Finanzskandale, verkrachte Existenzen, Halbwelt und Boulevard. Das sind keine Phänomene, die erst in der jüngeren Vergangenheit von sich reden machen. Ein Blick ins Geschichtsbuch zeigt, dass man sich vor genau 100 Jahren auch hochkarätigen Tratsch-Stoff in der Stadt erzählt.

Man sei, wie das Villinger Volksblatt im November 1919 meldet, einer großen Unterschlagung bei der Donaueschinger Stadtkasse auf die Spur, in deren Folge sogar der damalige Stadtrechner Morath seinen Hut nehmen musste, obwohl er gar nicht schuld war.

Am 11. November wurde „bei oberflächlicher Revision“ ein Fehlbetrag von 38  000 Mark festgestellt, der später auf 91  000 Mark wuchs. „Täter ist der Stadtkassengehilfe Erb aus Karlsruhe, der schon bei der Holzkasse in Freiburg wegen Unregelmäßigkeiten entlassen werden musste“, wusste das Volksblatt.

Die angebliche Gräfin ist eine geschiedene Bürgerliche

Erschwerend komme hinzu, dass Erb das Geld mit einer als „Dirne“ bezeichneten Dame „durchgebracht“ habe. Dieser Frau, „einer angeblichen Gräfin Lydia von Hohenberg„, die sich zuvor mit „einem Grafen Rödersberg alias Otto Seyfried in Baden-Baden herumgetrieben“ habe und in Wirklichkeit eine „geschiedene Frau Sänger“ war, schenkte Erb „fortgesetzt Brillantschmuck im Wert von vielen Tausend Mark“. Außerdem gestattete er sich und seiner Geliebten vornehme Abendessen im Hotel für 100 und 150 Mark.

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Diese Ausgaben seien aufgefallen, und man frage sich, warum die Stadtverwaltung nicht schon längst nach dem Rechten gesehen habe, stellt die damals erscheinende Zeitung fest. 60  000 Mark von dem unterschlagenen Betrag waren Holzgeld. Der Stadtkassengehilfe Erb wurde drei Tage später verhaftet und gestand die gesamte Summe der Unterschlagungen. Seine Geliebte wurde später in Regensburg festgenommen.

„Wenn es in der bürgermeisterlichen Zuschrift heißt, dass der Gemeinderat von dem luxuriösen Leben Erbs erst vor kurzer Zeit Kenntnis erhalten hätte, so ist das bei unseren kleinstädtischen Verhältnissen, in denen jeder gleich weiß, wenn der andere hustet, nicht recht verständlich“, schreibt das Volksblatt. Allgemein sei in der Bürgerschaft das lockere Leben Erbs bekann gewesen, der in Hotels allein und mit Frauensleuten großartig tafelte und weswegen die Frage auftauchte, woher Erb nur das viele Geld dazu nehme.

Stadtrechner Morath wird seines Dienstes enthoben

Die Untersuchungskommission stellte fest, dass Stadtrechner Morath die ihm obliegende Kontrolle unzureichend ausübte und jedenfalls für die im Scheckverkehr veruntreuten Summen haftbar zu machen sei. Darauf beschloss der Gemeinderat einstimmig, Ersatzklage gegen Morath zu erheben und ihn seines Dienstes vorläufig zu entheben. Gemeinderat Metzger wurde vorübergehend mit der Leitung der Stadtkasse betraut.