Man mag es erst nicht glauben: dass geistliche Poesie des 15. Jahrhunderts aus Armenien zur Inspirationsquelle eines US-amerikanischen Komponisten und Pianisten unserer Tage werden kann. Das Naghash-Ensemble mit seinem Gründer und Kopf John Hodian, ein Musiker armenischer Herkunft, hat dafür aber im Strawinsky-Saal einen packenden Beweis geliefert.

Virtuoser Holzbläser des Naghash Ensembles ist Emmanuel Hovhannisyan; er beherrscht souverän vier Instrumente. John Hodian (im Hintergrund) leitet vom Flügel aus das Septett. Bild: Gunter Faigle
Virtuoser Holzbläser des Naghash Ensembles ist Emmanuel Hovhannisyan; er beherrscht souverän vier Instrumente. John Hodian (im Hintergrund) leitet vom Flügel aus das Septett. Bild: Gunter Faigle

Hodian selbst hat Texte von Mkrtich Naghash vertont, die dieser Geistliche vor knapp 600 Jahren verfasst hat. Sie kreisen inhaltlich um Sündhaftigkeit und Seelenheil, Habgier und Zorn, um Armut, Vergänglichkeit und Tod. Eindringlich thematisiert finden sich darüber hinaus die Gefährdungen und das Leid von Menschen im Exil.

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Wie Hodian am Flügel gemeinsam mit drei aus Armenien stammenden Sängerinnen und drei Musikern mit traditionellem Instrumentarium diese archaische Welt musikalisch umsetzt, ist phänomenal. Zu hören ist eine Symbiose aus klassischer armenischer Melodik und Rhythmik, aus Jazz und Folk, ergänzt durch organisch verarbeitete Elemente des Minimalismus. Was in der Theorie kompliziert klingt, ergibt in der Wirklichkeit eine faszinierende Klangwelt von absoluter atmosphärischer Stimmigkeit und Geschlossenheit.

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Die drei Sängerinnen des Naghash-Ensembles lassen einen staunen. Hasmik Baghdasaryan führt ihren Sopran je nach Textgehalt glasklar oder mit sanfter Rundung, erregt oder voll ausgeglichener Ruhe. Die Altistin Arpine Ter-Petrosyan verfügt über ein ganz außergewöhnliches Naturtalent: Sie erreicht völlig selbstverständlich und ohne je ihre Intonationssauberkeit einzubüßen derart tiefe Lagen, wie sie nur wenige Sängerinnen erreichen. Zwischen den beiden baut die Sopranistin Tatevik Movsesyan die tadellose harmonische Brücke für ein Gesangstrio, das sich auch durch eine perfekte Artikulation auszeichnet. Seine oft kleinteilige Phrasierung ist im tonalen System der armenischen Musik begründet.

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Emmanuel Hovhannisyan ist mit gleich vier verschiedenen Holzblasinstrumenten gefordert. Er ist ein Meister der Duduk, die er mit lückenloser Zirkularatmung bespielt. Aram Nikoghosyan übernimmt den griff- und zupftechnisch anstrengenden Part der Oud, einer Knickhalslaute mit birnenförmigem Korpus. Tigran Hovhannisyan sorgt mit seiner Röhrentrommel Dhol und extrem variantenreichen Fingerschlägen für eine sichere, aber improvisationsoffene Rhythmik. Und John Hodian hält vom Flügel aus mit vollem Engagement souverän die musikalischen Fäden in der Hand.