Orgelmusik begleitet Gottesdienste und erhebt sich in konzertanter Form zur Freude der Zuhörer. In den katholischen Kirchen der Stadt wie auch in der Christuskirche sind Instrumente wie Organisten fest in den Jahreskreis eingebunden. Jetzt überrascht eine Personalie, welche die Gewichte in den kirchenmusikalischen Ausdrucksmöglichkeiten gehörig verschiebt: Zwei Monate, nachdem Kirchenmusiker Andreas Rütschlin den Dienst in der katholischen Pfarrei aufgekündigt hat, stellt er gemeinsam mit Antje Schweizer sein neues Tätigkeitsfeld vor. Beide teilen sich fortan die Kantorenstelle an der Christuskirche. Dabei tritt Antje Schweizer, Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter, nach dreijähriger Elternzeit bewusst kürzer.

Schweizer und Rütschlin werden sich die Aufgaben teilen. Das beginnt beim Orgeldienst und der Bezirksarbeit und geht mit Projektarbeit in der Kantorei weiter. Für den Weihnachtsgottesdienst arbeitet Rütschlin mit einer Barockkantate auf der einen und zeitgenössischen Kompositionen auf der anderen ein spannendes Programm vor, auf Ostern hin übernimmt Schweizer die Regie. Am Dienstag, 11. September, starten im evangelischen Gemeindehaus am Irmapark wieder der Wichtelchor (um 15.15 Uhr) und der Kinderchor (um 16 Uhr). Neulinge sind willkommen. Zu den Höhepunkten gehören ein Musical, das gemeinsam einstudiert wird, und die beliebte Chorfreizeit.

Hier Blüte, dort Flaute, nachdem der Leiter aller Chöre gekündigt hat. Auf der Homepage der römisch-katholischen Kirchengemeinde Donaueschingen ist zu lesen, dass momentan keine Kinderchorproben stattfinden. Auch der Chor New Spirit pausiert. Die Capella Musica, der aus 43 Sängerinnen und Sängern bestehende Kirchenchor, probt zumindest wieder. Michael Vonnier führt schon seit April durch die Übungsabende. Die Gemeinschaft lebt, doch eine Aufführung ist eben nur mit einem ausgebildeten Chorleiter zu bestreiten. Den gegenwärtigen Verlust an öffentlicher Präsenz unterstreicht eine Zahl. Die Capella Musica hatte 2017 acht Auftritte, die Frauenschola neun. Gegenwärtig stehen keine Auftritte im Kalender.

Vermutlich wird sich das nicht so bald ändern. Zum 1. August hat die katholische Kirchengemeinde für die Stadtpfarrei Heilige Dreifaltigkeit einen Kirchenmusiker gesucht. Die Bewerbungsfrist für eine 50-Prozent-Stelle, die durch eine kommunikative, engagierte und die Begeisterung an der geistigen Musik vermittelnde Persönlichkeit besetzt werden soll, endete Mitte Juli. Nach SÜDKURIER-Informationen hat sich in den Ferien keine Lösung aufgetan.

Die Ausschreibung definiert die Aufgaben. Dazu gehören das Liturgische Orgelspiel, die Leitung der Chöre sowie die Organisation und Leitung von Festgottesdiensten sowie kirchenmusikalischen Konzerten. Auch ein wenig Werbung darf nicht fehlen: Die Mönch-Orgel in der Stadtkirche St. Johann wie auch die Walcker-Orgel in St. Marien seien in "hervorragendem, sehr gepflegtem Zustand" und die Donaueschinger Stunde der Orgelmusik genieße einen glänzenden Ruf.

Das stimmt. Die von Rütschlins Vorgänger Zeno Bianchini von 2005 bis 2009 geführte Reihe erfuhr mit dem Antritt von Andreas Rütschlin sogar eine Erweiterung. Rütschlin gelang es, die Stunde der Orgelmusik durch die Einbindung anderer Instrumente wie Violine und Trompete, aber auch Alphörner oder das Glockengeläut breiter und überraschender aufzustellen. Seit März ruht die Reihe. Ein unbestrittener Höhepunkt der Reihe war das Magnificat von Christoph Philipp Emanuel Bach, das im Neujahrskonzert von den Sängern der Capella Musica, einem 22-köpfigen Orchester und vier Solisten vorgetragen wurde. "Das waren wir auf der Spitze unseres Könnens", sagt Barbara Leiber. Seit 22 Jahren singt sie im Kirchenchor und hat seit Zeno Bianchini, dem ersten hauptamtlichen Kirchenmusiker, die Entwicklung zu einem respektablen Laienchor erlebt.

Minimaler Etat, großes Herz

Die unbefristete Auszeit der Stunde der Orgelmusik ist für sie eine Katastrophe und stimmt sie traurig. Vom zweiten Konzert an hat Leiber die Werbung für die Reihe übernommen. 60 Konzerte zogen in zehn Jahren im Schnitt 120 Zuhörer an; es bildete sich ein eingefleischter Kreis an Besuchern. "Das haben Auswärtige gleich wahrgenommen", erinnert sie sich gerne. Im Zwei-Personen-Betrieb stand sie neben dem künstlerischen Leiter. "Ich war das Büro." Mit minimalem Etat aber großem Herzen gelang es ihr, die Künstler für Donaueschingen und die Reihe zu gewinnen. Wenn sie persönlich abgeholt werden, auf ein neugieriges und im Nachgang am Gespräch interessiertes Publikum treffen, eine private Übernachtungsmöglichkeit bekommen und schließlich mit einen Abschiedsgeschenk überrascht werden, wirkt das. "So mancher hat später nochmals gefragt, ob er nochmals spielen darf."

Und vielleicht kreuzen sich diese Wege erneut. Der künstlerische Leiter von früher agiert ja nur ein paar Straßen weiter. "Klar die Kontakte hat man", könnte Rütschlin jederzeit interessante Künstler ansprechen. Und natürlich habe die an die Pfarrei gebundene Reihe "Stunde der Orgelmusik" seine künstlerische Handschrift getragen. Dabei gibt es auch in der evangelischen Kirche ein Parallelprogramm. Die Kirchenmusik an der Christuskirche findet rund fünf Male pro Jahr statt und wird aus eigener Kraft wie auch durch Gastmusiker bestritten.

Durchaus denkbar ist, dass Donaueschinger Chorsänger weiter mit Rütschlin singen wollen. Die Kantorei probt jeweils montags um 19.30 Uhr im Gemeindehaus. Barbara Leiber aber fühlt sich in ihrem Chor wohl. Die Chance, dass ihn bald ein neuer Chorleiter lenkt, sieht sie gering. Kirchenmusik habe in der evangelischen Kirche einen viel höheren Stellenwert als in der katholischen Kirche, meint sie. Und Andreas Rütschlin "hat 120 Prozent gearbeitet und wurde für 50 Prozent bezahlt." Wer will das heute noch?