Am Wochenende hat das „Am-Vieh-Theater“ seine Wiedergeburt in der eineinhalb Jahrzehnte gespielten Urfassung eines abendfüllenden Programms erlebt, das 2011 von einem Intermezzo mit eingekauften Produktionen abgelöst wurde. Und hat den neuen, purpurnen Vorhang zerteilt vor der offenbar noch immer „rüstige“ Fan-Familie für die Antwort auf die Frage: Kann eine Delikatesse, die über Jahre als Hoffnungs-Konserve eingelagert war, tatsächlich wieder seine vielgelobte Hausmacher-Qualität entfalten? Oder entlädt sich die derb-pikante Note? Schmeckt’s wie Aufgewärmtes?

Die dreihundert Besucher im rustikalen Mundelfinger Theaterstadel erlebten bei den ersten beiden von zwanzig Vorstellungen im Jahresspielplan 2017 eine Antwort mit dickem Ausrufezeichen: Die Wiedergeburt des Unterhaltungs-Phänomens, das in ein klassisches Bühnen-Genre passt, ist rundum geglückt! Die knapp dreitausend Besucher, die ihre Eintrittskarten schon in der Vorverkaufs-Warteschlange erstanden haben, können sich auf das dreistündige Menü aus irrwitzigem Klamauk, frappierenden Bühnentechnik-Einfällen, schrill-köstlicher Rollen und immer wieder mitreißend eingeschenkter musikalischer Sequenzen freuen.

Dabei hat sich das Quartett der Wochenend-Stars von einst auf der Bühne halbiert. Nur der IT-Unternehmer Kurt Kammerer und der Holzbau-Fachmann Hans Kindler sind noch dabei. Mit dem 60 Jahre alten Statiker Reinhard Mäder und dem 43-jährigen Glaser Peter Kuhrt fanden sie in dem Hüfinger Dorf Einwechsel-Spieler für Wolfgang Gut und Joachim Mäder, die sich am Premieren-Wochenende als Glücksgriffe erwiesen. Martin Springindschmitten komplettiert das Quintett weiterhin als erfahrener Technik- und Bühnenspezialist.

30 Seiten Drehbuch

Buchstäblich in alter Frische lebt in dem neuen Programm „Kaunt-Daun“ das weithin einzigartige Naturell dieser so spezifischen Bühnenunterhaltung wieder auf. Wieder haben sich die Komödianten bei ihrer Klausursitzung am Bodensee, wo die dreißig Seiten „Drehbuch“ entstanden sind, zeitlose Alltags-Szenen zu wahnwitzigen Überzeichnungen verwürzt, haben Dekorations-Utensilien und Kostüme erdacht, die kopfschüttelnde Reaktionen auslösen, haben sich vor allem in pralle Frauenkleider gepresst und Anzüge aus der Flower-Power-Ära geliehen. Und gemeinsam mit den Kulissenmalern Martin Held und Vera Kindler und den Hinter-den-Kulissen-Helfern Roland Hasenfratz, Alexander Bernhard, Marcel Springindschmitten und Adrian Kindler ist ein Gesamtkunstwerk spaßiger Groteske entstanden, das Augen und Ohren zur dreistündigen Exkursion des verblüfften Staunens und herzhaften Lachens führt.

Für den Bezug zur Vergangenheit sorgt auch die Familie Hammel, die ja während des Programm-Intermezzo mit eingekauften Akteuren in der ehemaligen Mundelfinger Festhalle zur Untermiete war – und sich nun mit den Eigenbedarf der Vermieter zu arrangieren hat. Die danach folgenden fünf Motive – die „Entsorgungs-Ingenieure“ der Müllabfuhr, das Taxi, das einen Junggesellenabschied als Fahrgäste bewältigen muss, die familiären Missverständnisse einer Urlaubsreisen-Planung, der gänzlich unorthodoxe Alltags eines Kaminfegers und eine Urlaubs-Offerte speziell für Männer – all diese Themen bieten dem neuen Am-Vieh-Theater-Quartett reichlich Gelegenheit, die Talent-Charaktere blühen zu lassen. Freilich wieder jene der Altstars: Kurt Kammerers Szenen, deren werbende Melodie er sich von den Marktschreiern geliehen hat, die auf dem Jahrmarkt den unentbehrlichen Allzweckschneider feilbieten. Hans Kindlers Bühnen-Identität, in der er in prallen Frauenkleidern auf waghalsigen Stöckelschuhen balanciert. Wie Puzzlestücke ins Am-Vieh-Theater passen auch die beiden Debütanten: Reinhard Mäder, ob er als badischer Landesbranddirektor daher kommt oder als ihres Mannes überdrüssiger Ehefrau. Aber vor allem wenn er zum Saxophon oder zur Beduinenflöte greift und den Takt anschunkelt für etliche Stimmungs-Chokes nach Noten. Schließlich die Talent-Entdeckung der neuen Spielzeit: Peter Kuhrt. Der „Jungstar“ geriert sich als Altmeister des Bühnenklamauks, sein Agieren wird zum genussvollen Lifting des altbekannten, umjubelten Am-Vieh-Theater-Stillebens.

Wie geht es weiter?

Alle Vorstellungen des Jahres sind ausverkauft. Doch 2018 geht es mit demselben Programm weiter. Der Vorverkauf aller Tickets findet im Frühjahr statt.