Herr Bächle, was hat Sie am meisten verblüfft im neuen Amt?

Die große Themenvielfalt, mit der man sich jeden Tag beschäftigt. Das macht es aber auch sehr spannend. Und man muss jeden Tag sehr viele Entscheidungen treffen – von ganz kleinen bis wichtigen.

Ist die Arbeit so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Ja, es gefällt mir sehr gut. Was ich nicht gedacht hätte, ist, dass ich so viele Besprechungen und Termine habe. Mein Terminkalender ist durchgetaktet und eine Besprechung folgt quasi auf die Nächste. Oft hat man wenig Zeit, um Vorbereitungen und Nachbereitungen zu machen.

Sie kennen die kommunalpolitische Arbeit bereits als Stadtrat. Wie ist es, wenn man plötzlich auf der anderen Seite vom Rat sitzt?

Es ist sehr gut, wenn man weiß, wie gewisse Mechanismen funktionieren. Aber als Bürgermeister ist man in einer Sitzung ganz anders gefordert und ich merke natürlich auch schon einige Unterschiede. Es gibt auch von Gemeinderat zu Gemeinderat eine unterschiedliche Kultur. Es war gut, dass wir uns ausgetauscht haben und gemeinsam überlegt haben, wie wir Prozesse und auch die Sitzung gemeinsam strukturieren möchten. Deswegen gehe ich auch sehr gerne in die Gemeinderatssitzung und wir haben aber eine sehr gute Zusammenarbeit.

Was ist anders, wenn man der Bürgermeister ist?

Man muss ständig schauen, dass man den Diskussionen genügend Raum gibt und man niemanden übersieht. Eine Diskussion bringt viele neue Aspekte, aber am Ende eines Tagesordnungspunktes braucht es einen Beschluss. Es ist die Aufgabe des Bürgermeisters, diesen Beschluss so zu formulieren, dass sich alle wiederfinden und dass man dann abstimmen kann.

Und wie unterscheidet sich die Kultur im Gemeinderat jetzt zu Löffingen?

Das eine war zum Beispiel die Sitzungsglocke. In Löffingen gab es diese nicht, die Bräunlinger Gemeinderäte möchten sie aber gerne. Also habe ich sie wieder eingeführt. Oder zum Beispiel die Rednerreihenfolge. Hier war es üblich, dass erst die Fraktionsvorsitzenden nach der Fraktionsstärke gesprochen haben und dann allgemeine Wortmeldungen kamen. Jetzt machen wir es anders – je nach Wortmeldung, bis auf wenige Ausnahmen. Mir ist wichtig, dass wir die Sitzungen gut und effizient durchführen und das bedeutet, dass wir an der richtigen Stelle auch genügend Zeit zur Diskussion lassen müssen. Aber an anderen Stellen kurz und knapp zum Punkt kommen. Das bedeutet auch, dass ich als Bürgermeister nicht zu jedem Tagesordnungspunkt einen Bericht halten muss. Manchmal berichten nur meine Amtsleiter oder wir verweisen auf die selbsterklärende Sitzungsvorlage.

Woran kann man bereits Ihre Handschrift ablesen?

Mir war es in den ersten 100 Tagen wichtig, einfach offen auf die Bürger, meine Mitarbeiter und den Gemeinderat zuzugehen. Verschiedene Dinge sind schon umgesetzt und eingeführt. Zum Beispiel die Bürgersprechstunden. Die hat schon zweimal stattgefunden und es waren25 Bürger da. Das andere ist das Thema Anregungs- und Beschwerdemanagement, das wir Ende Januar eingeführt haben. Es kamen schon über 20 Anregungen. Es ist einfach wichtig, die Hürden abzubauen, so dass sich die Leute auch direkt bei mir melden können. Mir ist es wichtig, Themen offensiv anzugehen und die Bürger offensiv auch zu informieren und mitzunehmen.

Sie haben den Wählern mehr Transparenz versprochen, wo haben Sie bislang angesetzt?

