Herr Guse, Sie werden heute Abend offiziell verabschiedet. Wie fühlen Sie sich?

Gut, prima. Meine Entscheidung war die richtige nach 32 Jahren als Bürgermeister von Bräunlingen aufzuhören und mit 66½ Lebensjahren habe ich ja schließlich auch ein normales Rentenalter erreicht. Für mich war es klar, dass ich zum Ende der vierten Amtsperiode dann den Dienst in Bräunlingen beende.

Hätten Sie eigentlich mal erwartet, dass Sie der dienstälteste Bürgermeister im ganzen Kreis sind?

Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Es hat sich halt einfach so ergeben. Der Durchschnitt beläuft sich auf 16 Jahre.

War Ihnen bereits am ersten Arbeitstag im Bräunlinger Rathaus klar, dass sie so lange bleiben werden?

Ja, das war klar. Obwohl es im Wahlkampf hieß: „Der benützt das als ein weiteres Sprungbrett“. Ich wollte meiner Familie nicht noch einmal einen Umzug zumuten. Deswegen habe ich mit meiner Frau ganz bewusst die Stadt Bräunlingen ausgesucht. Wir haben fünf bis sechs andere Kommunen in ganz Baden-Württemberg angeschaut. In Bräunlingen konnten wir es uns vorstellen, nicht nur beruflich, sondern privat alt zu werden.

Was hat den Ausschlag für Bräunlingen gegeben?

Die historische Altstadt, die mir sehr gut gefallen hat. Die Stadtteile, die mir auch alle zugesagt haben. Und vor allem natürlich die gesamte Landschaft hier. Wir haben hier eine ganz hervorragende Landschaft, die Lebensqualität bedeutet. Ich wollte nie irgendwo Bürgermeister werden, wo ich mich als Privatperson mit meiner Familie nicht hätte wohlfühlen können. Außerdem sollte es keine Stadt mit mehr als 10 000 Einwohnern sein, wo man ausschließlich der Repräsentant ist oder Vorsitzender von Gremium. Sondern eine Stadt, wo ich immer selbst am Schreibtisch mitarbeiten kann, in das alltägliche Geschäft eingebunden bin und damit auch noch stark mitsteuern kann.

Die große Politik hat Sie nie gelockt?

Die große Politik hat mich beruflich nie interessiert. Als Kommunalpolitiker hat man Gestaltungsmöglichkeiten.

Hat Sie das Amt als Bürgermeister während ihrer Zeit verändert?

Ja sehr stark. Wenn ich noch die neun Jahre in Schnürpflingen dazu nehme, dann möchte ich mal in einer ganz groben Einschätzung sagen: Früher hat es genügt, dass man ein guter Verwaltungsmann war, einen Haushaltsplan aufstellen konnte, wusste, wie man Satzungen ändert, wie man eine Gemeinderatssitzung leitet. Heute ist es wirklich eine Art Management-Funktion geworden.

Hat sich auch das Verhältnis der Bürger zum Bürgermeister geändert?

Die Bürger treten viel selbstbewusster gegenüber der Verwaltung auf. Sie haben dieses sogenannte Obrigkeitsdenken, wie man es noch vor vielen Jahrzehnten hatte, abgelegt. Das beklage ich nicht, sondern ich finde es sogar gut. Ich habe Kritik immer auch als einen Prozess des Nachdenkens für mich selber gesehen: Liegen wir richtig? Habe ich persönlich richtig entschieden? Verfolge ich den richtigen Weg? So konnte ich das Ganze noch einmal selbstkritisch für mich durchleuchten.

Wenn Sie durch Bräunlingen gehen, worauf sind Sie besonders stolz?

Es gibt zwei Dinge, über die ich sehr zufrieden bin. Zum einen haben sich die Stadtsanierungsmaßnahmen sichtbar positiv im Stadtbild niedergeschlagen. Auch viele private Gebäudeeigentümer haben dadurch ihre Häuser saniert. Zum anderen, dass wir in Bräunlingen ein wirklich sehr gutes Miteinander haben, einen tollen Gemeinschaftsgeist. Ich habe das immer verglichen mit dem „Mia san mia“ der Bayern. Diese Mentalität ist in Bräunlingen und in den Stadtteilen ausgeprägt. Aber auch, dass sich Einsetzen für die Allgemeinheit lohnt und das Ehrenamt hat einen ganz besonderen Stellenwert in Bräunlingen.

Kann man nach 32 Jahren sagen, dass man Bräunlinger ist?

Ich fühle mich als Bräunlinger. Es erstaunt mich, wenn ich gefragt werde, ob ich nun wieder zurück in meine Heimat gehe. Bräunlingen ist meine Heimat geworden. Ich hab so viel Lebensgefühl und Lebensfreude hier in Bräunlingen gehabt, dass ich mich wirklich als Bräunlinger fühle und ich mich freue, ein Einwohner unter Einwohnern sein zu dürfen.

