Es war ein Experiment, für das es neben technischem Wissen sehr viel Überzeugungskraft benötigte. Aus der Idee haben sich Mini-Stadtwerke mit einer stetig wachsenden Zahl an Kunden entwickelt, die den Komfort nicht missen möchten. Und nun feiert die Brigachschiene GmbH & Ko. KG, die inzwischen an 237 Kunden Wärme liefert, nicht nur eine lange Erfolgsgeschichte, sondern auch das 20-jährige Bestehen – mit einem Grillfest für die Mitarbeiter und einem Tag der offenen Tür am 24. September, dem Bundestagswahlsonntag, in der seit 2013 laufenden Heizzentrale am Bahnhof.

Gründer Joachim Ledwig arbeitete als Ingenieur einst für die Fürstenberg-Brauerei, die in den 1990er-Jahren parallel zu weiter steigenden Energiekosten begann, ihre beim Brauen anfallende Wärme für Heizzwecke zu nutzen. Der Wärme-Überschuss war aber so groß, dass Ledwig die Idee hatte, Häuser in der Nachbarschaft mit Wärme zu versorgen. Mit dieser Idee machte sich Ledwig selbstständig und eröffnete ein Ingenieurbüro im Schützen-Gebäude an der Irmastraße (heute am Arnold-Schönberg-Ring). Und weil die ersten Gebäude mit einer Leitungsschiene entlang der Brigach angeschlossen werden sollten, war auch der für Außenstehende heute nicht leicht nachvollziehbare Firmennamen entstanden, zumal mit dem Ausstieg der Brauerei wegen Eigennutzung der Abwärme mit Inbetriebnahme der neuen Heizzentrale am Bahnhof der Bezug zur Brigach verloren gegangen ist .

Inzwischen ist das Versorgungsnetz auf beachtliche Größe gewachsen, allerdings nicht gleichmäßig von innen nach außen, sondern dort, wo Bedarf war und mit Unterstützung der Stadt. Denn die war schnell vom CO2 einsparenden Projekt überzeugt und half so zum Erfolg mit. Man ließ etwa Rathaus, Donauhallen oder auch das Fürstenberg-Gymnasium anschließen, als dort neue Heizungen fällig wurden. Der enge Kontakt zur Stadt ist für das Unternehmen weiter wichtig. "Werden Kanäle oder andere Leitungen in Neubaugebieten verlegt oder im Bestand erneuert, sind wir meist dabei. Hierfür gibt es ein jährliches Koordinationsgespräch auch mit anderen Versorgern wie Telekom oder Gasversorger", sagt Ledwig. Auf diese Weise kann das Nahwärmenetz kostengünstig wachsen.

In diesem Jahr wird das Wärmenetz in der Siedlung und der Spitalstraße erweitert. Im Zuge städtischer Maßnahmen in der Eichendorffstraße wird das Netz bis in die Beethovenstraße verlegt, wo der größte Abnehmer der letzten Jahre wartet: die Gewerblichen Schulen. "Die Schule wird uns eine Leistung von einem Megawatt Wärmeleistung im Jahr abnehmen. Das entspricht hundert Einfamilienhäusern", freut sich Hilser.

Die Schlichtheit des Systems überzeugt ohne Werbung, meint Ledwig: "wir fragen nur, ob jemand anschließen will." Zwar ist der Wärmebezug im Jahr etwas höher als bei einer gewöhnlichen Heizung, dafür muss der Kunde keine teure Heizung mehr kaufen, sondern lediglich eine viel günstigere Übergabestation, die von der Nahwärme Brigachschiene gestellt und angeschlossen wird. Kessel, Schornstein, Brennstofflager und Brennstoffleitungen sowie die Abgasverrohrung entfallen. Auch entfallen die gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen zur Deckung des Bezuges von erneuerbarer Energie, denn die Wärme wird zu 100 Prozent durch Kraft-Wärme-Kopplung unter Einsatz von Biomethan – doppelt so teuer als gewöhnliches Erdgas – erzeugt.

Strategisch setzt man künftig mehr auf eine Netzverdichtung als auf Erweiterung. "Derzeit liegt die Anschlussdichte bei 60 Prozent", sagt Hilser. Diese werde steigen, je mehr alte Heizungen in den versorgten Straßen ihren Geist aufgeben werden. Mit der Nachverdichtung wird das System auch allmählich seine Leistungsgrenze erreichen. Ein starkes Netzwachstum wäre nur über den Bau einer weiteren Heizzentrale möglich. Bei 13,5 Millionen Euro an Investitionssumme in 20 Jahren denke man daran vorerst aber nicht, meint Ledwig mit Blick auf finanzielle Lasten.

Brigachschiene

  • Das Projekt wurde 1997 gegründet. Seit dem Bau der Heizzentrale 2012 für 5,6 Millionen Euro ist die EGT Energie GmbH aus Triberg zu 50 Prozent beteiligt.
  • 13 Kilometer umfasst die Wärmetrasse von der Humboldtstraße im Norden, bis zur Bühlstraße im Süden, von den Donauhallen im Westen bis zum Baugebiet Im Killtel (Sennhof) im Osten. Derzeit werden 237 Kunden gezählt.
  • Die vier Gasmotoren (je 1200 kW Leistung) produzieren auch Strom für 5000 Haushalte bedarfsorientiert durch Teilnahme am virtuellen Kraftwerk Next.
  • Durch den BHKW-Betrieb und Biomethangas-Einsatz wurden 2016 rund 13 000 Tonnen CO2 im Vergleich zur konventionellen Strom- und Wärmeerzeugung in Kesselanlagen. (gvo)