Wer ist Atilla Fördös?

Atilla Fördös ist seit zwei Wahlperioden Bürgermeister der Stadt Vác. Er ist Mitglied des konservativen Fidesz-Parteiverbandes von Ministerpräsident Viktor Orbán. Dieser „Ungarische Bürgerbund“ sitzt zurzeit mit einer Zweidrittelmehrheit im ungarischen Parlament. Zuvor war Fördös Mitglied des Gemeinderats, der damals eine sozialistische Mehrheit hatte. Bei den Kommunalwahlen im nächsten Jahr wird Vác über den Gemeinderat entscheiden und ob er wieder Bürgermeister wird.

Wie groß ist der Gemeinderat im Augenblick?

Ein früherer parlamentarischer Beschluss hat die Anzahl der lokalen Regierungsvertreter für einige Jahre drastisch reduziert. Der Vácer Gemeinderat hat heute 15 Mitglieder. Neun davon sind von Fidesz, drei von der Union MSZP (Sozialisten) und DK (Partei des früheren Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány), die sich jetzt MSZP-DK nennen. Jeweils einen Vertreter im Gemeinderat hat die Partei Jobbik, die als Rechtspopulisten gelten, aber neuerdings zur Volkspartei tendieren, die Együtt-Lokalpatrioten und die SZAVAD sind beides bürgerliche Organisationen. Fidesz hat die Mehrheit in Rat und Verwaltung.

Was sind aktuelle Themen in Vác?

Die Sitzungen finden jeden Monat einmal statt. Bei jeder Sitzung gibt es einen Bericht der „Holding“, dem Verband aller städtischen Unternehmen. Unter anderem wird auch der „Berichtigungshaushalt“ diskutiert. Größere Investitionen erfolgen in der Regel mit staatlicher Unterstützung oder mit Mitteln der Europäischen Union, da das Stadtbudget selbst für kleinere Investitionen immer sehr knapp bemessen ist. Die Stadt bewirbt sich für solche Projekte, muss jedoch einen gewissen Eigenanteil erbringen. Aktuelle Themen sind ein Neubau der Sporthalle für Handball, die komplette Renovierung des städtischen Theaters, wofür die Regierung eine große Summe zugesagt hat, sowie der Bau einer großen neuen Halle für Veranstaltungen, die ebenfalls aus Regierungsgeldern realisiert wird.

Wie ist die Stimmung in der Stadt, Spürt man Konflikte?

Die Politik ist im alltäglichen Leben in der Stadt präsent, aber es gibt keine offenen Konfrontationen. Abgesehen vom Gemeinderat, wo genauso wie in der nationalen Politik regelmäßig sehr heftige Debatten stattfinden. Als zum Beispiel durch Oppositionsparteien in Budapest zu Protesten aufgerufen wurde, hatte Vác keine vergleichbare Initiative.

Ist Europa eine Hoffnung für Ungarn oder eine Enttäuschung?

In Vác, genauso wie auch auf dem Land, gibt es geteilte Meinungen. Tatsächlich wurden mit Unterstützung der EU viele positive Entwicklungen in der Stadt und ihrer Umgebung angestoßen. Aber wir sehen auch, dass man sich in Brüssel nicht bewusst ist, wie das ungarische Volk wirklich lebt. 1989, nach der Wende, hatten die Menschen große Hoffnungen, dass sie in zehn bis 15 Jahren in vergleichbaren Standards wie die Deutschen leben könnten, aber im Vergleich haben wir bei Löhnen und Lebensbedingungen sehr große Unterschiede. Einige Ungarn geben der EU die Schuld. Nicht die Regierungen, sondern die Menschen sollte die Unterstützung direkt und spürbar erreichen.

Was wünschen sich Unternehmen von der Politik?

Steuersenkungen. Steuern auf Löhne sind in Ungarn immer noch hoch und ein einstufiges Steuersystem mit aktuell 15 Prozent Einkommensteuer ist für die niedrigen Einkommen sehr belastend, während Wohlhabende gut davonkommen. Politik muss für die kleinen Leute offen sein und unter anderem die Korruption stärker bekämpfen.

Wie stellt sich der Arbeitsmarkt dar?

Die Arbeitslosigkeit liegt in Vác mit 2,5 Prozent deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. In den letzten Jahrzehnten haben sich mehrere Unternehmen in der Stadt niedergelassen, typischerweise deutsche Unternehmen. Größter Arbeitgeber ist die Zollner Elektronik Kft mit Hauptsitz in Zandt, die über tausend Mitarbeiter beschäftigt. Die Firma Contitech in Vác, ein Tochterunternehmen von Continental, hat sich in letzter Zeit rasant entwickelt. Die Duna-Dráva Cement Kft, deren Eigentümer Heidelberg Zement und Schwenk Zement sind, hat beispielsweise eine Investition in Höhe von sieben Milliarden Forint (etwa 22 Millionen Euro) in eine hochmoderne Anlage getätigt. Wer also arbeiten will, findet Arbeit in Vác oder in Budapest. In einigen Sparten mangelt es an Arbeitskräften, daher lassen einige Firmen noch jeden Tag Arbeitnehmer aus der Slowakei mit Bussen anreisen.

Sind die Menschen zufrieden mit dem Gesundheitssystem?

In Vác gibt es ein großes öffentliches Krankenhaus, das zuvor städtisch war. Die Einrichtung ist typisch für die ungarische Gesundheitsversorgung: es gibt nie genug Geld. Auf der einen Seite gibt es immer noch ein „Dankbarkeits-Geldsystem“. Das heißt, dass Patienten Ärzte zusätzlich bezahlen, damit diese bevorzugt helfen. Dies ist sogar durch ein Gesetz erlaubt, wenn der Patient das aus freien Stücken macht.

Von Vác nach Donaueschingen: Angelika Müller, Tochter von Zoltan Furucz, ist seit Jahren Ansprechpartnerin und Übersetzerin für Belange von Vác und Donaueschingen. Sie arbeitet im Verkehrsamt.
Von Vác nach Donaueschingen: Angelika Müller, Tochter von Zoltan Furucz, ist seit Jahren Ansprechpartnerin und Übersetzerin für Belange von Vác und Donaueschingen. Sie arbeitet im Verkehrsamt.

Sind die Menschen zufrieden mit der Politik von Ministerpräsident Viktor Orbán?

Viktor Orbán wurde mit zwei Dritteln wieder Ministerpräsident von Ungarn, was für viele eine Überraschung war. Dabei spielte es eine große Rolle, dass die Opposition uneins ist. Aber Fidesz hat das Wahlsystem verändert, so dass eine Zweidrittelmehrheit mit weniger als der Hälfte der Stimmen erreicht werden kann.

Haben die Menschen in Vác Interesse an der Politik?

Ja, sicher, aber sie reden vorsichtshalber nicht über Politik. Politik ist heute in Ungarn ein eher negativer Multiplikator und weniger ein verbindendes Element der Gesellschaft.

Fragen: Manfred Beathalter