Wenn sie über ihren Beruf in der Altenpflege nachdenken, ist ihnen nicht nur zum Jubeln zumute. Es gibt dafür viele Gründe. Häufig schlechte Arbeitsbedingungen, auf den Stationen fehlen Fachkräfte, ausgebildete Pflegekräfte geben nach wenigen Jahren den Beruf auf, geteilte Dienste sorgen für Frust, mehr oder weniger massiver Druck durch Anrufe aus dem Pflegeheim: Einspringen für die erkrankte Kollegin, anstelle des sehnlich erhofften freien Tags, der mit einem "x" im Dienstplan steht. Und das nach einer Arbeitswoche mit manchmal bis zu zehn Tagen am Stück.

"Wer will da noch in der Pflege arbeiten", fragen sich gut 20 Auszubildende der Berufsfachschule für Altenpflege in Donaueschingen. Eigentlich mögen sie ihren Beruf, machten sich aber kürzlich bei einer Diskussion mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Fechner (Emmendingen) Luft. Schulleiterin Mechtild Häußlein-Cinar und die Dozentinnen Gabriele Uhl und Linda Mössinger hatten das Gespräch über berufliche Perspektiven mit den Schülern vorbereitet.

Eine rege Diskussion und viele offene Fragen: Altenpflege ist zunehmend in der Krise. Schüler der Fachschule für Altenpflege in Donaueschingen und Schulleiterin Mechtild Häußlein-Cinar (im Vordergrund) haben aber auch ihren Spaß in der Ausbildung.
Eine rege Diskussion und viele offene Fragen: Altenpflege ist zunehmend in der Krise. Schüler der Fachschule für Altenpflege in Donaueschingen und Schulleiterin Mechtild Häußlein-Cinar (im Vordergrund) haben aber auch ihren Spaß in der Ausbildung. | Bild: Manfred Beathalter

Holger van Riesen ist einer von ihnen. Er macht sich viele Gedanken über die Altenpflege und den Umgang mit den anvertrauten Menschen. "Mehr Geld ist nicht alles", sagt er. Er erhofft sich eine Aufwertung des Berufs und setzt auf Fort- und Weiterbildung und eine mehr akademische Ausrichtung der Pflege, wie es in vielen europäischen Ländern der Fall sei. "Man kann gute Pflege leisten, wenn man gut besetzt ist", sagt er, "das ist aber unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum zu leisten." Stattdessen: Überstunden, hoher Krankenstand und schlechte Stimmung in vielen Einrichtungen. Ein verbindlicher Personalschlüssel sei unverzichtbar.

"Uns geht es schlecht unter diesen Arbeitsbedingungen", sagt Beate Wasmouth, "aber den Bewohnern eben auch." Man stehe häufig alleine da, es fehle eine gewisse Sicherheit. Der Satz "ich kann nicht mehr", sei immer häufiger zu hören. "Wir kommen an unsere Grenzen, wir wollen angstfrei arbeiten", sagt die engagierte Pflegerin.

"Als Pflegekraft", sagt Nathalie Weißhaar in der offenen und aufschlussreichen Diskussion, "überlegt man sich, ob man das überhaupt noch schaffen kann". Man stehe ständig "unter Strom und in der Gefahr, Fehler zu machen". Eine Kollegin berichtet, dass sie aufgefordert worden sei, ihr Handy nachts eingeschaltet zu lassen, falls es Engpässe gebe.

Es komme außerdem vor, dass man 40 Bewohner zu Dritt betreuen müsse, kaum zu leisten und kaum vorstellbar, was in Notfällen passieren kann. Und aus der angekündigten vierwöchigen Einarbeitungszeit auf der Station sind am Ende gerade mal vier Tage geworden. "Kaum eingearbeitet, dann ins kalte Wasser geworfen", so ihre Erfahrung.

Für die Schüler endet die dreijährige Ausbildung nächstes Jahr mit dem Examen. Sie machen in der Diskussion mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten deutlich, dass sie ihre Arbeit mögen. "Ich habe den Beruf aus Idealismus ergriffen", sagt Beate Wasmouth. Und Nathalie Weißhaar meint, "wir brauchen mehr Personal, um das vorhandene Personal auch zu halten".

Johannes Fechner unterstützt das: "Wer gute Arbeitsbedingungen schafft, hat kein Problem, Personal zu finden." Fechner räumt freilich ein, dass in der Pflege rund 100 000 Fachkräfte fehlten. 13 000 Stellen sollen aber nur neu geschaffen werden, "ein Tropfen auf den heißen Stein", zumal unklar sei, wo das Personal her kommen soll.

Der SPD-Politiker nennt bessere Bezahlung und Tarifbindung, mehr Weiterbildung und Imageverbesserung. Er fordert, "dass wir endlich ein Einwanderungsgesetz bekommen. Gute Leute, die fleißig und integriert sind, und Deutschkenntnisse haben, sollen nicht von Abschiebung bedroht sein", so Fechner. Bei drei Millionen Pflegebedürftigen "müssen wir dringend für mehr Personal sorgen".

Lösungsansätze und Zahlen

  • Einwanderungsgesetz: Kann ein Baustein sein. Gute Sprachkenntnisse sind von Bedeutung. Balika Poudel zum Beispiel kommt aus Nepal und lernt Altenpflege in Donaueschingen. Sie spricht sehr gut Deutsch, hat ein freiwilliges soziales Jahr hinter sich, aber sie hat große Schwierigkeiten, eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu bekommen. So geht es auch Mansur Rakhmatov, der aus Tadschikistan stammt, drei Semester Deutsch studierte und ebenfalls große Schwierigkeiten hat, Aufenthaltsrecht zu bekommen.
  • Mehr Geld: 600 Millionen Euro sollen vom Bund und den Krankenkassen zur Verfügung gestellt werden, um mehr Personal zu bekommen. Der Dokumentations-Aufwand soll eingedämmt werden, auch mit Hilfe der Digitalisierung. Mehr häusliche Pflege und bessere Anreize für Angehörige, Pflegeaufgaben zu übernehmen. Dies müsse sich auf die Rente auswirken.
  • Anleitung: Um Überforderung in den Pflegeheimen und Gefahren für Bewohner und Pflegekräfte abzuwenden, braucht es mehr und bessere praktische Anleitung. Ungelernte Kräfte werden noch zu häufig in der Pflege eingesetzt, wo zunehmend Menschen mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern zu betreuen sind.
  • Statistik: Nach Informationen des Statistischen Bundesamtes gab es 2015 rund 2,9 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, 234 000 oder 8,9 Prozent mehr als noch zwei Jahre zuvor. Ein Drittel von ihnen ist älter als 85 Jahre. Gut zwei Millionen Pflegebedürftige wurden zu Hause versorgt, 785 000 oder 27 Prozent vollstationär in Pflegeheimen. Gegenüber 2013 ist die Zahl vollstationär Betreuter um 20 000 oder 2,5 Prozent angestiegen.