Rückblende auf 1984/85: SÜDKURIER-Mitarbeiter Manfred Beathalter war, wenige Jahre bevor der Eiserne Vorhang 1989 zerbrach, mit Fernfahrern auf Reportage-Reise. Die Fahrt führte ihn durch den ehemaligen Ostblock bis nach Griechenland. Ein paar Ausschnitte aus seiner Reportage.
Rückblende auf 1984/85: SÜDKURIER-Mitarbeiter Manfred Beathalter war, wenige Jahre bevor der Eiserne Vorhang 1989 zerbrach, mit Fernfahrern auf Reportage-Reise. Die Fahrt führte ihn durch den ehemaligen Ostblock bis nach Griechenland. Ein paar Ausschnitte aus seiner Reportage.

Die Fahrt führt von Siegen in Nordrhein-Westfalen zum bayrisch-tschechischen Grenzübergang Furth im Wald, durch die damalige Tschechoslowakei nach Ungarn und auf dem berühmt-berüchtigten Autoput (serbisch für Autobahn) durch den Balkan, durch Serbien und Mazedonien bis nach Griechenland. Gut 2500 Kilometer im Lastwagen, eine Tour durch den früheren Ostblock: Weil die kürzere Route durch Österreich zu viel Maut kostet und der Sprit sehr viel teurer ist. Und weil Lastzüge damals nur 30 Liter Sprit im Tank mitführen durften, wenn sie in die Alpenrepublik hinein wollten.

Orient-Express 1984 über ungarische Landstraßen: Vier neue Tankauflieger mit Übergröße aus deutscher Produktion werden in den griechischen Ägäishafen Vólos gebracht. Von dort geht die Reise per Schiff weiter nach Saudi-Arabien.
Orient-Express 1984 über ungarische Landstraßen: Vier neue Tankauflieger mit Übergröße aus deutscher Produktion werden in den griechischen Ägäishafen Vólos gebracht. Von dort geht die Reise per Schiff weiter nach Saudi-Arabien. | Bild: Manfred Beathalter

Vier große Tank-Auflieger, jeder 21 Meter lang und Überlänge, einem Fassungsvermögen von jeweils 78 000 Litern, 50 000 Liter mehr als bei uns erlaubt, knapp 30 Tonnen schwer, obwohl leer. Die Tanker sind Sonderanfertigungen, die ganz auf arabische Verhältnisse zugeschnitten sind: Sie bringen es voll beladen auf 100 Tonnen Gesamtgewicht, sollen Rohöl oder Kerosin für Jumbojets bei den Saudis transportieren. "Wie die mit einer 320 PS-Zugmaschine bewegt werden sollen, ist mir ein Rätsel", meint Hanspeter, einer der Fahrer kopfschüttelnd. Wie auch immer: Die vier Riesen sollen in den griechischen Mittelmeerhafen Vólos gebracht werden. Sozusagen ein Orientexpress, der von dort nach Syrien und Saudi-Arabien verschifft wird.

Woher kommen die Gänse? Natürlich aus Ungarn. Die Landwirtschaft floriert auch vor der Wende, für die Versorgung ist gut gesorgt. Die ungarische Küche gehört zu den guten und schmackhaften Küchen in Europa.<br /><br />
Woher kommen die Gänse? Natürlich aus Ungarn. Die Landwirtschaft floriert auch vor der Wende, für die Versorgung ist gut gesorgt. Die ungarische Küche gehört zu den guten und schmackhaften Küchen in Europa.

| Bild: Manfred Beathalter

Schon bevor sich 1989 der Eiserne Vorhang öffnete, war Ungarn nicht nur für DDR-Bürger ein schönes und beliebtes Urlaubsland. Der Plattensee, ungarisch Balaton, eine gut 70 Kilometer lange flache Badewanne, gefüllt mit grünlich-weißem, schwefelhaltigem Wasser und zahlreiche Thermalbäder: Ungarn schwimmt eigentlich auf einem riesigen Thermalsee. Die Puszta, Reiterfolklore und ein grandioses System von Tropfsteinhöhlen, so die 25 Kilometer lange Baradla-Höhle im Nordosten des Landes, locken viele Touristen an.

Budapest, zentrale Markthalle vor der Freiheitsbrücke und dem Gellert-Bad: Trabis und Wartburgs und Straßenbahnen prägen das Bild von 1984. Die Markhalle ist nicht nur außen ein Schmuckstück. Auch zu Ostblock-Zeit waren Regale und Einkaufsstände im Inneren gut gefüllt.
Budapest, zentrale Markthalle vor der Freiheitsbrücke und dem Gellert-Bad: Trabis und Wartburgs und Straßenbahnen prägen das Bild von 1984. Die Markhalle ist nicht nur außen ein Schmuckstück. Auch zu Ostblock-Zeit waren Regale und Einkaufsstände im Inneren gut gefüllt. | Bild: Manfred Beathalter

Sie suchen Erholung und Entspannung. Die Reisen nach Ungarn wurden vor der Wende aber auch für Einkäufe genutzt: In Ungarn war die Versorgungslage nicht ganz so schlecht. Gute Restaurants und Kneipen schon damals, eine berühmte Küche: Ungarn, stark landwirtschaftlich ausgerichtet, hatte in der Regel gut gefüllte Regale. Ein Beispiel ist die Zentrale Markthalle von Budapest, unweit der Freiheitsbrücke und dem berühmten Gellert Themalbad, damals wie heute in ihrer verspielten Architektur aus glasierten Ziegeln ein Anziehungspunkt.

