Adolf Baumann kann sich noch gut erinnern. Als er ein kleiner Bub war, wob sich um den alten Pfarrhof eine geheimnisvolle und mystische Geschichte. Und als kleiner Junge zog ihn die Neugierde magisch in die kleine, finstere Kammer ganz ohne Fenster – im Volksmund auch Kaspar-Hauser-Kammer genannt. „Die Hintergründe zu der Geschichte um Kaspar Hauser habe ich natürlich erst viel später erkannt“, blickt der Mundelfinger zurück. Hauser tauchte am 26. Mai 1828 in Nürnberg auf: Er soll zeitlebens in einer dunklen Kammer eingesperrt gewesen sein. Laut zeitgenössischer Gerüchte soll er der 1812 geborene Erbprinz von Baden gewesen sein, den man gegen einen sterbenden Säugling getauscht und beiseitegeschafft haben soll. Bewiesen ist es historisch nicht, dass der rätselhafte Findling der Biedermeierzeit in Mundelfingen war, doch das Gerücht hielt sich in Mundelfingen hartnäckig.

„Der Pfarrer hatte es nicht ausdrücklich verboten, in die Kammer zu gehen“, erinnert sich Baumann. Und so huschten die Ministranten, wenn sie das Feuerholz auf den Speicher bringen mussten, auch einmal in die Kammer und blickten sich um. Ansonsten wurde im Pfarrhaus über das Thema geschwiegen und das im wahrsten Sinne des Wortes. „Der Pfarrer hat Fragen dazu einfach überhört.“ Auf einen ehemaligen Pfarrer sind auch die Gerüchte zurückzuführen: Johann Evangelist Engesser. „Er war auch gleichzeitig Geheimrat im badischen Innenministerium und stark mit dem großherzoglichen Hof verbunden“, erklärt Baumann. Und Engesser wurde vorgeworfen, an der Entführung Kaspar Hausers beteiligt gewesen zu sein. Doch das liegt genauso im Dunkeln, wie die wahre Identität des Findlings. „Ob Kaspar Hauser nun in Mundelfingen war, ob es ein Tag, eine Woche oder gar Monate waren, kann man nicht sagen.“

Engesser selbst hat den Mundelfingern viel Gutes getan. Nach seinem Tod – er wurde übrigens in Mundelfingen begraben – wurde eine Stiftung gegründet: Die Volksschule wurde mit Büchern ausgestattet und jedes Kommunionskind bekam ein Gebets- und Gesangbuch.

Das Grab ist heute ebenso verschwunden wie der ehemalige Pfarrhof. „Ich kann mir vorstellen, dass man da einen Strich drunter machen wollte“, mutmaßt Baumann. Denn als der Pfarr-hof in den 1960er Jahren abgerissen wurde, sei er eigentlich noch in einem guten Zustand gewesen. Unterlagen gibt es ebenfalls keine mehr. Vielleicht wollte man einfach nur den Gerüchten keinen Nährboden mehr geben. Denn seit der Pfarrhof nicht mehr existiert, gerät auch langsam die Geschichte in Vergessenheit. „Die Älteren wissen es noch, doch bei Jüngeren ist das kein Thema mehr.“

Mit ein Grund, warum Baumann auch beim Projekt der Bürgerstiftung „Hifinger Gschichtle“ mitgemacht hat. „Wir hatten überlegt, ob wir das mit Kaspar Hauser in die Chronik aufnehmen, aber da gehören ja nur erwiesene Ereignisse rein und nichts Spekulatives“, sagt Baumann. Doch genau das trifft den Charakter der „Hifinger Gschichtle“ – Erinnerungen, die für die Nachwelt dokumentiert werden sollen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Baumann hat übrigens am Mittwochabend noch ein zweites Thema parat: Er hat sich intensiv mit der Auswanderung vor 200 bis 150 Jahren beschäftigt – und zieht erstaunliche Parallelen zu heute.

Hifinger Gschichtle

Das Projekt der Bürgerstiftung wird am Mittwoch, 12. April, der Öffentlichkeit präsentiert. Dann werden die "Hifinger Gschichtle" um 19 Uhr im Stadtmuseum gezeigt. Neben Adolf Baumann werden auch Hermann Kern, Otto Böhm und Kuno Fritschi von ihren Erinnerungen erzählen. Doch das Projekt ist nicht auf vier Zeitzeugen begrenzt. Wer mitmachen will oder einen Tipp hat, der kann sich unter info@huefinger.buergerstiftung.de melden.