter der CDU fehlt an diesem Abend.

Auf Hockenjos folgt Werner Adrion, FDP-Stadtrat in Löffingen und mit 25-jähriger Berufserfahrung in der früheren Netzleitstelle in Donaueschingen. Sein Vortrag strotzt vor Zahlen und Schaubildern. Laien fällt es schwer, ihm zu folgen. Er spricht über die Volatilität von Windenergie, also von großen Schwankungen bei der Stromerzeugung. Und dass man von der Speicherung von Windenergie noch weit entfernt sei. Bei der Fragerunde wird er dann verständlich: Windräder seien technisch problematisch für den Netzbetrieb, außerdem werde in der Region, seit es Strom gibt, auf regenerative Quellen wie vor allem Wasserkraft gesetzt.

„Was macht der Ostfriese, wenn er Strom braucht? Er tritt vor die Tür und holt sich Watt.“ Komödiantisches Talent besitzt der Energieberater Edgar Schmieder. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz gehört für ihn abgeschafft, da Eingriffe in den technologischen Pluralismus unseren Industriestandort gefährdeten und die Wettbewerbsfähigkeit minimierten. Die Energiewende sei eine multikausale Geschichte und fange bei jedem Einzelnen an. „Wir nutzen ganz viele Potenziale nicht, um Energie zu sparen“, sagt Schmieder. Die Industrie könnte eine 40-prozentige Eigenstromproduktion realisieren.

Der gebürtige Schweizer Ueli Joss ist der Spezialist für das Genehmigungsverfahren von Windrädern. Er informiert über die Petitionen an den Landtag und die bei den Behörden eingelegten Widersprüche. Er sieht für die Zukunft vier Optionen: Erstens: Das Regierungspräsidium (RP) bewilligt am 23. Oktober die Waldumwandlung und die Investoren gewinnen die Novemberausschreibung für Windenergie, dann wird der Windpark gebaut. Zweitens: Die Investoren steigen aus der Windkraft aus. Drittens: Der Petitionsausschuss verbietet den Bau. Viertens: Das Landratsamt und das RP schützen die Einwendungen wegen der Unterlassung der unbedingten Umweltvertäglichkeitsprüfungspflicht und veranlassen, dass diese nachgeholt wird.

Die letzten Worte des Abends gehören Angelika Sitte, zusammen mit Luzia Bausch die Frontfrau des Baaremer Windpark-Widerstandes. Sie fordert die Besucher auf, sich in Listen einzutragen und mit ihren Namenszügen zu dokumentieren, keinen Windpark auf der Länge haben zu wollen. Viele folgen dem Aufruf.