Auch wenn die Konjunktur ein wenig schwächelt: Wer derzeit einen Handwerker benötigt, muss lange warten. Die Auftragsbücher, vor allem in der Baubranche, platzen fast, die Menschen investieren in Zeiten niedriger Zinsen in Baugold. Für lokale Handwerksbetriebe ist das ein Traum, für denjenigen, der schnell fünf gebrochene Dachplatten von einem Dachdecker austauschen lassen will oder eine Mauer von einem Handwerker verputzen lassen will, weniger. Doch stimmt es tatsächlich, dass bei Handwerkern kein Termin mehr zu bekommen ist? Die Heimatgestalter, ein Verbund von vier Donaueschinger Handwerksbetrieben, relativieren das immer wieder gehörte Problem mit den langen Wartezeiten im Handwerk. Sie treibt eine ganz andere Sorge um: Nachwuchsmangel.

Mit einem Pausrädchen sorgt Markus Balser vom Malerfachbetrieb Baur dafür, dass viele kleine Löcher in einer Schablone entstehen.
Mit einem Pausrädchen sorgt Markus Balser vom Malerfachbetrieb Baur dafür, dass viele kleine Löcher in einer Schablone entstehen. | Bild: Baur, Jochen

„Wir haben alle genügend Arbeit“, sagt Georg Langenbacher vom gleichnamigen Elektrofachbetrieb stellvertretend für seine Kollegen. Doch dass sie grundsätzlich keine freien Kapazitäten mehr hätten, sei ein Fehlglaube. Annette Baur hat sogar gehört, dass manche Menschen erst gar nicht zum Telefon greifen, weil sie glauben, sowieso auf ihre Anfrage nur eine Absage zu erhalten. Doch das sei falsch. „Wir versuchen immer, irgendwie eine Lösung zu finden“, sagt Schreinermeister Bernhard Mauz. Es hänge auch immer von der Art des Anliegens ab, mit dem die Kunden zu ihnen kämen. Ein großer Auftrag müsse geplant und womöglich Material bestellt werden. Dann könne es auch mal zwei bis drei Wochen dauern, ehe sie loslegen könnten. Ein gewisser Vorlauf sei unvermeidbar.

Mit einem Pausrädchen sorgt Markus Balser vom malerfachbetrieb Baur dafür, dass viele kleine Löcher in der Schablone entstehen.
Mit einem Pausrädchen sorgt Markus Balser vom malerfachbetrieb Baur dafür, dass viele kleine Löcher in der Schablone entstehen. | Bild: Baur, Annette

Anders sehe es aber bei kleineren Aufträgen aus oder in Notfällen. Wenn eine Heizung im Winter ihren Dienst aufgibt, „dann rennen wir“, sagt Jürgen Kessler von Kessler Heiztechnik. Das gelte aber vor allem für Stammkunden. „Neukunden aufzunehmen, ist zurzeit schwierig“, so der Handwerksmeister.

Monteur Matthäus Gustke von Kessler Heiztechnik beim Besuch eines Kunden, dessen Heizung gewartet gehört. Bilder: Privat
Monteur Matthäus Gustke von Kessler Heiztechnik beim Besuch eines Kunden, dessen Heizung gewartet gehört. | Bild: Roland Sigwart

Das Problem mit Wartezeiten im Handwerk – insbesondere im Bau- und Ausbauhandwerk – wird sich noch verschärfen. Denn wo kein Lehrling, da kein Meister oder Unternehmer. „Wir bekommen einfach keine Facharbeiter“, sagt Kessler. Er sucht schon lange nach einem Gesellen und dann ist ihm erst vor Kurzem ein Lehrling abgesprungen. Sind junge Leute heutzutage zu wählerisch und nicht mehr belastbar? Es scheint so. „Natürlich sind die ersten drei oder vier Wochen für einen Azubi anstrengend“, doch spätestens dann habe er sich an die für ihn neue körperliche Belastung gewöhnt, meint Kessler. Mauz und Langenbacher betonen, dass es mittlerweile so viele Hilfsmittel gebe, dass niemand mehr aus Furcht vor zu viel Plackerei einen Bogen um ein Handwerk machen müsse.

So wird Verbinder eingefräst: Johann Wagner von der Schreinerei Mauz zeigt Jeremias Glomsda, wie Holz verbunden wird.
So wird Verbinder eingefräst: Johann Wagner von der Schreinerei Mauz zeigt Jeremias Glomsda, wie Holz verbunden wird. | Bild: privat

Im Malerfachgeschäft Baur sind die Azubistellen besetzt, doch um jeden Lehrling müsse gekämpft werden. In diesem Zusammenhang berichtet Joachim Baur von einer Geschichte, die Kopfschütteln nach sich zieht: Ein Realschüler habe im Rahmen der Berufsorientierung ein Praktikum bei ihm gemacht. E habe sich geschickt angestellt und auch Spaß an der Arbeit gefunden. Als der Schüler seinem Lehrer erzählte, bei Baur einen Ausbildungsvertrag unterschreiben zu können, da habe dieser ihm gesagt, dass ihm mit der mittleren Reife doch andere Türen in die Berufswelt offen stünden. Der Realschüler hat sich letztendlich doch dafür entschieden, Pinsel und Kelle zu seinen Arbeitsinstrumenten zu machen – und die Prüfung am Ende der Ausbildungszeit als Innungsbester abgeschlossen.

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Was spricht dafür, einen Handwerksberuf zu erlernen? „Am Ende des Tages sehe ich, was ich gemacht habe“, sagt Lioba Mauz. Das mache zufrieden und glücklich. Und dann spricht sie noch die Themen Energiesparen und Nachhaltigkeit an, die ja bei jungen Menschen – siehe die Fridays-for-Future-Bewegung – gerade hoch im Kurs stehen. Da gehe das Handwerk vorneweg. „Als Handwerker arbeitest Du quasi an der Quelle, da kannst Du was verändern.“ Annette Baur weist noch auf die Karrierechancen im Handwerk hin. Sie begrüß ausdrücklich – auch mit Blick auf die Sicherung von Fachkräften – eine Rückkehr zur Meisterpflicht. 2004 war diese in mehr als 50 von 94 Berufen weggefallen, etwa für Gold- und Silberschmiede oder Fliesenleger. Denn Betriebe ohne Meisterbrief bildeten kaum aus, zudem werde nicht unbedingt nach Qualitätsstandards gearbeitet.

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