Mit staunenden Augen schlendern die Menschen in der Urlaubszeit durch historische Altstädte in fernen Ländern und freuen sich, dass dort noch so viel Altsubstanz erhalten geblieben ist. So weitsichtig war und ist man in hiesigen Dörfern oft nicht gewesen. Entsprechend haben viele Baar-Dörfer inzwischen ein völlig neues Gesicht erhalten. Sie sind vor allem geprägt durch ausladende Neubaugebiete und Gewerbegebiete. Von den bäuerlichen Strukturen, die über Jahrhunderte dominiert hatten, ist nicht mehr viel geblieben.

Nichts für einen schwachen Rücken. Von Hand mussten die Kartoffeln einst zunächst in die Körbe gelegt und dann in die Säcke gefüllt werden. Meist half in diesen Herbsttagen die ganze Verwandtschaft mit.
Nichts für einen schwachen Rücken. Von Hand mussten die Kartoffeln einst zunächst in die Körbe gelegt und dann in die Säcke gefüllt werden. Meist half in diesen Herbsttagen die ganze Verwandtschaft mit. | Bild: Ig Baukultur

Und warum? "Sie werden nicht mehr gebraucht in unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft", hatte Hermann Sumser, Architekt aus Hausen vor Wald und Mitglied der IG Baukultur, in seinem Vortrag 2001 zur Fotoausstellung im alten Schulhaus in Pfohren festgehalten. Und er formuliert mehrere Gründe, weshalb stattliche Häuser oder zumindest die großen Ökonomiegebäude abgerissen und durch Wohngebäude ersetzt wurden: Für Bauern, die EU-marktgerecht produzieren wollen, sind die alten Bauerngehöfte zu klein geworden, die Nachkommen orientieren sich beruflich um und wohnen lieber in Einfamilienhäuser mit Garage im Grünen, die alles bieten, was der moderne Mensch braucht. Oft sind die Nachkommen nicht mehr im Ort, dann stehen solche Häuser zwangsläufig mal leer oder werden abgerissen, weil das große Grundstück schöne Bauplätze liefert.

Das Gebäude der Familie Wiehl bei Hochwasser des Entenbachs. Nach einem Brand Ende der 1970-er Jahre wurde die Ruine abgerissen. Die Familie siedelte an den Ortsrand. Heute steht hier ein Einfamilienhaus.
Das Gebäude der Familie Wiehl bei Hochwasser des Entenbachs. Nach einem Brand Ende der 1970-er Jahre wurde die Ruine abgerissen. Die Familie siedelte an den Ortsrand. Heute steht hier ein Einfamilienhaus. | Bild: Ig Baukultur

Vortrag wie Bilder-Ausstellungen in inzwischen sieben Städten und Dörfern sind in der Vergangenheit auf großes Echo gestoßen und haben den ein oder anderen auch dazu bewegt, alte Bausubstanz durch Sanierung zu erhalten. Aber auch das Interesse an den Bildern der Ausstellung selbst ist geblieben, denn die IG-Vertreter haben inzwischen einen Teil aufgearbeitet und daraus Bücher verfasst. In Sumpfohren, Riedöschingen und Geisingen sowie jetzt zum Dorfjubiläum eines über Pfohren sind diese Dokumentationen erschienen. Das nächste Buch wird noch im Herbst Gutmadingen gewidmet.

Dieser Hof stand einst an der Friedhofstraße (Wiesenstraße). Der Bauer führte seine Kühne einst morgens auf die Wiese und abends zum Melken in der Stall. An dieser Stelle steht heute ein Mehrfamilien-Reihenhaus.
Dieser Hof stand einst an der Friedhofstraße (Wiesenstraße). Der Bauer führte seine Kühne einst morgens auf die Wiese und abends zum Melken in der Stall. An dieser Stelle steht heute ein Mehrfamilien-Reihenhaus. | Bild: Ig Baukultur

Der IG-Vorsitzende Horst Schmeer freut sich über das große Interesse an den Publikationen. Dieses ist in Pfohren prozentual zur Bevölkerungszahl gesehen, bereits größer als in den drei anderen Kommunen. Eine erste Auflage war umgehend vergriffen und die zweite ist es fast. So sind schon knapp 200 Bücher verkauft worden. Das 195 Seiten umfassende Werk zeigt in vielen Abbildungen erhaltenswerte Ecken, Plätze und Gebäude, stellt Vergleiche zu früher und heute an und spiegelt mit vielen Bildern auch den Alltag aus fast vergessenen Zeiten wider. Horst Schmeer, Tobias Wolf, Eberhard Kern, Holger von Briel und Hermann Sumser ist mit den Büchern sehr gut gelungen, was in der Realität meist nicht gelingt – Dinge für die Nachwelt erhalten.

Das Gebäude der Familie Wiehl bei Hochwasser des Entenbachs. Nach einem Brand Ende der 1970-er Jahre wurde die Ruine abgerissen. Die Familie siedelte an den Ortsrand. Heute steht hier ein Einfamilienhaus.
Das Gebäude der Familie Wiehl bei Hochwasser des Entenbachs. Nach einem Brand Ende der 1970-er Jahre wurde die Ruine abgerissen. Die Familie siedelte an den Ortsrand. Heute steht hier ein Einfamilienhaus. | Bild: Ig Baukultur


Das Buch kostet 15 Euro und im Pfohrener Rathaus zu erhalten. Ebenso der Diavortrag auf DVD für acht Euro. Alles zum Jubiläumsfest im Netz: www.1200-jahre-pfohren.de

IG Baukultur

Die Interessensgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung für den Erhalt alter Baaremer Baukultur zu sensibilisieren sowie Schönheit und Wert dieser Substanz ins rechte Licht zu rücken. Die Idee, dies über Bilderausstellungen zu erreichen, wurde 1993 in Sumpfohren erstmals umgesetzt. Riedöschingen (1995), Geisingen (1997) und Pfohren (2001), Unterbaldingen (2004), Gutmadingen (2007) und Neudingen (2010) folgten.

 

Staffelgiebel sind typisch für die Baar. Seltener sind dagegen Fachwerkgebäude wie an dieser Scheune in der Hauptstraße (Geisinger Straße). Dieses Gebäude wurde in den 1980ern saniert.
Staffelgiebel sind typisch für die Baar. Seltener sind dagegen Fachwerkgebäude wie an dieser Scheune in der Hauptstraße (Geisinger Straße). Dieses Gebäude wurde in den 1980ern saniert.