Herr Chares, wie kommen Sie dazu, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen?

Vom Ultratriathlon-Verband wird ein Rennen für die jeweilige Distanz als Weltmeisterschaft deklariert, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind. Dieses Jahr erhielt Lensahn den Zuschlag, ein kleines Städtchen bei Oldenburg, wo es seit 27 Jahren ein Triple-Ultrathriathlon veranstaltet wird. Dort war ich dieses Jahr das vierte Mal. Es gibt weltweit zahlreiche Qualifikationsmöglichkeiten. Im Grunde muss man aber vorweisen, dass man im Jahr zuvor mindestens eine Iron-Man-Distanz absolviert hat, besser aber eine Ultradistanz. Denn man sollte wissen, was einen erwartet.

Das ist sicherlich viel härter?

Es besteht ein großer Unterschied zwischen der schnellen Ironman-Distanz und der relativ langsameren Ultradistanz. Die Ausrichtung, wie ein Wettkampf gestaltet wird, ist wesentlich anders. Die Ernährung spielt eine große Rolle, das Zusammenspiel mit dem Betreuungsteam. Ein Ironman ist zwischen 9,5 und 15 Stunden durch, eine Ultradistanz geht mindestens durch eine Nacht.

Besonders wichtig ist die Nahrungsaufnahme. Während des Schwimmens nimmt Stefan Chares Smoothies aus Quetschflaschen zu sich.
Besonders wichtig ist die Nahrungsaufnahme. Während des Schwimmens nimmt Stefan Chares Smoothies aus Quetschflaschen zu sich. | Bild: Familie Chares

Gibt es Pausen?

Pausen legt man selber fest. Allerdings erst bei größeren Distanzen. Einen dreifachen Ultratriathlon zieht man aber gnadenlos durch, ohne Schlaf.

Wie läuft so ein Wettkampf ab, ging es zum Schwimmen in die Ostsee?

Nein. Geschwommen wurde im Freibad Lensahn, 228 Bahnen mit je 50 Metern. Die Radstrecke auf einem acht Kilometer langen Kurs zwischen Lensahn und Beschendorf ging über 67 Runden. Den Abschluss bildete ein Rundkurs von 1,32 Kilometern, der 96 Mal gelaufen werden musste.

Ist das nicht langweilig, immer die gleiche Strecke?

Nein. Du bist so fokussiert auf dich selber, auf das, was du da machst. Du bist in einer leichten Trance und während du denkst, läufst du einfach. Ich bin mit mir selbst beschäftigt. Ich bin nur präsent, wenn ich am Team vorbeikomme und versorgt werde.

Nehmen Sie die Verpflegung während des Rennens zu sich?

Ja, genau. Beim Schwimmen steht sie am Beckenrand, meist Quetschflaschen mit Smoothies. Da muss man kurz anhalten. Beim Ultratriathlon ist die Nahrungsaufnahme so etwas wie ein Schlüssel. Die Nahrung, die man zu sich nimmt, muss man gut vertragen und in Energie umsetzen. Auch wenn man gebückt auf dem Rad sitzt. Nahrung hilft auch über Krisen weg, Nahrung hat Belohnungscharakter, es ist etwas, worauf man sich freut und das die Stimmung hebt.

Ist die Nahrungsgabe über so ein Rennen vorher mit dem Team abgesprochen?

Ja. Die Strategie ist über Jahre gewachsen. Ich nehme viele natürliche Lebensmittel, von denen ich glaube, dass sie am gesündesten sind. Sie müssen ein Sättigungsgefühl geben, dürfen aber nicht zu schwer sein. Ich habe vieles ausprobiert, aber nie im Wettkampf.

Trotzdem nimmt man bei einem solchen Wettkampf ab?

Ein Ironman fordert etwa 10 000 Kalorien, ein dreifacher 30 000. Damit baue ich etwa drei Kilogramm Fett ab. Das ist in vierzig Stunden sehr viel. Im Jahr 2016 beim zehnfachen Ironman habe ich zehn Kilo verloren.

