Geschichte verarbeiten, sich der Vergangenheit stellen, auch wenn sie unbequem ist: Rüdiger Schell hat ein neues Buchprojekt in der Mache. Seit der Donaueschinger Gymnasiallehrer im Ruhestand ist, hat er sich mit mehreren Veröffentlichungen als Historiker einen Namen gemacht. Jetzt will Schell, rund 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, Tagebuchaufzeichnungen von Bart Heyning, einem holländischen Zwangsarbeiter, als Buch herausbringen. Bart Heyning arbeitete von Juni 1943 bis zum Kriegsende im April 1945 im fürstlichen Sägewerk in Hüfingen. Und er notierte während dieser Zeit seine vielen Eindrücke auf rund 180 Tagebuchseiten.

Bart Heyning, holländischer Zwangsarbeiter, der von Juni 1943 bis zum Ende des Krieges 1945 im fürstlichen Sägewerk in Hüfingen arbeitete, hat seine Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten. Rüdiger Schell hat daraus einen Buchtext gemacht.
Bart Heyning, holländischer Zwangsarbeiter, der von Juni 1943 bis zum Ende des Krieges 1945 im fürstlichen Sägewerk in Hüfingen arbeitete, hat seine Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten. Rüdiger Schell hat daraus einen Buchtext gemacht. | Bild: Privat

Am 28. Januar ist der Holländer wenige Wochen vor seinem 99. Geburtstag gestorben. So wird Schells Buch nun zu Bart Heynings Vermächtnis: Es könnte damit ein weiteres Dokument über die Aufarbeitung regionaler Geschichte aus der Nazi-Zeit werden, ein neues Mosaiksteinchen, das die Kriegsjahre auf der Baar eindrucksvoll beleuchtet. Und einen Zwangsarbeiter aus den Niederlanden als Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.

Das Hüfinger Sägewerk während der Kriegsjahre: Hier arbeiteten neben holländischen Zwangsarbeitern auch Gefangene aus Polen, Rissland und der Ukraine.
Das Hüfinger Sägewerk während der Kriegsjahre: Hier arbeiteten neben holländischen Zwangsarbeitern auch Gefangene aus Polen, Rissland und der Ukraine. | Bild: Privat

Die Stadt Hüfingen stand rund zwei Jahre im Mittelpunkt des Lebens von Bart Heyning. Weitere Hauptrollen spielen in seinen Schilderungen das "Baumsche Haus", das inzwischen zum Hüfinger Stadtmuseum geworden ist. Auch der von Heyning häufig so betitelte "Monte" Schellenberg wird immer wieder erwähnt. Dieser wird zum Zufluchtsort, wenn im Morgennebel das schwere Brummen von Jagdbombern über der Stadt zu hören ist, bevor sie ihre Bombenladung abwerfen.

Das Buch umfasst rund 120 gedruckte Seiten und schildert, wie der junge Heyning zusammen mit rund 200 holländischen Studenten nach Deutschland deportiert wurde. Die Nazis machten die Studenten für ein Attentat auf Hendrik Alexander Seyffardt verantwortlich: Dieser war Befehlshaber der niederländischen Freiwilligen-Legion. Die jungen Leute mussten in den Betrieben der Region arbeiten, konnten aber insgesamt ein relativ freies Leben führen, weil die Nazis die Hoffnung hatten, sie könnten die Holländer für ihre großspurigen welt- und rassenpolitischen Ziele gewinnen.

Das heutige Stadtmuseum in der Hüfinger Hauptstraße, auch als "Baumsches Haus" bekannt, beherbergte in den Kriegsjahren holländische Zwangsarbeiter.
Das heutige Stadtmuseum in der Hüfinger Hauptstraße, auch als "Baumsches Haus" bekannt, beherbergte in den Kriegsjahren holländische Zwangsarbeiter. | Bild: Manfred Beathalter

Also durften sie sich relativ frei bewegen, Ausflüge unternehmen, Cafés und Wirtschaften besuchen, sich in den Bibliotheken Bücher besorgen und sich in deutschen Haushalten, eben auch im Baumschen Haus in der Hüfinger Hauptstraße, einquartieren. Dennoch litten auch sie unter ständiger Angst vor Repressalien durch die Nazis.

