Die Wehmut und der Abschiedsschmerz sind am Stand von Norbert Matt auf dem Wochenmarkt deutlich zu spüren. Doch nicht nur die treue Stammkundschaft trauert, weil der freundliche Gemüse-Erzeugers aufhört. Er hatte seit 21 Jahren bei jeder Wetterlage und das ganze Jahr hindurch seine Freiland-Erzeugnisse von der Halbinsel Höri an die Brigach gebracht und ein ganz besonderes Verhältnis zu seinen Kunden gepflegt. Auch Norbert Matt selbst hat lange mit sich gerungen, bis er die Entscheidung fällte, sein Gemüse nicht mehr in Donaueschingen auf dem Wochenmarkt zu verkaufen. Doch es sei der Zeitpunkt gekommen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben – und so hat er sich für eine andere berufliche Perspektive entschieden. Die Gründe sind vielfältig und alle vernünftigen Argumente sprechen dafür, dennoch merkt man dem vierfachen Familienvater aus Radolfzell-Böhringen an, dass ein Teil seines Herzblutes in Donaueschingen zurückbleibt.

Er kennt alle Sonderwünsche

Denn der Wochenmarkt ist für den 1970 geborenen Norbert Matt mehr als nur eine Verkaufsstätte für sein Freiland-Gemüse aus Moos-Weiler. Schon seine Eltern Oswald und Ingeborg Matt zählten zu den Mitbegründern des beliebten Marktes, der 1970 ins Leben gerufen wurde, also genauso alt ist wie Norbert Matt. „Ich bin auf dem Wochenmarkt groß geworden und habe schon deshalb ein ganz persönliches und inniges Verhältnis zu meiner Kundschaft und zu meiner Arbeit hier am Stand“, erzählt er. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat er die Nachfolge der Eltern übernommen und kommt als selbstständiger Erzeuger mit seinem großen Gemüsevollsortiment auf den Wochenmarkt. Damit ist er einer der letzten Händler, die ihr Gemüse selbst anbauen und sich dafür abrackern. Er kennt die Wünsche und Bedürfnisse seiner Kundschaft, die zu seiner Freude meist weiblich ist. Dabei vergisst er nicht die vielen Extras und speziellen Bestellungen, wie beispielsweise eine Kiste Rüben für die Pferdebesitzerin und aussortiertes Grünzeug für Nager, Schildkröten und Co.

Der Höhepunkt der Woche

Sein ausschließlich im Freiland wachsendes Gemüse behandelt er so wenig wie möglich, auch das weiß man hier seit Jahren zu schätzen. Er kennt halb Donaueschingen und ist stets für ein Gespräch zu haben, wenn es das Geschäft erlaubt. „Der Donaueschinger Markt ist mein Höhepunkt der Woche und entschädigt mich für die viele Arbeit von morgens bis spät abends an den restlichen Tagen der Woche“, gibt er unumwunden zu. „Meine Kundschaft ist die schönste Seite meines Berufes.“ Zwar ist er samstags auch auf dem Markt in Radolfzell vertreten, dennoch steckt im Donaueschinger Wochenmarkt sein ganzes Herzblut.

Arbeit wird immer schwieriger

Also warum aufhören? Die Gründe sind vielfältig. Der Familienbetrieb ist vor allem eines: kein Zuckerschlecken. Die Betriebsstätte mit den umliegenden Feldern ist für die Zukunft nicht mehr wirtschaftlich. „Es wird immer schwieriger, gute Saisonarbeitskräfte zu finden, trotz steigendem Mindestlohn„, bemängelt Norbert Matt, der auf die Mithilfe von zwei Arbeitern angewiesen ist. Die steigenden Belastungen lassen ihn auch an seine eigene Zukunft denken. Der wetterabhängige Betrieb ist sehr arbeitsintensiv, in Spitzenzeiten muss die ganze Familie ran. Es gibt kein Wochenende, wenig Sicherheit fürs Alter und bei Krankheit droht der Totalausfall.

Bürokratie macht das Leben schwer

„Auf Grund des täglichen Arbeitseinsatzes auf dem Feld und im Betrieb bleibt keine Zeit für andere Dinge übrig, das verringert die Lebensqualität, das haben auch meine Kinder mitbekommen. Für die Jugend ist so ein Betrieb mit langen Arbeitszeiten über das Maß hinaus nicht mehr attraktiv“, weiß der Gemüseerzeuger. Seit etwa fünf Jahren ist der Aufwand wegen den extremen Klimaschwankungen sehr gestiegen. Es gibt mehr Ausfälle, die dann wiederum den Umsatz sinken lassen. „Ich habe noch nie länger als drei Tage Urlaub gehabt und gerade im Sommer sind die Arbeitstage sehr lang, man schuftet bis zum Umfallen. Das alles muss die Familie mittragen. Ich habe das Glück gehabt, dass meine Frau Ursula das stets unterstützt hat“, sagt Norbert Matt, der am Freitagmorgen um vier Uhr aufsteht, um pünktlich um sechs Uhr seinen Stand in Donaueschingen aufzubauen. Er ist der Meinung, dass solch kleine Betriebe politisch gar nicht erwünscht sind. Eine schier nicht zu bewältigende Bürokratie und Gängelung machen ihm das Leben schwer, sagt er.

Weitermachen im Nebenerwerb

Nun, durch ein neues berufliches Angebot, sieht Matt den richtigen Zeitpunkt gekommen, sein Leben zu verändern und das Risiko für seine Zukunft zu minimieren. Dabei wird er seinen Betrieb straffen und nur noch einfach zu pflegendes Gemüse im Nebenerwerb anbauen. Dieses wird er weiterhin auf dem Radolfzeller Markt verkaufen. „Ganz aufgeben war nie das Ziel“, sagt er.

Viel mehr als nur ein Job

Mit der Entscheidung hat er lange gerungen, obwohl alles für eine Veränderung spricht. Betroffen zeigten sich auch seine drei treuen Mitarbeiterinnen am Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt. Angelika Eiperle, Ulrike Kempter und Schwägerin Karola Dreher blicken ebenso mit Wehmut auf den letzten Markttag in der kommenden Woche wie ihr Chef, denn für alle war der freitägliche Arbeitstag mehr als nur ein Job.

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