Parallel zum Verlauf der Breg an der Hüfinger Straße in die Kreisstraße stehen etwa zehn Personen in einem Kreis. Sie sind gekleidet, als ob sie gleich in den Wald gehen, um Holz zu schlagen. Einer hat ein Handtuch um seinen Hals geschlagen. In der Hand hält er eine kleine Schale, in der verschiedene Kräuter brennen: „Salbei, Zeder und Lavendel“, erklärt Wolfgang Lorenz, der sich den Rauch mit einer Adlerfeder zufächelt. Die Schale wird weitergegeben. Alle im Kreis tun es gleich. „Wir machen das, um das Leben wertzuschätzen und um im Einklang zu sein. Gleich nehmen wir etwas, vorher geben wir etwas“, sagt Lorenz.

Bevor die Weidenruten geschnitten werden, gibt es ein Ritual mit einer Räuchermischung. Verbrannt werden Lavendel (macht Schönheit sichtbar), Salbei (wirkt reinigend) und Zeder (hilft, ausbalanciert zu denken). Der Rauch wird mit einer Feder gefächelt.
Bevor die Weidenruten geschnitten werden, gibt es ein Ritual mit einer Räuchermischung. Verbrannt werden Lavendel (macht Schönheit sichtbar), Salbei (wirkt reinigend) und Zeder (hilft, ausbalanciert zu denken). Der Rauch wird mit einer Feder gefächelt. | Bild: Simon, Guy

Arrangement mit der Stadt

Geben und Nehmen ist in diesem Fall auch mit der Bräunlinger Stadtverwaltung abgesprochen. Bereits seit etwa zehn Jahren besteht eine Übereinkunft mit der sogenannten Firehawk Lodge vom Verein Erdvolk. „Im Jahr 2000 entstand hier die Umfahrung und ein Hochwasserschutzgebiet. Dazu war auch eine Ausgleichsplanung notwendig, zu der auch Gehölz am Gewässerrand gehört. Eine gewisse Optik ist notwendig, für Vögel und Kleintiere ist außerdem die Verschattung der Gewässer wichtig“, erklärt Alexander Misok vom Stadtbauamt. Jenes Gehölz unterliege allerdings auch einer gewissen Pflege, müsse etwa zurückgeschnitten werden. „Hier sind viele Weiden und Pappeln, die sich im Hochwasserfall auch ablegen können müssen“, sagt Misok. Auf der Suche nach einer Lösung sei man auf die Gruppe gestoßen: „Wir haben schnell einen Draht gefunden. Die Gruppe kommt, schneidet Weidenruten und übernimmt die Pflege. Von dieser Situation profitieren beide Seiten.

Aus Weiden entstehen Reinigungshütten

Die Gruppe lässt eine Schatulle mit Tabak kreisen, jeder nimmt sich ein wenig. Der Tabak stellt Verbindung her und gehört in die Philosophie des Gebens und Nehmens. Genommen werden vor allem die langen Weidenruten. Aber wofür eigentlich? „Einmal im Jahr kommen wir hierher, um die Pflanzen zu holen. Die werden dann zu einem Weidengeflecht im Kreis zusammengebunden“, sagt Lorenz. Das passiert im Lager in der Wutachschlucht. Er ergänzt: „Die Hütte entsteht um ein Loch im Boden, dort kommen dann heiße Steine hinein. Es entsteht Dampf, wie in einer Sauna.“ Diese sogenannten Reinigungshütten sind Teil einer Zeremonie. „Wir sind eine Woche dort, dann wir das wieder abgebaut. Es ist eine temporäre Geschichte.“ In der Hütte bete dann jeder für sich: „Dabei passieren Dinge, die lassen sich mental nicht beschreiben“, so Lorenz. Wichtig sei dabei ein Entstehen von Harmonie, Gleichgewicht, eine Verbindung zur Natur. „Man wird dadurch stabiler und tut sich leichter, wenn man dann sein normales Leben weiterlebt.“ Die Zeremonie gleichzeitig auch eine der Orientierung – ein Übergangsritus.

Die Gruppe ist dabei weder politisch noch religiös festgelegt: „Wir haben Akademiker, Handwerker, Christen und Buddhisten. Unterschiedliche Wege, die komplett frei sind. Wir kommen zusammen und haben eine gute Erfahrung. Wir sagen nicht, dass man sich verändern muss. Wir wollen unbewusste Anteile wieder bewusst werden lassen.“

Nordamerikanische Tradition

Entlang der Breg werden schon die ersten Äste aus dem Dickicht gezogen. Wird auf der Bräunlinger Wiese eine Weidenrute geschnitten, kommt an den Stumpf immer ein wenig roter Ocker. Ein Symbol dafür, dass das Leben weitergehe. Weiden stehen zudem im Wasser, seien vernetzt und verbunden, besitzen daher eine besondere Bedeutung für die Zeremonie. Angelehnt sind jene Gedanken an nordamerikanische Traditionen. Sie sollen nicht nur idealisiert werden, sondern man will sich ihnen widmen, sie anerkennen, erklärt Lorenz.

Nun ist Wolfgang Lorenz kein Laie, was die Pflege der Pflanzen angeht, sondern ein ausgewiesener Fachmann. Er ist Landschaftsarchitekt und versteht sein Handwerk: „Das war uns natürlich besonders wichtig“, sagt Misok. Auch im Winter komme die Gruppe nach Bräunlingen, um die Flächen freizuhalten. So könne man die Flächen derart entwickeln, dass es passe.

Üblicherweise treffe man sich alle zwei bis vier Wochen in Freiburg, das Lager im August sei da der Höhepunkt des Jahres: „Wir bauen das etwa drei Tage lang auf und sind dann eine Woche vor Ort“, erklärt Lorenz. Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Nahezu jede Altersgruppe sei vertreten. Teilnehmer kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. „Werbung machen wir dafür keine, das wird weitergesagt.“

Der Biber ist willkommen

Womit der Verein übrigens überhaupt kein Problem hat, das ist der Biber: „Ganz im Gegenteil. Als wir erfahren haben, dass es hier Biber gibt, war das für uns noch ein positiver Punkt. Der Biber ist das Totemtier der Reinigung„, erklärt Lorenz. Das passt. Und beide haben einen Vorteil aus dem Arrangement, der Verein und die Stadt Bräunlingen.