Sind Sie mit der Mentalität auch mal angeeckt?

Nein gar nicht. Ich habe mir natürlich diesen Dialekt nie aneignen können. Aber ich habe es relativ schnell gemerkt, dass die Bräunlinger Mentalität und meine Mentalität zusammenpassen. Man muss sich nicht verstellen, man kann sich selber sein. Ich habe mich nie verstellen müssen. Und das war auch ausschlaggebend, warum ich 32 Jahre hier als Bürgermeister geblieben bin. Es hat einfach gepasst: Bräunlingen und Guse.

Kann man als Bürgermeister überhaupt immer authentisch sein?

Es war für mich immer wichtig, nie eine Mauer um mich herum aufzubauen. Jeder hat die Stärken oder Schwächen des Bürgermeisters Guse sehen können. Ich habe mich von Anfang an in Bräunlingen auch privat eingebracht: Fußball, Tennis, Gesangverein, Scherenschleifer. Unsere Kinder waren im Leistungsturnen und im Tischtennis, da hat man auch in der privaten Ebene Kontakt mit anderen Bräunlingern gehabt. Ich hatte aber nie ein Problem, wenn sich dann Bürger mit ihren Anliegen an mich gewandt haben.

Als Bürgermeister ist man ständig in seinem Job. Was war für Sie die Kraftquelle, um das durchzuhalten?

Man muss Menschen mögen. Man muss gerne mit Menschen zusammen sein. Und man muss die Menschen ernst nehmen, die einen ansprechen. Egal ob positiv oder negativ. Aber wenn ich mich privat eingebracht habe, war ich nie der Bürgermeister. Beim Sport zum Beispiel war ich immer der Jürgen. Ich habe aber immer gesagt, dass das Du nicht bedeutet, dass man irgendeinen Vorteil im Rathaus erwarten darf.

Sie haben vorher gesagt, Ihre Stärken und Schwächen kennt jeder. Was sind denn Ihre Stärken?

Schwierig, wenn man über seine eigenen Stärken sprechen soll. Das wäre Selbstbeweihräucherung. Das sollen andere beurteilen.

Dann sprechen wir über Ihre Schwächen.

Meine Schwächen waren früher – und da habe ich an mir gearbeitet – auch ein Stück weit Emotionalität. Ich habe mir vorgenommen, die Emotionalität ein Stück weit zurückzufahren in bestimmten Situationen. Und ich denke, das habe ich relativ schnell geschafft.

Was hat Sie denn mal so richtig auf die Palme gebracht?

Das waren ehrabschneidende Dinge. Wenn es an Beleidigungen ging. Es bleibt nicht aus, dass man manchmal anonyme Briefe bekommt – anonyme Briefe mit Todesdrohungen. Die kamen aber von auswärts, als wir in den neunziger Jahren fast hundert Flüchtlinge aufnehmen mussten. Da hatte ich dann auch hier im Rathaus die Flüchtlinge eingeladen. Die Bild-Zeitung hat es so dargestellt, dass Bürgermeister Guse die Flüchtlinge mit rotem Teppich vor dem Rathaus empfangen hat. Das hat natürlich neonazistisch gesinnte Menschen bewegt.

Da hab ich einen Schwall Briefe mit Morddrohungen bekommen. In Bräunlingen gab es aber auch einige sehr emotionale Themen: in Unterbränd die Intensivbetreuung von notorischen Schulschwänzern in der Einrichtung „Soziale Kompetenz“. Das hat sogar in Rücktrittsforderungen von mir gegipfelt. Oder über 3000 Unterschriften gegen die Kranken-hausschließung. Oder über 3000 Unterschriften gegen die Umgehungsstraßen, ohne die es sich heute niemand mehr vorstellen könnte und ohne die auch die Stadtsanierung so nicht möglich gewesen wäre.

Wie legt man sich da eine dicke Haut zu?

Die kann man sich nicht zulegen. Die wollte ich mir auch nie zulegen. Wenn man sich eine dicke Haut zulegt, dann verliert man auch Sensibilität gegenüber Menschen und Situationen und das Einfühlungsvermögen. Aber man braucht ein Gegengewicht. Und das waren meine Hobbies, meine Familie, meine Freunde.

Rückblickend: Was hätten Sie anders machen sollen?

Bei der Schließung des Hallenbades: Ich hätte die Bürgerversammlung nicht leiten sollen. Einerseits musste ich als Moderator pro und kontra zu Wort kommen lassen, andererseits war ich selber pro Hallenbadschließung. Ich hätte einen externen, neutralen Moderator holen sollen.

Haben Sie ihren Masterplan für Bräunlingen abgearbeitet?