Paprika, Paprika und was das Herz sonst begehrt: Die große Markthalle in Budapest ist auch zu Ostblockzeiten ein Zentrum für den Handel.
Paprika, Paprika und was das Herz sonst begehrt: Die große Markthalle in Budapest ist auch zu Ostblockzeiten ein Zentrum für den Handel. | Bild: Manfred Beathalter

Hier gab es auch zu Ostblockzeiten jede Menge Obst und Gemüse, Wein aus Riszling- und Tramini-Trauben, Tokajer und Bier oder Marillenschnaps. Die Markthallen platzen, vor allem im Herbst, aus den Nähten. Es gibt Paprika in allen Formen und Farben, Knoblauch, Krautköpfe, Obst, Gemüse, Trauben, Äpfel, die unvermeidlichen Kolben aus Zuckermais (Kukuruz), Geflügel und Fisch. Für neun Forint, damals 60 deutsche Pfennig, gab es ein Kilo wohlschmeckende Tomaten.

Ersatzteile für den Trabi oder den Wartburg: Ungarn hatte vieles im Angebot, was die DDR-Autobastler sehnlich vermissten. Getriebe- und Motorenteile für den Zweitakter mit der unverwechselbaren Duftnote, Scheibenwischer, Reifen, Werkzeuge, Seitenspiegel, woher auch immer die Sachen kamen. Der ungarische Handel war tüchtig.

Auch der Schwarzhandel blühte. Hinter dem Waschhäuschen auf dem Campingplatz bekam man für ein paar D-Mark viele ungarische Forint-Scheine. Nur: Wer nicht aufpasste, wurde übers Ohr gehauen. Er hat kurz vorher noch ein Bündelchen Forint-Scheine gesehen, doch am Ende findet er, flink getauscht, nur ein paar Blätter abgegriffenes Klo-Papier, davor einen einzigen Forint-Schein herumgewickelt. Der Händler macht sich aus dem Staub, die D-Mark-Scheine auch.

Raucherpause: Die vier "Trucker" (von links) Bruno, Armin, Hanspeter und Uli. Sie sind 1984 auf einer 2500 Kilometer langen Tour von Siegen nach Griechenland. Trucker und Transit, Fahren, Fahren, Fahren und (fast) immer wach hinter dem Steuer.
Raucherpause: Die vier "Trucker" (von links) Bruno, Armin, Hanspeter und Uli. Sie sind 1984 auf einer 2500 Kilometer langen Tour von Siegen nach Griechenland. Trucker und Transit, Fahren, Fahren, Fahren und (fast) immer wach hinter dem Steuer. | Bild: Manfred Beathalter

Wer mit seinem Auto schneller durch die Grenzabfertigung kommen wollte, brauchte ein paar einschlägige Westzeitschriften, ein paar Dosen Cola oder Bier aus Deutschland oder ein Pfund Kaffee, um die Abfertigung durch den Grenzer zu beschleunigen.

Die Fernfahrer erzählen Geschichten vom günstigen Handel um den Spritpreis: Wenn nicht gerade ein Polizist in der Nähe ist, ist der Tankwart gerne behilflich. Ein gutes Geschäft, wenn mehrere 100 Liter Diesel in die Tanks fließen.

Schnee von vorgestern. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs öffnete sich auch das System, wie ein Fenster für frische Luft: Es herrschte Aufbruchsstimmung. Und diese ermöglichte einstigen DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen und die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten.

Budapest und Vác

  • Die Zentrale Markthalle in Budapest ist auch während Ostblock-Zeiten ein Sinnbild für Wohlstand und gute Versorgung der Ungarn. 1894 bis 1897 erbaut, erinnert das Gebäude an eine Basilika mit Langhaus und zwei Querschiffen. Glasierte Ziegel, Säulen und Figuren geben dem Gebäude seinen Charme. Früher führte ein Kanal von der Donau in die Halle für die Warenanlieferung. Heute gibt es 180 Stände und zwei Supermärkte in der Halle.
  • Vác ist mehr als 1000 Kilometer weit von Donaueschingen entfernt und abseits von Flügen meist nur mit einer anstrengenden, 20-stündigen Autofahrt zu erreichen. Es ist trotz Höhen und Tiefen gelungen, die Partnerschaft am Leben zu halten. Auch wenn die Bürgermeister im Vácer Rathaus wechselten.