Die Industrie verzeichnet zum Teil massive Auftragseinbußen. Sind auch im Handwerk die fetten Jahre vorbei?

Davon kann nicht die Rede sein. Die Rahmenbedingungen haben sich zwar verschlechtert, aber gerade dann zeigt sich, dass das Handwerk ein Stabilitätsfaktor ist. Laut unserer aktuellen Umfrage ist die Stimmung bei unseren Mitgliedsbetrieben zwar nicht mehr ganz so überbordend, aber der Auftragsbestand ist nach wie vor hoch, die Auslastung hat weiter zugenommen und auch die Umsatzentwicklung hat kaum an Dynamik verloren. Viele Betriebe schauen mit größerer Zuversicht in die Zukunft als vor einem Jahr. Kurz: Wir haben nach wie vor viel zu tun und erwarten auch nicht, dass sich das ändert.

Das könnte Sie auch interessieren

Was empfehlen sie Kunden, die von Handwerkern auf einen späteren Termin vertröstet werden?

Das lässt sich angesichts der hohen Auslastung in vielen Branchen leider nicht vermeiden. Im Bauhauptgewerbe reicht der Auftragsbestand über etliche Monate und auch im Ausbauhandwerk kann es zu längeren Wartezeiten kommen. Das sollte man einplanen. Im Notfall werden sie vom Handwerker ihres Vertrauens aber bestimmt nicht im Stich gelassen. In der Regel sind die Betriebe bemüht, dringende Angelegenheiten abzuarbeiten und dem Kunden schnell zu helfen. Es lohnt sich also durchaus, Stammkunde zu sein und zu bleiben.

Warum tun sich viele Handwerksbetriebe so schwer, Nachwuchs zu finden?

Die sinkenden Schülerzahlen und der Trend zum Studium machen es der dualen Ausbildung insgesamt nicht leicht. Oft wird gar nicht wahrgenommen, wie vielfältig die Chancen mit einer guten Ausbildung als Grundlage sind. Gegen diese Entwicklung anzukommen, ist für einen einzelnen Betrieb schwer. Dazu müssen alle an einem Strang ziehen, Eltern, Schulen, Betriebe und auch die Politik. Man darf die Gleichwertigkeit der Bildungswege nicht nur proklamieren, man muss sie leben! Wir als Handwerkskammer unterstützen Betriebe zum Beispiel beim Aufbau von Bildungspartnerschaften mit Schulen. Und wir setzen konsequent auf Ausbildungsqualität, zum Beispiel mit einem Zertifikat für vorbildliche Ausbildungsbetriebe.

Auf welche Qualifikationen achten Ausbildungsbetriebe bei Bewerbern besonders?

Es gab in unserer Imagekampagne mal den schönen Spruch: „Bei uns zählt nicht, wo man herkommt, sondern wo man hinwill.“ Das gilt nach wie vor. Es geht also nicht um die Art des Abschlusses und um einzelne Schulnoten und schon gar nicht um die Herkunft oder ähnliches. Es geht in erster Linie um Motivation. Man sollte gern tun, was man tut. Um das herauszufinden, sind Praktika unerlässlich. Wer da einen positiven Eindruck hinterlässt und ein bisschen handwerkliches Geschick zeigt, kann leicht ein paar Ausrutscher im letzten Zeugnis wettmachen.

Sind Flüchtlinge eine Möglichkeit, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

Für das Handwerk wie für alle anderen Wirtschaftsbereiche gilt: Ohne geregelte Zuwanderung werden wir das Fachkräfteproblem nicht lösen können. Bereits heute sind rund sieben Prozent der Auszubildenden im Kammergebiet geflüchtete Menschen. Das Handwerk hat eine große Integrationskraft bewiesen. Doch dazu braucht es weiter einen langen Atem und viel Unterstützung. Gerade hat an den Bildungshäusern der Handwerkskammer wieder der Grundlagenunterricht für Geflüchtete begonnen. Da geht es um Deutsch, Mathematik und Wirtschaftskunde, also tatsächlich um das Basiswissen, das manche Geflüchtete noch brauchen – neben ihrer Ausbildung im Betrieb und in der Berufsschule.

Das könnte Sie auch interessieren