Besucher müssen einem kleinen Weg in einen Hinterhof folgen, wenn sie zu Gerlinde Hummel-Höflin wollen. Hinter ihrem Elternhaus hat sie ihre Werkstatt. Davor große Glasfenster, die einen Blick hinein erlauben.

Ein Meister ihres Fachs

In der Werkstatt wird sofort klar, welches Material hier im Vordergrund steht. Überall duftet es nach verschiedenen Holzsorten, auf dem Tisch liegen grobe Spähne und neben den Kunstwerken lehnen große Stämme an der Wand. Das Ticken einer Uhr klingt durch den Raum. Hummel-Höflin ist Holzbildhauerin, hat auch den Meisterkurs absolviert. Sie arbeitet freischaffend und kümmert sich dabei nicht nur um die Anliegen der Narren in der Region, sondern nimmt auch individuelle Aufträge an.

Die hölzerne Vorlage des Bräunlinger Fasnet-Zächilis im Jahr 2018 und wesentlich kleinere, fertige Guss. Zu sehen ist hier der Narrensome. Eine Arbeit, die präzise sein muss.
Die hölzerne Vorlage des Bräunlinger Fasnet-Zächilis im Jahr 2018 und wesentlich kleinere, fertige Guss. Zu sehen ist hier der Narrensome. Eine Arbeit, die präzise sein muss. | Bild: Simon, Guy

Kundenstamm ist wichtig

Mit ihrem Beruf ist sie glücklich, nur das Geld könnte etwas besser sein: „Ich würde heute niemandem empfehlen das zu machen, um davon auch leben zu können“, erklärt Hummel-Höflin. Im Schwarzwald und auf der Baar gebe es viele Narren, generell sei aber ein Kundenstamm notwendig. Erbt man den nicht, muss man ihn sich erarbeiten. Mühsam.

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Aber wie ist sie überhaupt zu dem Beruf gekommen?

„Das habe sicherlich auch was damit zu tun, was man über die Gene von der Familie mitbekommen hat“, mutmaßt die Holzbildhauerin. Ihr Großvater hatte eine Mechaniker-Werkstatt, war handwerklich begabt. Ihr Vater lernte Schreiner, musste das aber aufgeben, um den väterlichen Betrieb zu übernehmen. „In der Verwandtschaft gab es auch Kunstschreiner“, sagt Hummel-Höflin. Sie geht zuerst auf das Gymnasium. „Ich musste dann aber was mit den Händen machen, ich konnte mir nichts anderes vorstellen.“

Sich austoben

In Tannheim lernt sie schließlich den Beruf des Holzbildhauers, Ende der 1980er besucht sie den Meisterkurs in München. Eine tolle Zeit, wie sie sagt. Eine Zeit, sich kreativ auszutoben, verschiedene Techniken zu lernen und auszuprobieren. „Wir gingen in den Zoo oder die Pinakothek, um zu zeichnen.“ In den Holzbildhauer fließen etliche Fertigkeiten von Berufen, die es nicht mehr gibt. „Man lernt Kunstgeschichte, modellieren, restaurieren, vergolden, Bronzen machen und vieles mehr.“ Noch heute ist es so, dass bei einem großen Auftrag zuerst ein Modell angefertigt wird. „Eine Zeichnung reicht da nicht.“

Besondere und individuelle Stücke sind der Holzbildhauerin am liebsten.
Besondere und individuelle Stücke sind der Holzbildhauerin am liebsten. | Bild: Simon, Guy

Verbindung mit Pädagogik

Hummel-Höflin weiß um die Situation des Berufes am Arbeitsmarkt und macht sich schließlich als Freischaffende selbstständig. Und sie findet einen Bereich, der auch zum Beruf passt. Sie arbeitet in der Bad Dürrheimer Jugendkunstschule mit, hilft beim Ferienprogramm, bietet entsprechende Kurse an. Kinder und Jugendliche lernen bei ihr das Schnitzen, bekommen gezeigt, wie man einen Druck herstellt. Über den Kopf in die Hand bis zum fertigen Kunstwerk. „Die sollen sich auch mal dreckig machen können“, sagt die Bräunlingerin. „Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Das Gefühl, etwas körperlich zu machen, mit den eigenen Händen, das ist schon ein Erlebnis. Das kommt heute oft zu kurz.“ So berichten ihr auch die Eltern eines sehr aktiven Kindes, dass es den Schnitzkurs zur Beruhigung regelrecht brauche.

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„Mir geht‘s einfach gut, wenn ich schnitzen kann“

Neben der Arbeit mit den Jugendlichen, was fasziniert Hummel-Höflin selbst am meisten? „Etwas zu machen, das man nicht überall sieht. Außerdem der Entstehungsprozess. Vom Entstehen des Entwurf bis hin zum fertigen Stück.“ Die Arbeit erlaube ihr auch, komplett darin abzutauchen: „Manchmal erschrecke ich dann regelrecht, wenn jemand ans Fenster klopft“, sagt sie. „Mir geht‘s einfach gut, wenn ich schnitzen kann.“ Wichtig sei allerdings, keine Hektik zu haben. Besonders bei Entwürfen. Das Entwickeln brauche Zeit.

