Die Bräunlinger Geschichte der 50er-Jahre war geprägt von vier herausragenden Ereignissen beziehungsweise Geschehnissen. Joachim Schweitzer, der ehemalige Hauptamtsleiter der Stadt, durchforstete sein Gedächtnis, sein eigenes Archiv – schon sein Großvater war von der Stadtgeschichte fasziniert und sammelte kräftig Daten – und das Archiv der Stadt. Schweitzer zählt auf: "1952 wurde die Stadthalle eröffnet, gleichzeitig erhielt die Stadt das Stadtrecht zuerkannt, 1956 wurde der Gumpp-Brunnen gegenüber des Rathauses eingeweiht, irgendwann in den 50ern wurde die Staumauer am Kirnbergsee erhöht und ein Thema beschäftigte die Bräunlinger noch ganz besonders, das heute so aktuell wie damals ist. Es waren nämlich Flüchtlinge unterzubringen – Kriegsflüchtlinge."

Joachim Schweitzer begeisterte in Bräunlingen die Zuhörer mit seinen Brunnengeschichten. <em>Archivbild: Sabine </em><em>Naiemi</em>
Joachim Schweitzer begeisterte in Bräunlingen die Zuhörer mit seinen Brunnengeschichten. Archivbild: Sabine Naiemi

Am eindrücklichsten war und ist für die Stadt natürlich immer noch die Stadthalle. Sie war erstmals am 23. März 1951 Thema im Gemeinderat. Das sagt die Kopie des damaligen Sitzungsprotokolls aus. An diesem Tag legte der Architekt Tilo Fritschi aus Hüfingen die von ihm mit dem Künstler Carl Hornung ausgearbeiteten Pläne dem Gemeinderat vor. Auch eine Viehmarkthalle wäre seinerzeit noch im Gespräch gewesen, erinnert sich Joachim Schweitzer. Danach habe es noch einen Architektenwettbewerb gegeben, aus dem Fritschi mit seinem Entwurf als Sieger hervorging. Und dann ging es Schlag auf Schlag. "So etwas wäre heutzutage gar nicht mehr möglich", sagt der Hobbyarchivar. Es ging alles in Rekordzeit über die Bühne. Im März wurde diskutiert, im November traf die Genehmigung vom Landratsamt ein und noch im November 1951 wurde mit dem Bau der Halle begonnen. Und auch die wurde, wie man am Einweihungsdatum sehen kann, in Rekordzeit gebaut. 17 000 Kubikmeter umbauter Raum für 340 000 Deutsche Mark.

Wie war es überhaupt möglich, so kurz nach dem Krieg ein solches Bauvorhaben zu finanzieren? "Ja also, das war den Franzosen zu verdanken", erzählt Schweitzer die Geschichte weiter. Die hätten während der Besatzungszeit kräftig im Wald gerodet und später eine Entschädigungsleistung an die Stadt vorgenommen. Dieses Geld war der Grundstock zum Bau der Halle. Auch die Aufforstung des Waldes wirke sich bis heute positiv für den Bräunlinger Säckel aus, einmal durch Ausdünnungen und in etwa 20 Jahren seien die damals gepflanzten Fichten – ein gutes Wertholz, weil sie langsam wachsen – hiebreif.

Die Halle wiederum war später der Grundstock für noch ganz andere Sachen. Sie war ein wahres Mekka für Heiratswillige und über etliche Jahre hinweg der Ort für legendäre Tanzveranstaltungen, zu denen die Besucher aus weitem Umkreis kamen. "Oft treffe ich heute noch Leute, die erzählen, dass sie in Bräunlingen zum Tanz waren und dort ihren Ehepartner kennen lernten." Schweitzer kann das breite Schmunzeln in seinem Gesicht nicht verhindern, während er sich erinnert. "Die halbe Baar hat sich in Bräunlingen getroffen." 1000 bis 1500 Besucher während dieser Tanzveranstaltungen seien die Regel gewesen, jedes Mal. Andere Gelegenheiten hätten die Leute ja nicht gehabt, um sich kennen zu lernen. Vergnügungsveranstaltungen waren in dem früher erzkatholischen Örtchen der Religion nach reglementiert. So war beispielsweise die Kilbig die letzte Möglichkeit vor dem Winter, noch einmal auf Brautschau zu gehen. Auch die Schauspielfasnet wurde ab der Einweihung in die Halle verlegt. Die Rückgabe der Stadtrechte verbunden mit der Einweihung der Stadthalle nahmen die Bräunlinger verständlicherweise als Anlass für ein großes Stadtfest im Jahr 1952.

