Mucksmäuschenstill war es an diesem Januarvormittag in der Eichberg-Sporthalle. Man hätte eine Stecknadel fallen hören, als die Realschüler Carsten Stahl zuhörten, den sie bereits im Fernsehen gesehen hatten – als Privatdetektiv beispielsweise. Es war eine spezielle Form von Frontalunterricht. Denn die Schüler hören gerade die Geschichte vom damals zehnjährigen Carsten Stahl, der in der 5. Klasse Opfer von einer äußerst brutalen Form von Mobbing wurde.

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Stahl war etwas dicker als seine Mitschüler, hatte rote Haare und Sommersprossen. Über Wochen wurde der Berliner von einem 15-Jährigen und weiteren Schülern bedroht oder tätlich angegangen, hat aus Angst aber weder Lehrern noch Eltern davon erzählt. Als Höhepunkt wurde er vom Angreifer schließlich in eine drei Meter tiefe Baugrube gestoßen. Er und die Mitläufer pinkelten auf ihn und lachten ihn aus. Einem zufällig vorbeilaufenden Passanten, der den schwer verletzten Jungen in der Grube entdeckte und Hilfe holte, hat er wohl sein Leben zu verdanken. Die meisten Schüler lauschten der Geschichte gespannt, einige wenige waren unruhig, bis Stahl mit nur einem einzigen Satz auch letztere und schließlich die ganze Halle zum Schweigen bringt: „Der kleine zehnjährige Junge war ich.“

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Vergleichbare Szenen haben sich an der Realschule Blumberg nicht abgespielt, wie Präventionslehrer Cedric Schulze im Gespräch mit dem SÜDKURIER deutlich macht. Mobbing trete vor allem in Form von Ausgrenzung einzelner Schüler auf – wobei das sogar meist unbewusst geschehe. Carsten Stahl sei als Impulsgeber zu sehen. „Wir sind dabei, ein Präventionskonzept für die ganze Schule zu erstellen“, erzählt der Pädagoge. Dafür ist ein Präventionsteam gegründet worden. Ihm gehören neben Cedric Schulze die Lehrer Lukas Glaser, Torsten Stock, Julian Körber und Carolina Seidler an. Für die Verantwortlichen bedeute das Arbeit, für sie sei es ein Prozess, der ständig weiterentwicklet werde. Wichtig für sie sei, zu erfahren, welche Ressourcen sie hätten, und die bisherige Präventionsstruktur, die für jede Klassenstufe ein Schwerpunktthema beinhaltet, weiterzuentwickeln. Eine erste Entscheidung sei bereits gefallen, Cyber-Mobbing werde künftig in der Klassenstufe sechs behandelt.

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Das Präventionsteam bleibt realistisch. Dass es überhaupt kein Mobbing mehr an der Realschule gebe, sei nicht der Fall. Auch nicht nach der Sensibilisierung durch das frühere Mobbing-Opfer Casten Stahl. Doch: „Wenn etwas vorfällt, können wir immer wieder gut auf Carsten Stahl verweisen.“

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Der Eindruck der Lehrer: Der Auftritt von Carsten Stahl wirke durchaus nach. Bei Mobbing würden Schüler, die früher bei solchen Vorfällen nichts gesagt hätten, jetzt eher etwas sagen. Einmal, so schildert Cedric Schulze, habe er das selbst miterlebt, wie ein Mädchen zu einer Mitschülerin bei so einem Vorfall gesagt habe: „Erinnere Dich an Carsten Stahl.“ Lehrer Lukas Glaser ist überzeugt, dass durch Carsten Stahl auch die sozial kompetenten Schüler gestärkt wurden, doch man merke, dass der Auftritt schon wieder länger her sei. Torsten Stock sieht auch den Beschützerinstinkt geweckt.

Cedric Schulze betont: „Wir sind gefordert, das in irgendeiner Form fortzuführen, zum Beispiel in einem Klassenrat.“ Hilfreich seien auf jeden Fall die Anti-Mobbing-Plakate in den Klassenzimmern mit den Unterschriften aller Schüler. Und es geht auch weiter: Auf die Achtklässler wartet in Kürze ein Anti-Mobbing-Theater und die Landeszentrale für politische Bildung wird dazu eine Reflexionsveranstaltung anbieten. Außerdem zeigt die Schule gerade eine Ausstellung über Religionen, die die Tübinger Stiftung Weltethos erstellt hat.