Vor fast exakt 50 Jahren, am 20. Oktober 1968, beginnt ein frischer Wind im Donaueschinger Gemeinderat zu wehen. Mit Willi Morisch, CDU, Rüdiger Schell, SPD und Hansjürgen Bühler, FDP, werden junge Talente in die Kommunalpolitik gewählt. Bühler ist 30 Jahre alt, Schell 29 und Morisch 42. Sie prägen nach und nach das Geschehen der Stadt: Gemeinsames Ziel dieses ungewöhnlichen "Dreierbündnisses" ist eine Verbesserung der bis dahin ziemlich vergifteten Stimmung im Rat.

50 Jahre danach: Die Altstadträte (von links) Rüdiger Schell, SPD, Martin Stützler, CDU, und Hansjürgen Bühler, FDP, beim gemütlichen Rückblick auf ihre Arbeit in der Donaueschinger Kommunalpolitik. Sie haben das Stadtgeschehen über Jahre geprägt und sorgen nach und nach für eine Verbesserung des teilweise vergifteten Klimas im Rat.
50 Jahre danach: Die Altstadträte (von links) Rüdiger Schell, SPD, Martin Stützler, CDU, und Hansjürgen Bühler, FDP, beim gemütlichen Rückblick auf ihre Arbeit in der Donaueschinger Kommunalpolitik. Sie haben das Stadtgeschehen über Jahre geprägt und sorgen nach und nach für eine Verbesserung des teilweise vergifteten Klimas im Rat. | Bild: Manfred Beathalter
Hansjürgen Bühler
Hansjürgen Bühler | Bild: Frank Krickl

In einer gemütlichen Ecke des Hotels "Hirschen", Donaueschingens guter Stube, treffen sich drei Altstadträte: Schell, heute 79 Jahre alt, Bühler 80 und Martin Stützler, der 1975 für die CDU in den Gemeinderat gewählt wurde, heute 87. Sie erinnern sich an weit zurückliegende stürmische Zeiten. Willi Morisch ist nicht mehr dabei, er ist im Februar 2006 mit 79 Jahren gestorben.

"Streithähne gehören nicht aufs Rathaus": Dieser Slogan stand 1968 auf einem Flugblatt der Donaueschinger FDP. Das Blatt mit rotem und schwarzem Gockel als Blickfang, vom Donaueschinger Künstler Hans Lang gezeichnet, wurde damals an alle Haushalte verteilt. Anfeindungen und Streitereien prägten das Geschehen, Sacharbeit war kaum möglich. "Es hat geknirscht und geknallt", erinnert sich Rüdiger Schell, "Sachthemen waren der Anlass, um persönliche Streitereien auszutragen." Und Bühler: "Die Sitzung begann erst einmal mit einer Runde Streit."

Streithähne gehören nicht aufs Rathaus: Mit diesem Flugblatt trat1968 Hansjürgen Bühlers FDP in den Ring für die Donaueschinger Kommunalwahlen. Der Künstler Hans Lang hat die Streithähne gezeichnet und damit die Schwarzen und die Roten gleichermaßen getroffen. Nach der Wahl begann der Klimawandel im Gemeinderat. <em>Bild: Privat</em>
Streithähne gehören nicht aufs Rathaus: Mit diesem Flugblatt trat1968 Hansjürgen Bühlers FDP in den Ring für die Donaueschinger Kommunalwahlen. Der Künstler Hans Lang hat die Streithähne gezeichnet und damit die Schwarzen und die Roten gleichermaßen getroffen. Nach der Wahl begann der Klimawandel im Gemeinderat. Bild: Privat

Es dauerte einige Zeit, aber es gelang ihnen, das Klima zu verbessern. Der Architekt Willi Morisch hat baulich viele Spuren in der Stadt hinterlassen, nicht zuletzt an der Tribüne des Reitturniers, am Punkthaus an der Karlstraße oder beim Altenheim Sankt Michael. Hansjürgen Bühler, als Exportkaufmann viele Jahre in führender Position beim Unternehmen Stegmann, ist heute Donaueschingens Ehrenbürger mit 40 Jahren Erfahrung als Stadtrat und über Jahre im Stadt- und Vereinsgeschehen aktiv. Der Gymnasiallehrer Rüdiger Schell, der 1967 nach Donaueschingen kam, war 31 Jahre das Aushängeschild der SPD im Gemeinderat und 38 Jahre im Kreistag. Er wurde 1980, 1984 und 1989 mit Rekordstimmzahlen gewählt. Und Martin Stützler, 44, als er 1975 in den Gemeinderat gewählt wurde: Er leitet das Polizeirevier Donaueschingen, war vier Jahre im Gemeinderat, bevor er 1979 Revierleiter in Spaichingen wird.

Sicheres Zeichen für die Klimaveränderung war eine Einladung von Bundespräsident Walter Scheel in die Villa Hammerschmidt nach Bonn. So reisten Stützler, Schell und Bühler 1976 zur Soiree mit Walter und Mildred Scheel. Der Bundespräsident wollte Näheres über die neue Musik in Donaueschingen wissen. Mauricio Kagel, der argentinische Komponist, spielte auf dem Cello und die Donaueschinger Fraktionssprecher probierten bis um 3 Uhr nachts Scheels speziellen supersauren Diabetiker-Wein.

Empfang im VIP-Zelt nach dem Reitturnier Mitte der 1970-er Jahre: (von links) Martin Stützler (CDU), Rüdiger Schell (SPD), Sieglinde und Erster Beigeordneter Hubert Mahler, Heidi und Hansjürgen Bühler, Else Stützler und Finanzamtschef Norbert Müller.
Empfang im VIP-Zelt nach dem Reitturnier Mitte der 1970-er Jahre: (von links) Martin Stützler (CDU), Rüdiger Schell (SPD), Sieglinde und Erster Beigeordneter Hubert Mahler, Heidi und Hansjürgen Bühler, Else Stützler und Finanzamtschef Norbert Müller.

Es gab unerfreuliche Themen, wie die Erweiterung des Flugplatzes. Mit einer Verlängerung der Start- und Landebahn von 850 auf 1900 Meter sollte Donaueschingen Regionalflughafen werden. SPD-Sprecher Hans Noack war dagegen. Und Karl Albrechts Anwälte standen angeblich regelmäßig auf der Matte, weil der Chef von Aldi-Süd den Öschberghof und sein Privathaus vor allzu viel Lärm schützen wollte. Am Ende landete man nach heftigen Diskussionen bei 1200 Metern Länge.

Bürgermeister war Robert Schrempp. Von 1953 bis 1973 im Amt, kriegte er sich mit Hans Noack regelmäßig in die Wolle. Kleine Ursache, große Folge: Schrempp wollte keine öffentlichen Sitzungen, Noack pochte auf Transparenz. Der SPD-Sprecher wollte einen Spielplatz an der Talstraße, Schrempp und konservative Kreise nicht. So gab es wieder Streit. Für zerfurchte Gesichter im Gremium sorgte auch, dass es keine Sitzungsunterlagen gab, nur ein paar dürre Stichworte. Stadträte versuchten verzweifelt, die von der Verwaltung vorgetragenen Haushalts-Zahlen mitzuschreiben, ein hilfloses Unterfangen. 1973 wurde Bernhard Everke Bürgermeister. Dann gab es endlich Verwaltungsvorlagen und regelmäßig Fraktionssprecher-Runden. Und das Positive der Eingemeindungen: Donaueschingen besann sich auf seine Eigenheiten und stellte zunehmend positive Eigenentwicklungen heraus.