Für Arbeiten wie jene auf dem Bild braucht es Zeit. Die Holzbildhauerin muss sich in das Thema eindenken. Wie sieht das Tier genau aus, wie verhält es sich, wie soll es auf der Arbeit rauskommen?
Für Arbeiten wie jene auf dem Bild braucht es Zeit. Die Holzbildhauerin muss sich in das Thema eindenken. Wie sieht das Tier genau aus, wie verhält es sich, wie soll es auf der Arbeit rauskommen? | Bild: Simon, Guy

Jedes Stück eine Geschichte

„Die Leute fragen mich oft, wie lange ich denn so für eine Maske brauche. Das kann ich jedoch nicht sagen“, erklärt Hummel-Höflin. Das sei unterschiedlich. Mal gehe es zügig, mal fehle die Eingebung. Mal liegt es auf der Hand, ein anderes Mal müsse geknobelt werden, bis es schließlich gelingt. Aber auch das mache den Reiz aus. „Wenn jemand kommt und etwas besonderes will. Dann arbeite ich an etwas, das auf die Leute abgestimmt werden muss. Es ist toll, wenn sie sich mit einbringen“, erklärt sie. Jedes der Stücke erzählt dann eine eigene Geschichte. Wie jene Arbeiten, die bei ihr in der Werkstatt stehen. Eine Springerle-Form des Mühlentors, eine sitzende Madonna mit Kind, hölzerne Pinguine, ein Relief mit tanzendem Paar. Das war ihre Meisterarbeit.

Negativ und seitenverkehrt muss die Springerle-Form gemacht werden.
Negativ und seitenverkehrt muss die Springerle-Form gemacht werden. | Bild: Simon, Guy
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Besondere Arbeiten

Es gibt allerdings zwei besondere Stücke, die sich nicht in der Werkstatt befinden. „Es gibt zwei Arbeiten, auf die bin ich richtig stolz.“ Eine davon steht in der Bräunlinger St. Remigiuskirche. Eine Madonna, die über einen Meter groß ist. „Als Vorlage hatte ich ein Bild, das nicht verändert werden darf.“ Und eine Arbeit, die jetzt in einer kroatischen Kirche steht. „Das ist ein Nikolaus“, sagt Hummel-Höflin. Ein Gastarbeiter hatte Geld dabei, in seinem Ort hatte man dafür gesammelt. Eigentlich nicht genug, Hummel-Höflin macht es dennoch. „Wir waren mittlerweile auch schon auf der Insel und haben uns angeschaut, wo der Nikolaus jetzt steht. Das ist etwas Einmaliges, eine Chance, die nicht jeder bekommt.“

Dieser Nikolaus befindet sich mittlerweile auf einer kroatischen Insel.
Dieser Nikolaus befindet sich mittlerweile auf einer kroatischen Insel. | Bild: Simon, Guy
Diese Madonna mit Kind ist in der St. Remigius-Kirche in Bräunlingen zu bewundern.
Diese Madonna mit Kind ist in der St. Remigius-Kirche in Bräunlingen zu bewundern. | Bild: Simon, Guy

Einen Auftrag zu bekommen, das sehe sie auch immer als einen großen Vertrauensbeweis. Sie müsse sich in eine Sache eindenken und sich einfühlen: „Auch das macht den Reiz aus.“ Und viele der Kunden bekommen bei einem Besuch in der Werkstatt auch erst ein Gespür davon, warum manche Arbeiten eben etwas dauern. Es riecht nach Holz und eine Uhr tickt an der Wand.

Eine Arbeit mit vielen Aufgaben

  • Fasnetzächili: Immer zur Fasnet erscheinen in Bräunlingen die sogenannten Fasnetzächili. Runde Abzeichen, hergestellt im Zinkdruckgussverfahren von der Firma Dynacast für die Bräunlinger Narrenzunft. Zu sehen sind jeweils bestimmte Figuren aus dem Bräunlinger Narrenreigen. Doch bevor das Zeichen aus Metall entsteht, hat auch Gerlinde Hummel-Höflin ihre Finger im Spiel. Sie fertigt für die Zeichen eine Vorlage aus Holz, die geschnitzt wird. Dabei ist höchste Sorgfalt notwendig. So muss die Holzbildhauerin darauf achten, keine Hinterschneidungen ins Holz zu bringen. Wird nämlich das Negativ hergestellt, könnte das Material dort hineingelangen und wäre dann wie verhakt. „Es muss sehr präzise ablaufen. Dafür sind Erfahrungswerte wichtig“, sagt Hummel-Höflin.
  • Holz: Für ihre Arbeiten benutzt die Holzbildhauerin verschiedene Arten des Materials. Nicht alle sind noch leicht zu bekommen. So etwa auch Birnbaumholz. Das hat sie in ihrer Meisterarbeit benutzt, einem großen Relief zweier Tänzer. „Es ist schön hart und man kann steinig arbeiten. Das mache ich gerne“, erklärt sie. Die Masken oder Schemen der Narrenzünfte fertigt sie aus Lindenholz. In der Werkstatt hat sie sich besonderes Holz für ein besonderes Stück aufgehoben: Mooreiche, das durch die Zeit im Mooor dunkel eingefärbt ist.
  • Springerle: Auch Formen für das beliebte Weihnachtsgebäck hat Hummel-Höflin schon als Auftragsarbeit geschnitzt. Eine Arbeit, die recht knifflig ist und bei der man immer bei der Sache sein muss. „Sie müssen negativ und seitenverkehrt geschnitzt werden“, erklärt sie. „Was in der Form hoch ist, wird im Gebäck nachher tief erscheinen.“ Zu sehen auf ihrer Form vom Mühlentor (linkes Bild). Die Tore im unteren Bereich erscheinen nachher besonders tief, sind daher in der Form hervorgehoben. „Das rechnet sich nicht, macht aber viel Spaß.“