Jeden Dienstag zwischen 15 und 17 Uhr verwandelt sich das Mehrgenerationenhaus zu einem kleinen Supermarkt. Dann sind fleißige Frauen an der Arbeit. Anita Zirnig, Mathilde Duelli, Bianca Früh, Inge Unger, Lia Breithaupt und Anneliese Lyss räumen schwere Kisten aus und ordnen alles ansprechend an, damit ihre Kunden gleich den besten Überblick über das Angebot haben. Als Zirnig die große Tür öffnet, begrüßt die 70-Jährige erst einmal alle mit guten Wünschen für das neue Jahr. Bevor die Menschen dann in den Tafelladen hinein dürfen, müssen sie Nummern ziehen, die die Reihenfolge regeln, wer wann einkaufen kann. Im kleinen Nebenzimmer drängt sich dann die Schar dicht an dicht. Einer rollt mit den Augen – er hat eine hintere Nummer gezogen.

Unter den Menschen fällt eines deutlich auf. Es sind viele Asylbewerber gekommen – es sind etwa die Hälfte aller Einkäufer an diesem Dienstagnachmittag. „Seit einem Jahr ist das der Fall. Doch seitdem so viele da sind, kommen auch mehr zu uns“, erklärt Zirnig, die den Betrieb der Tafel seit seiner Eröffnung vor knapp acht Jahren organisiert. Begeistert ist davon aber nicht jeder. Kunden seien deshalb schon weg geblieben oder andere fordern, dass Asylbewerber und Deutsche getrennt abgewickelt werden sollen. „Das kommt nicht in Frage. Erstens ist das logistisch nicht möglich, zum anderen haben wir keine Probleme mit den Asylbewerbern“, stellt Zirnig klar. Auch die anderen Helferinnen berichten davon, dass im Tafelladen häufig der Futterneid spürbar sei. Es gäbe Ängste, dass die Menschen aus der Fremde den Stammkunden das Essen vor der Nase wegkaufen würden, doch das sei nicht der Fall. „Im Gegenteil“, sagt Anneliese Lyss. „So kommen jetzt auch mal die exotischen Sachen weg. Sowas wie Kokosnuss oder Papaya wurde früher immer liegen gelassen. Heute ist es fast immer weg. Überhaupt kaufen die Asylbewerber sehr viel Obst und Gemüse. Doch auch Schokolade und Süßigkeiten stehen bei den Flüchtlingen hoch im Kurs“, berichtet Lyss, die sich auch in der Cafeteria in der Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung engagiert.

Im Tafelladen, in dem alles nur ein Drittel des üblichen Ladenpreises kostet, dürfen nur jene mit einem speziell ausgestellten Ausweis einkaufen. Jedes Jahr aufs Neue müssen die Bedüftigen nachweisen, dass sie auf Unterstützung angewiesen sind. Meist anhand eines Jobcenter-Nachweises. Die Flüchtlinge geben ihren Identifikations-Ausweis beim Einlass ab. „Das die nicht viel haben, ist ja auch klar“, sagt Zirnig.

Alle Lebensmittel, die im Tafelladen angeboten werden, sind noch frisch und in Ordnung. Vielleicht ist die Banane schon etwas brauner, als im Supermarkt, aber schmecken tut sie garantiert noch. Auch vom Angebot ist es so, dass niemand hungrig nach Hause gehen muss. Viele gehen mit drei großen Einkaufsbeuteln nach Hause und haben dafür um die 20 Euro bezahlt. Die Kommunikation mit den Flüchtlingen funktioniert oft nur mit Händen und Füßen, aber Helferinnen und Asylbewerber gehen freundlich miteinander um. „Ich muss ehrlich sagen: Wenn es mal etwas Knatsch gibt, dann kommt es eigentlich mehr von den anderen Kunden“, gibt die frühere Sekretärin Lyss Einblick. Alle Helferinnen der Tafel sind Rentnerinnen und wollen in ihrer freien Zeit noch etwas Gutes tun. Die Kunden seien häufig dankbar und bringen zu besonderen Anlässen auch mal eine kleine Aufmerksamkeit mit. Die Frauen kennen ihre Kunden oft beim Namen– auch schon manch ausländischen Nachnamen.