"Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer." Wenn die Initiatorinnen des Wohnprojekts Palette das Lied von Xavier Naidoo mit dieser Textzeile hören, dann denken sie nicht daran, dass der Song die deutsche Fußballnationalmannschaft 2006 durchs Sommermärchen getragen hat. Sie erinnern sich vielmehr an die vielen und anstrengenden Jahre, in denen sie eine für die Region einmalige Wohnidee zum Erfolg haben werden lassen: das Wohnprojekt Palette an der Villinger Straße.

2003 ging das Projekt an den Start, in Kürze ziehen die ersten Bewohner ein

2003 ging das Vorhaben an den Start. Damals gründete sich ein Verein mit dem Namen "Gemeinsames Wohnen im Alter", der bis zu 40 Mitglieder zählte. Aus ihm ging eine Baugemeinschaft hervor, die sich in "Palette – Gemeinschaftliches, generationsübergreifendes Wohnprojekt" umtaufte – wobei nicht eine Palette aus Holz gemeint ist, sondern die Farbpalette eines Malers, die für die Vielfalt der beteiligten Vereinsmitglieder steht. Ende März, Anfang April ziehen die ersten Wohnungseigentümer der Baugemeinschaft in das gemeinsam gebaute Gebäude direkt neben der Lehrerakademie ein.

Baugemeinschaften sind im ländlichen Raum sehr selten

Baugemeinschaften, beziehungsweise Bauherrengemeinschaften, sind in größeren Städten mit hohen Baulandpreisen längst keine Seltenheit mehr. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss mehrerer privater Bauherren, die gemeinsam – zur Eigennutzung oder Vermietung – Wohnungen oder Mehrfamilienwohnhäuser planen und bauen. Im ländlichen Raum ist dieses Modell eher rar. Denn hier sind die Baulandpreise vergleichsweise günstig und bei jungen Familien steht das Einfamilienhaus mit Garten deshalb hoch im Kurs. Diese Erfahrung mussten auch die Palette-Mitglieder machen. Unter den 13 Wohnungseigentümern ihres Neubaus befindet sich keine Familie mit Kindern – obwohl eine der 13 Wohnungen mit 140 Quadratmetern auch einer kinderreichen Familie genügend Platz geboten hätte. Das bedauern Gabi Reydt, Ingeborg Kettern und Christa Beisel im SÜDKURIER-Gespräch. "Wir sind gerne Omas", sagt Ingeborg Ketterer. Die drei Damen nennen sich selbst "Urmütter", weil sie selbst von Beginn an mit dabei sind. Zwei weitere Urmütter werden ebenfalls einziehen: Dorothea Creutzburg und Christa Jäger.

Noch stehen die Baugerüste: Dieses Gebäude hat die Baugemeinschaft Palette an der Villinger Straße erstellen lassen. Mit einem generationsübergreifenden Wohnprojekt, so wie eigentlich gedacht, ist es aber (noch) nichts geworden. Die Kinder fehlen.
Noch stehen die Baugerüste: Dieses Gebäude hat die Baugemeinschaft Palette an der Villinger Straße erstellen lassen. Mit einem generationsübergreifenden Wohnprojekt, so wie eigentlich gedacht, ist es aber (noch) nichts geworden. Die Kinder fehlen. | Bild: Holger Niederberger

Familien mit Kindern ziehen nicht ein

Doch der Palette-Neubau wird keine Seniorenwohnanlage. Es ziehen auch einige junge Pärchen ein, in der Regel Kinder von Ehepaaren, die bei der Baugemeinschaft mitmachen und später selbst einmal die Wohnung nutzen wollen. Damit sei zumindest die Chance auf Kinder vorhanden, stellen die Urmütter mit einem Lächeln im Gesicht fest.

Hausgemeinschaft stellt ein Leitbild auf

Musste eigentlich potenziellen Mitmach-Interessenten abgesagt werden, weil in Gesprächen klar wurde, dass die Chemie zwischen Bewerber und den Palette-Mitgliedern nicht stimmte? Nein, sagen die Urmütter, Menschen, die ihr Leitbild nicht teilen wollten, hätten von alleine zurückgezogen. In diesem Zusammenhang erinnern sie an einen Mann, der seine pflegebedürftige Mutter in dem Haus untergebracht sehen wollte. Als dem klar wurde, dass sich die Hausgenmeinschaft zwar gegenseitig zur Hand geht, aber keine professionelle Pflege ersetzen kann, sei sein Interesse schnell wieder verflogen.

Hausgemeinschaft verzichtet auf Hausmeister und will Aufgaben unter Bewohnern aufteilen

Neben den 13 Wohnungen zeichnet den Neubau ein großer Gemeinschaftsraum mit Küche und Gästezimmer aus. Hier sollen die gemeinsamen Aktivitäten stattfinden, hier ist Platz für Feste und für die regelmäßigen Treffen – denn am Anfang gibt es natürlich viele Fragen zu klären. Wer übernimmt die Pflege der Außenanlagen? Wer stellt die Mülleimer vors Haus? Wer führt den Belegungsplan für das Gästezimmer? Wie wird der Putzdienst im Treppenhaus organisiert und wer betreut den Aufzug? Denn, so haben die Frauen erfahren, ein Haus mit Aufzug braucht einen Aufzugmeister, der im Fall der Fälle weiß, wie ein steckengebliebender Aufzug wieder in Gang zu bekommen ist. Die Hausgemeinschaft versucht nämlich, zunächst ohne Hausmeister auszukommen. Wenn sich alles eingespielt hat, soll das Haus auch einmal für die Nachbarn geöffnet werden. Die Urmütter wissen, mit wie viel Neugier ihr außergewöhnliches Wohnmodell in der Nachbarschaft verfolgt wird.

Ungewöhnlich auch, wie die Palette-Mitglieder mit drei Ahornbäumen umgegangen sind, die für ihr Haus haben weichen müssen. Ein Baum landete bei einem Trossinger Geigenbauer, aus den anderen beiden Bäumen ließen sie Bänke für den Gemeinschaftsraum herstellen.

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