13 273 Seemeilen haben wir bis zu unserem Ankunftsort in Brest /Frankreich durch ruhige, türkise oder stürmische, graue See zurückgelegt. Die letzte Etappe von den Azoren bis nach Frankreich lag vor uns und war gespickt von neuen Erfahrungen. Die Schüler übernahmen ab sofort das Kommando und es wurde stürmisch: Gegenwind, eine Reihe von Tiefdruckgebieten und die ein oder andere Planänderung lagen vor uns.

Defekter Motor

Als wir auf den Azoren, der westlichsten Insel Europas, bei 30 Knoten Gegenwind einliefen, hatten wir aufgrund unseres defekten Motors bereits einen langwierigen Aufenthalt vor Key West und demnach eine nennenswerte Zeitverzögerung.

Die letzten Minuten an Bord: Die Rückkehrer werden von einem großen Empfangskomitee erwartet.
Die letzten Minuten an Bord: Die Rückkehrer werden von einem großen Empfangskomitee erwartet. | Bild: Ocean College

Mit der Abfahrt von der portugiesischen Insel lag dann das letzte Landprogramm hinter uns und die letzten arbeitsintensiven Seetage lagen vor uns. Schließlich begann nun die Schiffsübernahme der Schüler. Jeder Schüler hatte insgesamt drei Tage eine Position an Bord eingenommen und so Verantwortung und Arbeit übertragen bekommen.

Kampf mit dem Wind

Die erste Herausforderung lag darin, dass wir mit dem Wind zu kämpfen hatten. Ganz gleich ob Gegenwind, Stürme oder gar kein Wind. Das letzte Stück des Nordatlantiks hielt uns einige Hürden bereit. Es barg mehrere Tiefdruckgebiete, die uns den nordöstlichen Kurs verbauten, somit wurden jegliche Alternativen ausgeschlossen, zum englischen Ärmelkanal zu gelangen ohne eine stürmische See zu vermeiden.

50 Knoten schnelle Winde

So steuerten wir fürs erste in Richtung Norden oder sogar Nordwesten und bereiteten uns und die Pelican of London auf eine raue Überfahrt vor, indem wir unser Sturmsegel auswechselten und Sicherheitsleinen an Deck spannten. Schließlich nutzten wir die 50 Knoten schnellen Winde, die uns über den Nordatlantik zogen.

Tassen gehen zu Bruch

Unter Deck gingen währendessen Tassen zu Bruch und ein Leck in einem Rohr unserer Messe verdonnerte uns zum Wasser aufwischen. Tag und Nacht.

Auf Deck begrüßte uns das Tiefdruckgebiet über dem Ozean mit sieben Meter hohen Wellen, sowie Sonnenschein und stellte sich als wahre Schönheit dar. Einer der Momente, in denen mir die Abhängigkeit eines Seglers von Wind und Wetter, als auch die Seefestigkeit unseres Heimatschiffes wieder bewusst wurden.

48 Grad Schräglage

An diesen stürmischen Tagen rückten wir noch einmal eng zusammen; unsere Teamfähigkeit wurde bei teilweise 48 Grad Schräglage ein letztes Mal auf die Probe gestellt und in den ruhigen Minuten übten wir Seemannslieder für unsere Ankunft. Durch die unpassenden Winde wäre die geplante Ankunft in Bolougne um einige Tage verspätet gewesen. Frei nach dem Motto: „Pläne sind zum ändern da“, verlagerten wir unseren Ankunftsort für eine pünktliche Heimkehr weiter in den Westen. Das neue Ziel war nun Brest.

Als Bootsmann im Dienst

Aber spannend blieb es auch noch unserem kleinen Sturm. Ich nahm während des letzten Schülerhandovers schließlich den Job des Bootsmannes ein und lernte die Aufgabenbereiche und Herangehensweise bei der Arbeit an Deck kennen, dort wo Arbeit und Freizeit kaum voneinander getrennt werden können.

Fischerleine hängt am Schiff fest

Einen Tag vor unserer geplanten Ankunft wurde es dann aber noch einmal aufregend. Das zweite Mal auf dieser Reise waren wir nun durch eine Fischerboje gesegelt und zogen hinter uns eine Fischerleine her, die mehrere Kilometer in den Ozean reicht und sich bei uns verfangen hatte. Doch dank unserer Crew, hatten wir den größten Teil der mit Haken übersäten Schnur schließlich entwirren können. Wir hatten Glück, dass unsere Schiffsschraube oder unser Ruder nicht betroffen waren und wir deshalb uns weiterhin auf den Heimweg machen konnten.

Am 13. April läuft die Pelican of London schließlich in Brest ein. Die Schüler stehen auf den Masten und singen Seemannslieder zum Abschied.
Am 13. April läuft die Pelican of London schließlich in Brest ein. Die Schüler stehen auf den Masten und singen Seemannslieder zum Abschied. | Bild: Ocean College

Rückkehr mit Seemannsliedern

Am 13. April liefen wir schlussendlich, auf unserem Masten stehend, in Brest ein. Im Chor sangen wir monatelang einstudierte Seemannslieder, die unseren Abschied repräsentierten. Leicht fiel es letztlich keinem von uns, das sechsmonatige Leben auf der Pelican mit unserer Crew als Familie, wieder gegen das Leben in Deutschland oder der Schweiz einzutauschen. Mit einem Zertifikat und gepackten Seesäcken ließen wir dann ein letztes Mal unsere Pelican of London mit all ihren einprägsamen Geschichten hinter uns.

Schwielen und Narben

Doch nicht nur die Unterschrift des Kapitäns auf unserer Urkunde zeugt von unserer Traumreise mit Ocean College. Viel eher sind es die Narben an den Schienbeinen, die sich jeder das ein oder andere Mal zugezogen hat, die Hautschwielen in den Handflächen, vom mühevollen Setzen der Segel, oder die braun gebrannte Haut von der täglichen Wache an Deck. Die größten Veränderungen, die uns die sechs Monate geschenkt haben, werden wir wohl erst wieder in unserem Alltag erkennen. Sei es das Bewusstsein für unsere Umwelt, der zwischenmenschliche Umgang, das selbstständige Lernen, die Freude über Kleinigkeiten.

Reich an Erfahrungen

Aber auch Weiterentwicklung, die man nach 184 Tagen auf einem Segelschiff mit 41 anderen Menschen oder in verschiedensten Kulturen in 13 verschiedenen Orten, mitnehmen durfte. Reicher an Erfahrungen, Geschichten und neu kennengelernten Menschen bin ich in Fützen angekommen und bin nun wieder weiter Teil des alten Schulsystems. Danke an Ocean College, die treue Pelican of London mit ihrer Crew, meinen lieb gewonnenen Mitseglern und all denen, die mir diese unvergessliche Reise ermöglicht haben.

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