Wenn man zu mir in die Bürgersprechstunde kommt, notiere ich mir das Anliegen in Formularen. Dann rufe ich die Leute auch tatsächlich an. Da sind viele überrascht, wenn der Bürgermeister sich bei ihnen meldet. Ich kann nicht allen eine zufriedenstellende Antwort geben, aber die Sachen werden bei uns aufgenommen und weitergegeben. Auch beim Anregungs- und Beschwerdemanagement kann man ganz problemlos über unsere Homepage seine Anregungen eingeben. Auch bei kleinen Problemen bekommt man eine Rückmeldung. Wir als Stadt sind froh, wenn wir einen Hinweis bekommen, wenn zum Beispiel eine Lampe defekt oder eine Parkbank beschädigt. Aber es sind auch grundlegendere Dinge, die per Anregungs- und Beschwerdemanagement an uns herangetragen werden. Alle Anliegen sind uns da wichtig. Aber wir können natürlich nicht alle Wünsche erfüllen.

Mit dem Windpark haben Sie gleich in den ersten 100 Tagen ein schwieriges Thema auf dem Tisch. Wie groß war die Herausforderung für Sie persönlich?

Es war wirklich mit großen Herausforderungen verbunden, denn es handelt sich um ein schwieriges und komplexes Thema. Ich habe das Thema nicht von mir aus gesucht, sondern ich habe es übernommen. Wichtig war mir, eine größtmögliche Transparenz zu schaffen. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und wir haben mit uns gerungen. Mein Ziel war es immer, in dieser schwierigen Situation das bestmöglichste Ergebnis für die Bürger zu erreichen. Denn nur wenn wir am Verhandlungstisch sitzen, können wir auch mitsprechen.

Der Gemeinderat hat sich für die Verpachtung der städtischen Flächen ausgesprochen: Haben Sie Sorge, dass die Windkraft-Gegner die Entscheidung nicht akzeptieren werden?

Wir haben ein sehr deutliches Ergebnis. 75 Prozent der Stadträte haben für eine Verpachtung gestimmt. Ich hoffe, dass dieses Ergebnis auch respektiert wird. Trotzdem habe ich Verständnis für die Sorgen der Bürger. Und gerade deshalb konnten wir uns bei den vorhandenen Besitzverhältnissen nicht auf ein Pokerspiel einlassen, denn die Gefahr war zu groß, dass wir nachher ohne etwas dastehen.

Stichwort „Finanzen“. Viele Projekte wurden schon geplant, der Haushalt 2018 war bei Amtsantritt schon fertig. Wie viel Spielraum haben Sie überhaupt noch, um Schwerpunkte zu setzen?

Im Moment geht es darum, die laufenden Projekte fortzuführen. Da haben wir ja im Moment wirklich einige: das Bürgerhaus Unterbränd, das mich seit der ersten Wochen sehr intensiv beschäftigt, und andere Maßnahmen, die jetzt zur Umsetzung anstehen. Der Haushalt selber ist natürlich die Maßgabe für das Jahr, aber es gibt auch Dinge abseits der großen Finanzströme, die ich schon im ersten Jahr anpacken kann. Da haben wir das Thema „Transparenz“ vorher angesprochen.

Also mit anderen Worten, Sie haben keinen großen Spielraum?

Ja, der Haushalt ist eine Momentaufnahme und im Laufe des Jahres ergeben sich auch Änderungen. Das eine oder andere kommt neu hinzu oder andere Sachen können nicht umgesetzt werden. Aber die Finanzsituation der Stadt ist ein Punkt, der mir sehr wichtig ist. Da geht es auch um die laufenden Einnahmen und Ausgaben. Deswegen werde ich mich um die Fixkosten entsprechend kümmern. Mit meinen Amtsleitern und den Mitarbeitern schaue ich, wie wir im laufenden Betrieb gewisse Einsparungen erreichen können, um Freiräume für künftige Investitionen zu schaffen.

Wo kann gespart werden?

Beim Dienstwagen sage ich: „Gut, da kann ich auch eine Nummer kleiner fahren“, um einfach Kosten einzusparen. Oder auch beim Catering bei verschiedenen Veranstaltungen. Das sind einfach Punkte, wo wir sammeln und schauen, wo wir Möglichkeiten sehen, auch im laufenden Betrieb zusätzliche Spielräume zu finden, um eben auch bewusst in andere Bereiche investieren zu können. Hier werden wir eine Liste erarbeiten.

Ihr Vorgänger war 32 Jahre im Amt. Kann nach so einem langen Zeitraum der Chef-Wechsel im Rathaus reibungslos funktionieren?

