Eine zunehmend sich zerfasernde Welt, Perspektiven von Macht und eine Politik, die sich von der Wirklichkeit abwendet: Annette Schavan hat ihre Kanzelrede in der Donaueschinger Stadtkirche St. Johann zu einer Rückbesinnung auf christliche Werte gemacht. Die CDU-Politikerin aus überzeugtem katholischem Haus, bis vor Kurzem war sie noch deutsche Botschafterin im Vatikan, ist inzwischen wieder in Baden-Württemberg. Und sie war gestern die Rednerin, die die 25. Jubiläums-Kanzelrede halten durfte.

Nach der Rede der Kontakt mit den Zuhörern: Annette Schavan im kurzen Gespräch mit Donaueschingens OB Erik Pauly.
Nach der Rede der Kontakt mit den Zuhörern: Annette Schavan im kurzen Gespräch mit Donaueschingens OB Erik Pauly. | Bild: Manfred Beathalter

Unter den Zuhörern in der nicht ganz voll besetzten Stadtkirche war mit Erwin Teufel ein prominenter Besucher. Der frühere Ministerpräsident, der selbst auch schon auf der Kanzel von St. Johann gestanden hat, wurde von Pfarrer Erich Loks besonders herzlich begrüßt. OB Erik Pauly, Alt-OB Bernhard Everke, Erbprinz Christian oder der frühere MdL Franz Schuhmacher gaben Annette Schavan die Ehre nach ihrer Rückkehr aus Rom und dem Wiedereinzug in Baden-Württemberg.

Was für König Salomon Macht war

"Die Macht und das hörende Herz", so das Thema ihrer Kanzelrede, stellt die Politik auf eine christliche Grundlage: Politische Macht könne und müsse Zukunftsperspektiven eröffnen, sie brauche aber ihre Verankerung in der christlichen Verantwortung. "Was sind die Mächtigen, angesichts von Gott"?, fragt sie. Sie greift weit zurück in die Bibel, die das politische Handeln und politische Macht eines König Salomon als einen Lernprozess darstellt. "Die Wirklichkeit bringt uns dazu, auf die Zwischentöne zu hören", sagt Schavan. "Macht zu lernen hat nur derjenige, der fähig ist zuzuhören und die Wirklichkeit wahrzunehmen."

Damit ist sie bei Papst Franziskus, der sich immer wieder der Wirklichkeit der Armen stellt, der wieder an die Ränder der Gesellschaft geht, "der ein Gespür hat für diese Welt der bislang Ausgeschlossenen". Politik solle Sorge tragen für die Gerechtigkeit der Welt, "Sorge tragen für das gemeinsame Haus."

Referentin greift das Zölibat an

Annette Schavan stellt mit dem 1949 in Kraft gesetzten Grundgesetz für die Bundesrepublik, mit dem 1989 erfolgten Fall der Mauer zwischen West und Ost und dem Vatikanischen Konzil Mitte der 1960-er Jahre drei wichtige politische und kirchliche Ereignisse in den Blick: Während das Konzil die kirchliche Landschaft erheblich verändert und geöffnet hat, haben die zwei politischen Ereignisse die gesellschaftliche Welt gravierend verwandelt. Aber die wirksame Kraft dahinter, so Schavan, sei das Christentum. Und Schavan erntet Beifall auf offener Szene, als sie sich zum Zölibat äußert: "Es tut der Kirche nicht gut, dass sie immer nur das Amt vor den Frauen schützen will, so schlimm sind wir Frauen auch nicht."

Und sie äußert sich zu Europa und fordert auch hier die Fähigkeit "auf sein Herz zu hören". Freilich: 30 Jahre nach dem Fall der Mauer müsse eine neue europäische Wirklichkeit geschaffen werden. Die Gründungsväter seien viele neue Wege gegangen, "heute erleben wir, dass Europa hadert in einer zerbrochenen Welt. Daher braucht Europa neue Wege und Erinnerungen an die Wurzeln der europäischen Geschichte."

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