Vác und Donaueschingen, die beiden Städte an der Donau, feiern dieses Jahr. Die Partnerschaft wird 25 Jahre alt, Silberhochzeit sozusagen. Eine Donaueschinger Reisegruppe mit Alt-OB Bernhard Everke und Erik Pauly an der Spitze hat im Juli schon in Vác das Jubiläum gefeiert. Beim Herbstfest im Oktober kommt nun Besuch aus der ungarischen Partnerstadt nach Donaueschingen zum Feiern.

Ein frischer Wind der Freiheit wehte am Beginn der 1990er-Jahre durch Ungarn und Europa. Er sorgte dafür, dass der Eiserne Vorhang eingerissen werden konnte. Ein Vierteljahrhundert später greift die große Politik einmal mehr ins lokale Geschehen ein: Viktor Orbán, seit 2010 Ungarns Ministerpräsident, hat das Rad wieder zurück gedreht und einen neuen 175 Kilometer langen Zaun entlang der serbischen Grenze bauen lassen. Streng bewacht von Soldaten und Polizisten.

Seit der jüngsten Wahl im April dieses Jahres kann Orbán mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament regieren. Die politische Situation hat eine eindeutige Richtung: Vollkommene Abschottung gegenüber Migration. Die Bürger sind nicht nur in Ungarn hin und her gerissen zwischen Zustimmung und Ablehnung. Barna Kovacs aus Nagymaros, einem Ort etwa 20 Kilometer von Vác entfernt, versucht die Stimmung rund um die Region am Donauknie auf den Punkt zu bringen.

Ivett Heininger und Barna Kovacs, leben in Nagymaros, in der Nähe von Vác. Sie waren vor kurzem in Donaueschingen und besuchten den Donauzusammenfluss im Haberfeld. Sie geben Einblick in die veränderte politische Stimmung in Ungarn.
Ivett Heininger und Barna Kovacs, leben in Nagymaros, in der Nähe von Vác. Sie waren vor kurzem in Donaueschingen und besuchten den Donauzusammenfluss im Haberfeld. Sie geben Einblick in die veränderte politische Stimmung in Ungarn.

Der selbstständig arbeitende Fachmann für Informatik entwickelt Software für Web-Seiten. Früher war er an der Universität für Ökonomie in Budapest beschäftigt. Er und seine Frau Ivett Heininger sind in Donaueschingen keine Unbekannten. Die beiden sprechen sehr gut Deutsch und waren vor kurzem für ein paar Tage in Donaueschingen, bereit zu einem Gespräch über die aktuelle Lage in ihrer Heimat. Für Ivett wurde der erneute Besuch auf der Baar zu einer Reise in die Vergangenheit. Sie war 2001 ein halbes Jahr als Au-Pair-Mädchen in der Stadt.

"Ich bin meist ein Kritiker von Viktor Orbán", räumt Barna Kovacs ein, "aber in bestimmten Dingen hat er Recht, wenn auch nicht in allen. Orbáns Fidesz-Partei vertritt christliche Werte", sagt er, "deswegen wähle ich Fidesz, die Mehrheit der Menschen in Ungarn ist christlich orientiert." Der studierte Rechtswissenschaftler Victor Orbán gehört dem Parlament seit 1990 an. Seit 2000 Ministerpräsident in Ungarn und regiert seit den Wahlen im April mit einer Zweidrittel-Parlamentsmehrheit. Orbán ist zudem Mitbegründer und Vorsitzender der Fidesz-Partei, auch Ungarischer Bürgerbund. Fidesz war einst als liberale Protestorganisation junger Intellektueller gegründet worden und entwickelte sich unter Orbán in eine autoritäre und nationalistische Richtung.

Ivett Heininger hat einen anderen Blickwinkel. Die Partei sei sehr stark, die Opposition eher zersplittert, zwischen 40 und 50 Prozent der Ungarn seien für Fidesz, sagt sie. "Viele mögen Orbán nicht, aber er vereint sie hinter sich, wenn das Land in einer Krise steckt."

Barna Kovacs glaubt, dass Orbán die Stimmung gegen die Muslime gut für sich zu nutzen verstehe: Das Problem der Migranten sei in Europa nicht gut gelöst. Orbán vermittle seinen Anhängern die Botschaft, dass "Europa ist schwach und Ungarn stark" sei. "Ich persönlich habe Probleme damit, dass er Politik mit dieser Angst macht", sagt Kovacs. "Die Ungarn fürchten, überflutet zu werden und sehen christliche Kultur und Geschichte bedroht". Damit habe Orbán die Wahl gewonnen. Kein neuer Gedanke. Das Ungarnkreuz, das seit 1956 im fürstlichen Park in Donaueschingen steht und daran erinnern soll, dass 500 Jahre zuvor die Ungarn die Truppen des türkischen Sultans besiegten und damit "das christliche Abendland vor islamischer Herrschaft bewahrten". Das Kreuz wurde mehrfach renoviert, die fürstlichen Füsiliere und die Ungarnfreunde mit Ernst Engesser und Ernst Zimmermann an der Spitze waren aktiv mit dabei.

Das Ungarnkreuz steht seit 1956 im fürstlichen Park in Donaueschingen: 2008 sorgten Charlotte Mall und Herbert Bayer dafür, dass die Erinnerungstafel auch in ungarischer Sprache zu lesen ist.
Das Ungarnkreuz steht seit 1956 im fürstlichen Park in Donaueschingen: 2008 sorgten Charlotte Mall und Herbert Bayer dafür, dass die Erinnerungstafel auch in ungarischer Sprache zu lesen ist.

Wirtschaftlich habe der Ministerpräsident derzeit Vorteile durch die gute Konjunktur in Europa. "Orbán hat Glück, weil auch die wirtschaftliche Situation in Ungarn gut ist", glaubt Barna Kovacs. Die wirtschaftliche Lage in Ungarn sei in den letzten Jahren etwas besser geworden, die gute Entwicklung werde Orbán gutgeschrieben. "Aber er profitiert im Grunde nur von Europa." Und wie in Deutschland auch, herrsche in Ungarn Mangel an Arbeitskräften und Fachleuten. Dies habe immerhin den Vorteil, dass Löhne und Gehälter steigen.

Ein anderes Augenmerk liegt auf der demografischen Entwicklung und der Hoffnung, dass steuerliche Anreize die Geburtenrate steigern sollen. Ivett Heininger und Barna Kovacs selbst haben fünf Kinder.