Das Buch mit dem Arbeitstitel "Dagboek von Bart Heyning" entstand in Zusammenarbeit von Rüdiger Schell und Julie Heyning. Sie ist verheiratet mit einem Neffen von Bart Heyning. Die Frau lebt im niederländischen Haarlem und wurde auf Rüdiger Schells Buch über das Hüfinger "Reichsarbeitslager Heinrich von Fürstenberg" aufmerksam. Seine Tagebuch-Erinnerungen und rund 200 Briefe des einstigen Zwangsarbeiters Heyning an seinen Vater, der im KZ in Dachau interniert war, und an die Verlobte Kia wurden von Julie Heyning aus dem Niederländischen übersetzt und Rüdiger Schell brachte das Tagebuch in eine sprachlich fehlerfreie Form. Der Geschichts- und Deutschlehrer im Ruhestand überarbeitete den Text fein säuberlich und machte daraus einen druckfertigen Buchtext.

Freilich fehlt nun noch ein ordentlicher Zuschuss zu den Druckkosten. Schell würde das Buch über die gängigen Archive hinaus gerne einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Er hat das Projekt Hüfingens Bürgermeister Michael Kollmeier schon mal ans Herz gelegt: Es könnte ein wesentlicher Beitrag zur Aufarbeitung der rund 75 Jahre zurückliegenden Hüfinger Geschichte werden: "Das Tagebuch hat Seltenheitswert und ist ein einzigartiges Zeitdokument, in dem das Leben im Dritten Reich in Hüfingen beschrieben wird." Die Reaktion auf die Bitte um eine finanzielle Unterstützung "war bislang leider eher mäßig", bedauert Rüdiger Schell, der sich wegen einer schweren Erkrankung derzeit kaum um Finanzmittel bemühen kann. "Man hat mir gerade mal 1400 Euro als Beitrag zu den Druckkosten angeboten". Schell ist dennoch überzeugt, dass von öffentlicher Seite ein größerer Beitrag geleistet werden müsste: "Die Stadt Hüfingen könnte das Buch durchaus auch vermarkten."

Erinnerungen aus dem Krieg

  • Rüdiger Schell hat viele Jahre als Geschichts- und Deutschlehrer am Donaueschinger Fürstenberg-Gymnasium gearbeitet. In seinem Ruhestand hat er sein Steckenpferd Geschichtsforschung weiter ausgebaut und mit einer Promotion über das einstige Kloster Neudingen einen Doktor-Titel erworben. Er war insgesamt 41 Jahre aktiv in der Kommunalpolitik, darunter 17 Jahre Sprecher der SPD-Fraktion im Donaueschinger Gemeinderat und zwölf Jahre Sprecher der SPD im Kreistag und Bürgermeisterstellvertreter.
  • Mitherausgeberin Julie Heyning, die im holländischen Haarlem lebt, ist promovierte Psychologin. Sie ist Mitte 70 Jahre alt und mit einem Neffen von Bart Heyning verheiratet. Inzwischen hat sie sich in Hüfingen udn der Region umgesehen und auch schon einmal das Stadtmuseum in Hüfingen besucht.
  • Aus dem Tagebuch, 22. Februar 1945: „Schwere Bombardements auf Donaueschingen. Im dichten Morgennebel gegen 10.30 Uhr schweres Brummen in der Luft, um 12.30 Uhr Alarm und 16 Jäger über uns. Plötzlich werfen diese Bomben, den Schellenberg hinauf gerannt. Die Luft ist voll von Flugzeugen und überall werden Sturzflüge ausgeführt. Donaueschingen bekommt eine zerstörerische Ladung von Bomben der Viermotorigen ab.“
  • Gedenken: Daneben erinnert das Tagebuch an Schicksale anderer Kriegsgefangener aus Russland, Polen oder der Ukraine. Heyning schildert kurze Ausflüge auf die Südbaar, nach Bräunlingen oder Blumberg, die Besichtigung des Römerbads und der Donauquelle und beschreibt die „hässliche Kirche St. Johann mit ihrem vielen Flittergold“. Er staunt aber auch über den grandiosen Blick auf die Alpen, den er bei Ausflügen erlebt. (bea)