Damals und heute

  • Unsere Serie: In der großen Serie „Gedächtnis der Region“ widmet sich der SÜDKURIER in seinem Lokalteil dem Wandel in den vergangenen Jahrzehnten und zeigt, wie sich das Gesicht der Region und mit ihr das Leben verändert hat.
  • Ihre Bilder und Geschichten: Unsere Zeitung sucht historische und außergewöhnliche Bilder vom Leben in den Dörfern und Städten, von Festen, Vereinen und Arbeitsplätzen. Schicken Sie uns Ihre Erinnerungsschätze und wir gehen dem Wandel auf die Spur: per Post an SÜDKURIER-Redaktion, Käferstraße 10, 78166 Donaueschingen oder E-Mail: donaueschingen.redaktion@suedkurier.de
  • SÜDKURIER damals: Wie sah die Region früher aus? Historische Themen sind ein Schwerpunkt bei SK plus, dem Angebot des SÜDKURIER im Internet. Die Serie im Internet: www.suedkurier.de/damals

So erhielt und feierte Bräunlingen sein Stadtrecht

Belegt ist, dass Bräunlingen im Jahre 1305, zwar in einem eher unbedeutenden Schriftstück, aber immerhin erstmals als Stadt erwähnt wurde.

  • Stadtrecht: Was bedeuten Stadtrechte genau, warum sind sie so wichtig? Zunächst einmal bedeuten Stadtrechte Geld und Einkünfte. Wurde ein Dorf zur Stadt erhoben, konnten dort Märkte stattfinden. Die Orte durften Zölle eintreiben, das so genannte Befestigungsrecht, als sich mit einer Stadtmauer zu schützen, gehörte ebenfalls dazu. In der Stadt hatten die Menschen mehr Rechte als auf dem Land. "Daher kommt der Ausspruch Stadtluft macht frei", erklärt Joachim Schweitzer. Die Bräunlinger Stadtgründung geht auf die Herzöge von Zähringen zurück. Dieses Stadtrecht wurde Bräunlingen im Jahre 1935 nach der neuen deutschen Gemeindeordnung entzogen. Diese sah vor, dass nur Orte mit mehr als 10 000 Einwohnern als Stadt gelten und somit galt Bräunlingen nur noch als Gemeinde. Nach dem Krieg sprachen die Gemeinderäte bei der Badischen Staatsregierung in Freiburg vor und ersuchten um die Rückgabe der Stadtrechte. Diesem Wunsch wurde mit Urkunde vom 28. März 1952 entsprochen, welche im Rahmen der Eröffnung der Stadthalle am Feierwochenende des 30. und 31. August 1952 durch den damaligen Innenminister übergeben wurde.
  • Das Fest: Die Bräunlinger stellten zur Feier dieser Ereignisse ein außerordentliches Festprogramm auf die Beine. Es beinhaltete unter anderem einen großen Festzug mit der Darstellung von 1600 Jahren wechselvoller Stadtgeschichte. Bräunlingen erlebte eine alemannische Epoche, die Habsburg-Österreichische Epoche, 1358 wurde der Stadt durch Herzog Rudolf IV. von Österreich das Marktrecht zugesprochen, durch die Napoleonischen Rheinbundakte wurde das Land Baden gebildet und demzufolge wurde Bräunlingen 1806 schließlich badisch. Zur Aufführung kam an zwei Tagen die Operette "Friederike", einstudiert durch örtliche Vereine.
Sabine Naiemi