Die Bezeichnung Geschichtswerkstatt ist nicht nur eine bloße Worthülse. Hier wird tatsächlich gearbeitet, in der Vergangenheit gestöbert und Vergessenes wieder ans Licht gebracht.

Die Ergebnisse einer solchen Arbeit sind am Freitag, 20. September, zu sehen. Dann veranstaltet die Geschichtswerkstatt gemeinsam mit dem katholischen Bildungswerk einen Gedenkabend für den ehemaligen Stadtpfarrer Julius Meister, der sich dem Nazi-Regime widersetzt hatte. Nach einem Gottesdienst in der Stadtkirche um 19 Uhr wird Pfarrer Christoph Nobs um 20 Uhr einen Werkstattbericht mit Vortrag und sein Buch „Julius Meister und sein Kampf“ zu Bräunlingen, Pfarrer & Nationalsozialismus – ein Memorandum“ im katholischen Gemeindezentrum vorstellen.

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Karitatives Engagement

Der 1866 in Fützen bei Blumberg geborene Julius Meister kam 1920 als Stadtpfarrer nach Bräunlingen, wo er bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten mit Ortsverbot am 23. September 1935, 16 Jahre lang wirkte. In seiner Anfangszeit engagiert er sich karitativ und kämpft gegen die Verelendung größerer Bevölkerungsschichten.

Zeitungen im ideologischen Kampf

Anfang der 1930er-Jahre wird Meister Aufsichtsratsvorsitzender in der Danubia AG, die den „Donauboten“ herausgibt. Das in Donaueschingen ansässige Zeitungsorgan „Donaubote“ der katholischen Zentrumspartei steht in dieser Phase in einer intensiven ideologischen Zeitungsschlacht mit dem nationalsozialistischen „Schwarzwälder Tagblatt“ aus Furtwangen. 1932 schreibt das Tagblatt: „Eine Warnung an die katholische Geistlichkeit – Die Priester wandeln nicht mehr auf den Wegen des Glaubens – Die Priester predigen nicht mehr das Wort Gottes, sondern Hass und Herrschsucht.“ In seinem Gegenartikel schreibt Dekan Julius Meister zur Aufklärung: „Der braune Wolf kommt im Schafspelz! – Er hängt sich ein christliches Mäntelchen um! Seht euch die Leute an, wie wird es sein, wenn sie einmal regieren?“ In weiteren Artikeln und offenen Briefen gibt es erbitterte polemische Zeitungsschlachten mit Beleidigungen und Denunziationen gegen Julius Meister „Mann soll wissen, dass die katholische Geistlichkeit einstweilen noch nicht vogelfrei sind“, drohen die Rechten. Auch NSDAP-Ortsgruppenleiter Theodor Weisser: „Es gibt keine Ruhe im Ort, bis Du fort bist!“

Fürst Max Egon zu Fürstenberg (links) mit Dekan Julius Meister an der Fasnet 1933.
Fürst Max Egon zu Fürstenberg (links) mit Dekan Julius Meister an der Fasnet 1933. | Bild: Geschichtswerkstatt

Entlassungen und Denunziation

Die Situation spitzt sich schließlich zu: Als mutiger Mitstreiter an Meisters Seite gilt seit Mai 1930 Vikar Martin Walter. Er wird als „Arbeiter des viel schlimmeren Nazihassers Dekan Meisters“ von der NSDAP-Kreisleitung denunziert. Ähnlich ergeht es Bürgermeister Martin Müller, einem engen Freund Julius Meisters. Er wird 1933 beurlaubt. An seine Stelle tritt 1934 der linientreue Julius Hummel – von der Partei als Bürgermeister eingesetzt. Ebenso entlassen wird Ratschreiber Johannes Baptist Hornung. Durch den Verlust ihrer Ämter geraten beide in seelische und materielle Not.

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Kurz nach der Verhaftung: Pfarrer Julius Meister 1935 in Donaueschingen.
Kurz nach der Verhaftung: Pfarrer Julius Meister 1935 in Donaueschingen. | Bild: Nachlass Ferdinand Wintermantel

Nächstes Ziel ist der Stadtpfarrer. Vor das Pfarrhaus ziehen im September 1935 etwa 50 Leute der Sturmabteilung (SA). Außerdem der Lehrer Willy Niedermann, gleichzeitig Ortsjugendführer, mit Hitlerjugend und Schulkindern – es wird gehetzt. Zuvor hatte man dem Pfarrer einen Koffer samt Schirm vor die Pfarrhaustüre gehängt.

Der Pfarrer ist allerdings nicht im Pfarrhaus, sondern zu Besuch beim ehemaligen Bürgermeister Martin Müller. Er wird schließlich von der Gestapo verhaftet, kommt jedoch wieder frei. Formal war Meister bis ins Frühjahr 1936 Stadtpfarrer von Bräunlingen, er erklärte erst am 22. Februar 1936 seinen persönlichen Verzicht auf die Pfarrei.

Bräunlingen ist verboten

Julius Meister erhält Ortsverbot und ist danach zunächst im Theresienheim in Donaueschingen im Exil untergebracht, ehe er eine eigene Wohnung bezieht. Er hilft fortan in Donaueschingen aus und ist dort mit Stadtpfarrer Heinrich Feurstein befreundet. Am 25. Juli 1944 stirbt Julius Meister eines natürlichen Todes in der Freiburger Klinik. Er findet in Donaueschingen auf dem dortigen Friedhof seine letzte Ruhestätte. Im Februar 1946 rehabilitiert die Stadtgemeinde Bräunlingen Dekan Julius Meister zusammen mit Bürgermeister Martin Müller – posthum.

Das Grab von Julius Meister in Donaueschingen im Jahr 1991.
Das Grab von Julius Meister in Donaueschingen im Jahr 1991. | Bild: Wolfgang Kropfreiter