Nele, wie ist es Dir seit Deiner Rückkehr denn ergangen?

Es ist schwierig wieder reinzukommen, weil man mit den Gedanken teilweise noch auf dem Schiff ist. Schule ist ein bisschen schwierig, weil ich das Schulsystem nach Ocean College uncool finde.

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Wie hat sich der Schulunterricht an Bord denn von dem üblichen unterschieden?

Ganz viel hängt von dem Lehrer-Schüler-Verhältnis ab. Das ist natürlich logisch, wenn man zusammenlebt. Es war viel lockerer und nicht so hierarchisch, wie man es von hier kennt. Aber auch Biologie, Erdkunde und Chemie ging richtig gut. Wenn etwa ein Fisch an Bord gefallen ist, dann hat man den eben seziert und über das Ökosystem Meer gesprochen. Wir hatten pro Tag vier Stunden Unterricht. Das entspricht viel eher dem, was man aufnehmen kann. Hinzu kommt viel freies Lernen.

Mit dem Segelschiff „Pelican of London“ war Nele Haarmann sechs Monate unterwegs.
Mit dem Segelschiff „Pelican of London“ war Nele Haarmann sechs Monate unterwegs. | Bild: Ocean College

Was bedeutet das?

Das Kommunizieren und das Miteinander lernen. Ich habe mich zum Beispiel beim Thema Genetik neben meine Bio-Lehrerin gesetzt und mich mit ihr unterhalten. Durch meine Fragen konnte ich mir genau das erarbeiten, was ich ohnehin brauchte. Das war viel entspannter, als wenn ein Lehrer vorne steht und einfach 45 Minuten zuredet.

Der Unterricht fand auch immer in kleinen Gruppen statt?

Ja, wir etwa zwölf in einer Klasse. Wir haben viel in Gruppen miteinander erarbeitet. Der Unterricht war natürlich so, dass man nicht alle Themen durchmacht, die man hier braucht. Ist ja auch logisch, wir kommen alle aus verschiedenen Bundesländern.

An Bord des Seglers „Pelican of London„ hattet ihr rund um die Uhr zu tun. Wie war die Zeit danach für Dich?

Es war langweilig. Tatsächlich hatte man das Gefühl nichts geschafft zu haben. An einem Tag an Bord hat man so viel geschafft. Dadurch, dass man immer irgendwie etwas zu tun hatte, wurde es nie langweilig. Hier musste ich mir Beschäftigung suchen.

Wie war denn die ersten Tage an Bord eines so großen Schiffes?

Es war ziemlich eng. Und nachts, wenn es rüttelt, wacht man auf. Es ist unfassbar laut, wenn alles hin- und her rutscht und nicht seefest ist. Man gewöhnt sich aber dran. Unser Bootsmann hat mal gesagt: ‚Wenn man nicht arbeitet sollte man essen oder schlafen.‘ Man hat immer Action. Wenn man was zu tun hat, wird man nicht müde, wenn man nichts mehr zu tun hat, geht man schlafen.“

Die Seekrankheit hat dich auch erwischt?

Ja, einmal war ich richtig schwer krank. Man kann dennoch etwas machen, das ist Einstellungssache. Natürlich geht es einem nicht gut. Es fühlt sich an, als wenn in Kopf und Bauch eine Achterbahn wäre. Man möchte nicht unter Deck, da wird einem echt schlecht. Man ist am besten auf Deck und schaut sich den Horizont. Ein Freundin war immer seekrank. Hätte sie sich davon runterziehen lassen, dann hätte sie sechs ganz schlimme Monate gehabt. Aber das hat sie nicht gemacht.

Du hast auch Seegang mit sechs Meter hohen Wellen erlebt, wie war das für Dich?

Das war an der europäischen Westküste. Ich hab mich immer gefreut, weil es Action gab. Es war gar keine Angst an Bord, durch die Stimmung. Niemand hatte Angst und das verbeitet sich auch. Hätte sich jemand richtig gefürchtet, wäre es vielleicht auch in der Gruppe unruhiger geworden. Wenn man auf Deck war, musste man sich immer anschnallen. Das war unfassbar, das zu sehen. Man stellt sich das gar nicht so vor. Wenn man mit dem Schiff runterfährt und es dann wieder hochgeht – es sieht wirklich aus wie Berge.

Das sind eine Menge Eindrücke. Kannst Du da eine Erfahrung rausnehmen, die für Dich die beeindruckendste war?

Ich glaube, das geht nicht wirklich. Die Gefühle und das Miteinander – das ist etwas ganz Großes gewesen. Und das Ansprechen von Konflikten, eine Haltung zeigen, sich für etwas einsetzen und das machen, was einem Spaß macht.

Gab es auch mal Ärger an Bord?

So richtig eigentlich nicht. Eher dann mal, dass der Käptn nicht so gelaunt war. Aber es war immer das A und O, das man ein Problem angesprochen hat. Dann war das absolut vom Tisch und niemand war nachtragend.

Jeder musste sich auch für ein bestimmtes Aufgabenfeld entscheiden.

Ja, das waren die so genannten Pathways. Ich habe mich da mit dem Mikroplastikthema beschäftigt. Wir hatten da Rüdiger Stöhr von One Earth-One Ocean dabei. Wir haben jeden Tag Wasserproben genommen und die gefiltert. Dabei wurden jeden Tag Wasserproben genommen und gefiltert. Erschreckend war, dass sich in jeder Probe Mikroplastik befand. Das haben wir ausgewertet und über die Lösungsansätze diskutiert.

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Hat Dir das Ocean College geholfen, eine Entscheidung für deinen beruflichen Weg zu treffen?

Ich habe mit dem Segeln etwas Neues kennengelernt, was mir Spaß macht und eine neue Leidenschaft ist. Durch die Nachtwachen, bei denen man viel Zeit hatte, um zur Ruhe zu kommen und nachzudenken. Ich bin da eher noch sicherer geworden, sodass ich Medizin studieren möchte. Und dass es verschiedene Wege dorthin gibt und man nicht immer den Trampelpfad nehmen muss.

Wie lange dauerte es denn, bis man sich auf dem Schiff so richtig zurecht fand?

Es hat tatsächlich ein bisschen gedauert, weil wir ins kalte Wasser geworfen wurden – gerade mit der Sprache und wo man zu ziehen hat. Spätestens auf dem Atlantik hat dann jeder gewusst, wie und was. Und jeder hat festgestellt, ober das Segeln gut findet, oder es nicht wirklich braucht.

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Wie hast du die Ankunft zum Ende der Reise erlebt?

Für mich war es traurig, ich wäre am Liebsten auf dem Schiff geblieben. Es war repräsentativ für die Reise. Wir haben monatelang Seemannslieder einstudiert und die dann gesungen – quasi ein Revue passieren. Die Eltern dann dort stehen zu sehen, das war irreal. Oben auf dem Mast zu stehen, das ist ein richtig schönes Gefühl. Damit dann einzufahren, das war toll.

Fragen: Guy Simon