In einem Punkt noch nicht: die Sanierung der Kirchstraße. Meine Argumente haben beim Gemeinderat leider nichts bewirkt. Im Tiefbau steigen die Preise jedes Jahr um fünf bis zehn Prozent. Die Kommune kriegt Kredite für null Komma fünf Prozent. Jedes Jahr, das gewartet wird, ist wirtschaftlich schlechter als ein schnelles Bauen. Aber es gibt ja einen Nachfolger.

Neben ihrer Arbeit als Bürgermeister haben Sie ja auch noch diverse andere Ämter übernommen. Wie geht es da weiter?

Der Regionalverband läuft noch zwei Jahre weiter. Beim Aufsichtsrat der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Schwarzwald-Baar-Heuberg bin ich im Mai wieder gewählt worden. Ich werde bei diesen beiden Funktionen noch die Amtszeiten auslaufen lassen und dann aufhören. Man muss auch mal ganz loslassen können.

Wie sehen Ihre ersten Wochen als Rentner aus?

Anfang Januar bin ich zu einer Bürgermeisterwoche für pensionierte Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landräte eingeladen. Da habe ich mich sofort angemeldet. Da kann man auch mal andere Kollegen fragen, wie sie ihr Pensionärsdasein gestaltet haben. Und danach werde ich mit einer Bräunlinger Gruppe zum Skifahren gehen.

Neben den bereits geplanten Reisen: Wie sieht ab 1. Januar Ihr Alltag aus?

Ich habe ja Enkelkinder und den Regionalverband, die regionale Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Ich bin beim Gesangsverein und bei den Scherenschleifern. Meinen Englischunterricht werde ich jetzt intensivieren. Ich habe den Ehrgeiz, eben noch besser zu werden. Und dann werde ich auch wieder Klavierunterricht nehmen. Wenn ich mir eine Schulnote geben müsste, wäre das eine 3,5. Und ich will gut werden. Und mit dem Enkelkind übe ich ein Stückchen ein für den 60. Geburtstag meiner Frau.

Ihre Frau muss noch ein bisschen arbeiten: Übernehmen Sie jetzt den Haushalt?

Wir haben’s uns immer schon aufgeteilt. Als sie dann beruflich auch Karriere gemacht hat, haben wir uns das immer aufgeteilt. Bäcker, Metzger, Getränkehändler, Rasenmähen waren meine Aufgaben.

Und wenn Ihre Frau abends heimkommt, steht das Essen auf dem Tisch?

Kann ich mir durchaus vorstellen. Ich habe schon mehrere Kochkurse und Grillkurse belegt. Sehe ich kein Problem darin.

Gibt’s denn noch was, was Sie ihrem Nachfolger Micha Bächle für die Arbeit im Rathaus ans Herz legen würden?

Ich habe mir vorgenommen, nur Ratschläge zu erteilen, wenn ich gefragt werde. Ich werde nicht versuchen, meinen Nachfolger in irgendeiner Form zu beeinflussen. Als ich nach Bräunlingen kam, war ich auf mich allein gestellt. Es ist eigentlich nicht üblich, dass Bürgermeister eingearbeitet werden. Aber Micha Bächle und ich hatten jetzt schon drei Termine, bei denen wir verschiedene Dinge durchgegangen sind. Er kommt mit Fragen. Wir gehen die Akten durch, was möchte er übernehmen. Ich habe mir immer persönliche Akten angelegt, in denen ich zu laufenden Projekten Vormerkungen, Ideen, Gedanken und wichtige Dinge, die ich gleich greifbar haben wollte, gesammelt habe.

Wird es schwer für Sie, sich aus kommunalpoltischen Dingen herauszuhalten?

So wie ich mich selber einschätze, wird’s mir nichts ausmachen. Der Bürgermeisterjob ist ein Amt auf Zeit. Wenn die Zeit vorüber ist, dann kommt ein anderer dran und der steuert mit dem Gemeinderat zusammen dann das Schiff der Kommunalpolitik und da sind mir Eitelkeiten fremd. Der erste Test war, als ich im Kreistag den Fraktionsvorsitz an Thorsten Frei übergeben habe. Ich saß dann noch zweieinhalb Jahre im Kreistag, aber es hat mir nichts ausgemacht, dass andere eben gesagt haben, wo und wie es jetzt langgeht.

Fragen: Guy Simon und Stephanie Jakober

Der Abschied

32 Jahre war Jürgen Guse Bürgermeister von Bräunlingen. Am 29. Dezember wird er offiziell aus seinem Amt verabschiedet. Der Festakt findet um 18.30 Uhr in der Bräunlinger Stadthalle statt. Einlass ist bereits um 17.45 Uhr. Die Veranstaltung ist jedoch nicht nur für geladene Gäste. Jeder Bräunlinger ist eingeladen. Im Anschluss an das offizielle Programm mit Reden und Beiträgen von Bräunlinger Vereinen und Bürgern, lädt die Stadt zum Stehempfang ein. (jak)