Wie lief dieser Wettkampf ab?

Zehn Tage, jeden Tag ein Ironman, dazwischen etwa fünf Stunden Schlaf, Vorbereitung, um sieben Uhr morgens ging es dann weiter.

Zurück zur Weltmeisterschaft. Wie war das Radfahren, dort oben ist doch alles flach?

Als Schwarzwälder meint man am Anfang, das ist alles einfach. Schließlich trainiere ich beispielsweise auf dem Kandel. Aber da sind schon leichte Steigungen, die man in den ersten 150 bis 200 Kilometern kaum wahrnimmt. Danach merkt man jeden Meter, den es aufwärts geht. Das versuche ich dann mit dem Gang zu kompensieren. Ich fahre mit hoher Frequenz, aber wenig Druck. Ich muss so fahren, dass ich wenig Energie verbrauche und trotzdem schnell bin. So bin ich die 540 Kilometer in einem Schnitt von 29 Stundenkilometern gefahren. Etwas langsamer als sonst, weil ich mit Gegenwind zu kämpfen hatte. Der ging die ganze Nacht.

Gleich vier mal Startete Stefan Chares beim Triple-Ultratriathlon in Lensahn.
Gleich vier mal Startete Stefan Chares beim Triple-Ultratriathlon in Lensahn. | Bild: Familie Chares

Wer hat Sie betreut?

Meine Frau Anja, meine Töchter Svenja und Joelle und deren Freund Yannik. Ohne Helfer geht es nicht. Man hat Krisen, Gedanken ans Aufhören. Es ist nicht so, dass man unbehelligt durchgeht. Es ist immer ein Ringen mit dir, deinem Körper und deinem Geist und deiner Seele. Die Helfer wissen, wenn sie dich gut kennen, ob du Zucker oder Peitsche brauchst. Die Helfer führen dich behutsam durch diesen Wettkampf. Du musst es zwar leisten, aber die Helfer ziehen es aus dir raus. Es ist nicht nur der Athlet, der nachher bei der Siegerehrung steht, sondern auch das Team, das dahinter steht. Übrigens wird man auch von Helfern anderer Teams unterstützt. Die feuern dich an, feiern dich, auch die anderen Nationalitäten. Trotz des Wettkampfs ist es ein Miteinander, das ist das Schöne in diesem Ultrabereich. Man kämpft nicht gegeneinander, sondern für sich selbst, möchte einen guten Wettkampf machen und gesund ins Ziel kommen.

Braucht man für einen solchen Wettkampf nicht einen extremen Willen?

Der spielt eine große Rolle. Es gibt viele Situationen, in denen die Physis nicht mehr kann und der Geist dir suggeriert, du könntest jetzt einfach aufhören. Irgendwann läuft es dann wieder, du verlässt das Tal, läufst in Trance und auf einmal merkst du, du bekommst die zweite, dritte Kraft. Dann denkst du, was ist jetzt passiert? Etwas ganz Besonderes! In einem solchen Wettkampf lernst du dich mit allen Höhen und Tiefen selbst kennen. Das ist auch ein Grund, warum ich diese Wettkämpfe so gerne mache.

Trophäen sind ihm nicht so wichtig. Aber ein fünfter Platz bei der Weltmeisterschaft macht einen dann doch stolz.
Trophäen sind ihm nicht so wichtig. Aber ein fünfter Platz bei der Weltmeisterschaft macht einen dann doch stolz. | Bild: Familie Chares

Die letzte Runde wird oft mit Nationalflagge gelaufen, Sie nehmen immer die badische?

Ich traf bei einem Wettkampf jemanden, der mit einer winzigen bayrischen Fahne unterwegs war. Der lachte, denn ich hatte keine. Dann habe ich mir eine große von Baden besorgt. Lustig war eine Spanierin, die sich freute, weil sie die Flagge für die ihres Landes hielt.

Fragen: Lutz Rademacher