Also den Eindruck hatte ich schon. Ich habe hier ein sehr motiviertes Team um mich herum gefunden und es macht mir auch sehr viel Spaß. Wir können die Dinge gemeinsam angehen und da gab es auch einen nahtlosen Übergang. Wie gesagt, es gibt viele laufende Punkte, die ich jetzt übernommen habe. Neue werden im Laufe des Jahres natürlich von mir dann auch dazukommen und von dem her ist es kein Bruch sondern geht einfach weiter.

Sie haben vorher das Bürgerhaus Unterbränd angesprochen, Ihre erste Hiobsbotschaft. Für die Unterbränder bleibt jetzt alles so wie Anfang Januar verkündet.

Also wichtig war mir beim Thema Bürgerhaus Unterbränd, dass wir hingehen und dass möglichst alles auf den Tisch kommt. Deswegen hatte ich mich ja dann auch entsprechend mit den Fraktionsvorsitzenden und mit dem Ortschaftsrat um maximale Transparenz bemüht. Die Baumaßnahmen laufen zwischenzeitlich ja auch wieder ganz gut, es gab aber zwischendurch leider verschiedene Probleme, die es noch zu beseitigen gab, vom Thema Schimmel bis hin zur, Außentemperaturen. Im Moment sieht es ganz gut aus und die Eröffnung Ende Juli, die steht.

Ein anderer Termin, der immer wieder verschoben wurde, war das Mühlentor. Sie haben da einen besonderen Weg gewählt, und haben mit den Einzelhändlern eine Abstimmung gemacht, als es wieder geschlossen wurde. Wie ist es angekommen?

Das Mühlentor hat 2017 viele Bürger beschäftigt. Gott sei Dank konnten wir es Anfang Januar eröffnen. Es war aber klar, dass wir es nochmal eine Woche für Restarbeiten schließen müssen. Ich bin dann zu allen Einzelhändlern hin, habe sie persönlich informiert. Die Einzelhändler konnten darüber abstimmen, wann noch einmal gesperrt werden soll. Das kam bei den Einzelhändlern sehr gut an, weil es darum ging, sie und auch die Bürger frühzeitig zu informieren. So konnten sich alles, darauf einstellen. Wenn die Maßnahme komplett abgeschlossen ist, erstrahlt dann unser Wahrzeichen wieder im neuen Glanz.

Nicht so sehr im Glanz erstrahlen die Kunstwerke im obersten Stock vom Kelnhof-Museum. Wie wird dieses Problem angegangen?

Ich habe mir schon direkt nach meinem Amtseintritt das Kelnhof-Museum und auch das Problem angeschaut. Aus meiner Sicht gibt es einen akuten Handlungsbedarf und wir sind umgehend aktiv geworden: Wir haben geprüft, welche Fördermöglichkeiten es gibt – leider keine. Wir haben zwischenzeitlich einen Architekten beauftragt, sich vor Ort die Situation anzuschauen. Obwohl das Ergebnis noch aussteht, ist klar, dass die Maßnahme im Kelnhof-Museum nicht günstig wird. Wir werden im hier wohl sechsstelligen Bereich liegen. Das Kelnhof-Museum wird also Thema im Rahmen des Haushaltes 2019 sein. Aktuell gibt es leider keine Spielräume.

Die Altlasten der Klärschwammtrocknung der BWB sollen veräußert werden. Wie geht es da voran?

In der BWB bin ich seit März Aufsichtsratsvorsitzender. Aktuell geht es darum, zu schauen, in welche Richtung sich das Thema entwickelt. Da sind verschiedene Gespräche am Laufen und es braucht noch etwas Zeit.

Gibt es in der bisherigen Amtszeit schon Ereignisse, die Sie besonders gefreut haben?

Besonders gefreut haben mich einfach viele positive Rückmeldungen, die man bekommt. Es freut mich, wenn ich einmal in der Woche in die städtische Mensa Mittagessen gehe, dass ich dann von vielen Schulkindern angesprochen werde. Die freuen sich, wenn der Bürgermeister kommt.

Was hat Sie denn bislang so richtig auf die Palme gebracht?

Wenn sachliche Argumente nicht durchdringen und es zu sehr in eine emotionale Diskussion geht. Es ist einfach sehr schwierig, dann auch zu einem guten Ergebnis zu kommen.

Was machen Ihre Umzugspläne?

Wir haben uns zwar verschiedene Objekte angeschaut, aber es war bislang noch nicht das Richtige dabei. Wir sind also weiterhin auf der Suche. Unser Ziel ist es, nach Bräunlingen zu ziehen, aber wir möchten auch etwas Festes und etwas Eigenes. Deswegen braucht es einfach noch ein bisschen Zeit.

Apropos Zeit: Das Bürgermeisteramt kostet viel Zeit. Wie oft können Sie noch zum Tenorhorn greifen oder im Kirchenchor singen?

Das Tenorhornspielen ist zwischenzeitlich ein ganz schwieriges Thema. Ich bin seit dem Wahlkampf nicht zu den Proben gekommen. Beim Kirchenchor schaue ich, dass ich zumindest zu jeder zweiten oder dritten Probe komme. Es ist nicht immer möglich, aber ich bemühe mich. Das wird auch da respektiert. Sie freuen sich, wenn ich trotzdem komme. Aber mit meiner schlechten Probenmoral werde ich sicher nie den Rollschinken für den besten Probebesuch bekommen. Meine Frau geht aber regelmäßig hin.

Die ersten 100 Tage sind rum, welche Ziele haben Sie sich für die nächsten 100 Tage gesetzt?

Ziel ist es, dass wir in den jetzigen großen Projekten entscheidende Schritte weiter voran kommen. Das ist einerseits das Bürgerhaus Unterbränd, das wir dann auch im Juli eröffnen. Das Mühlentor ist bald abschließend erledigt. Bei der Windkraft können wir in ein anderes Stadium übergehen. Und bald können wir uns auch anderen Themen widmen. Ein wichtiger Punkt werden die Finanzsituation der Stadt, die Baugebietsentwicklung in der Gesamtstadt und auch der Ausbau Breisgau-S-Bahn, Flüchtlingsunterbringung sein. Themen gibt es genügend.

Sie haben die besondere Situation, dass von den drei Mitbewerbern zwei in der Stadt leben. Wie ist das Verhältnis?

Wir haben ein gutes Verhältnis miteinander. Wir sehen uns ab und zu bei Veranstaltungen. Herr Zorn ist in der Stadtkapelle und Herr Schreiber im Ski-Club unterwegs. Da sehen wir uns hin und wieder und tauschen uns ganz normal aus. Einen ganz entspannten Umgang haben wir miteinander.

Welche Themen stehen langfristig auf ihrer Agenda?

Der Breitbandausbau wird uns die nächsten Jahre noch beschäftigen. Wir hatten leider im vergangenen Jahr eine deutliche Kostensteigerung in Unterbränd und Waldhausen. Wichtig ist, dass es entsprechend weiter geht und die Maßnahme möglichst schnell auch umgesetzt wird. Mistelbrunn und Bruggen sind am Netz und in Döggingen haben wir Teile abgedeckt. Jetzt geht es darum, in der Kernstadt und in Döggingen den Breitbandausbau weiter voranzutreiben. Schließlich ist der Breitbandentschluss heutzutage ein sehr wichtiges Standortkriterium. Der Erhalt und die Pflege unserer Infrastruktur werden uns in den nächsten Jahren sehr beschäftigen: Wir haben viele Gebäude und Straßen mit Handlungsbedarf. Auch was die Schulen angeht, da werden wir zum Beispiel die Grundschulsanierung in Döggingen in Angriff nehmen. Dieses Jahr wird geplant. Wir haben aber noch viele weitere Gebäude, deren Sanierungen die nächsten Jahre anstehen. Das wird eine große Herausforderung – auch finanztechnisch – für uns werden.

Zur Person

Micha Bächle wurde am 22. Oktober 2017 mit 68,1 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Bräunlingen gewählt. Seit 1. Januar sitzt er nun im Chefsessel des Bräunlinger Rathauses. Geboren wurde er 1985 in Titisee-Neustadt. Dort hat er 2005 am Kreisgymnasium Hochschwarzwald auch sein Abitur gemacht. Der studierte Politik- und Verwaltungswissenschaftler war seit 2011 als persönlicher Referent des CDU-Landtagsabgeordneten Patrick Rapp tätig. Bächle ist verheiratet und lebt mit seiner Frau Meike aktuell noch in Löffingen. Kommunalpolitische Erfahrung hat er in seiner Heimatstadt Löffingen gesammelt: Dort saß er 2009 bis 2017 für die CDU im Gemeinderat und fungierte ab 2014 auch als Bürgermeisterstellvertreter.