Die Gasthäuser mit ihren Stammtischen waren schon in den 1960er-Jahren von großer Bedeutung für die Bevölkerung. Man traf sich dort insbesondere abends oder nach dem sonntäglichen Gottesdienst zum geselligen Beisammensein, um soziale Beziehungen zu pflegen, Kartenspiele wie Cego oder Skat zu spielen und lokale Neuigkeiten auszutauschen. Das Gasthaus "Adler" an der Hauptstraße neben dem Pfarrhaus, bis 1924 die Gaststätte und Brauerei der Familie Efferenn, war dabei das größte. Im Besitz von Anna und Ignaz Greitmann, war der Adler mit einer eigenen Metzgerei, einem großen Saal für Festlichkeiten, Theateraufführungen und Konzerte sowie Fremdenzimmern für Kurgäste ein zentraler Drehpunkt im Ort. "Die Hochzeiten der Riedöschinger fanden in der Regel bei uns statt", denkt Tochter Elsbeth noch heute gerne an die vielen großen Feiern zurück. Dabei war es üblich, dass tagsüber die geladenen Gäste im großen Festsaal mit dem Brautpaar feierten und abends dann das ganze Dorf in die Schänke im kleinen Festsaal eingeladen war, der Feier auf eigene Kosten beizuwohnen. Nach der Übernahme des Gasthauses durch Elsbeth und Ernst Keller schloss der Adler nach einer letzten offiziellen Öffnung an Fastnacht 1969 seinen Betrieb. Es folgten umfangreiche Aus- und Umbauarbeiten wie die Einrichtung einer Kläranlage und eines Abwassersystems, ein neues Dach sowie der Einbau eines Aufzugsschachtes, doch eine Wiedereröffnung blieb aus und das Gebäude stand bis zum Verkauf im Jahr 2013 an die Investorin Shake Alushia leer, die es nochmals umfassend sanierte und darin mehrere Mietwohnungen einrichtete. Lediglich die Metzgerei war noch bis in die 1990er-Jahre verpachtet. Neben dem Adler gab es in den 1960er-Jahren noch vier weitere Wirtshäuser in Riedöschingen: den Schabelhof, den Hegauer Hof und das Längehaus, die heute noch existieren, sowie die Krone am Riedöschinger Bahnhof, damals eine typische Feierabendkneipe für die auswärts tätigen Arbeiter.

Das Ortsbild war noch stark von der Landwirtschaft geprägt. Es gab nur wenige Häuser ohne Misthaufen. Aufgrund der großen Gemarkungsfläche Riedöschingens mit 1861 Hektar war der Viehbestand groß. Im staatlichen Viehversicherungsverein waren allein etwa 1200 Rinder versichert, um im Falle des Tierverlustes etwa 80 Prozent des geschätzten Wertes zu erhalten. Um den Fortbestand der Tiere zu sichern, wurden im Farrenstall die Vatertiere zur Besamung der weiblichen Tiere gehalten, zudem gab es in privater Obhut einen Gemeindeeber und -ziegenbock. Die Bauern brachten ihre frische Milch in die zentrale Molke am Kompromissbach, wo sie entrahmt und der Rahm für die Abholung ins Milchwerk nach Radolfzell bereitgestellt wurde. Die Einrichten von Milchkammern bei den Landwirten und das Abholsystem durch große Molkereien, wie man es noch heute kennt, erfolgte erst im folgenden Jahrzehnt. Die Ernteerträge wurden zentral im Lagerhaus in der Nähe des Bahnhofs abgegeben. Allerdings hatte in den 1960er-Jahren bereits das Umstellen vieler Vollerwerbslandwirte auf einen Nebenerwerbsbetrieb begonnen.

So attraktiv präsentiert sich das ehemalige Gasthaus "Adler" in Riedöschingen nach der Renovierung und Umwandlung in Mietwohnungen durch die neue Besitzerin Shake Alushia. Bild: Conny Hahn
So attraktiv präsentiert sich das ehemalige Gasthaus "Adler" in Riedöschingen nach der Renovierung und Umwandlung in Mietwohnungen durch die neue Besitzerin Shake Alushia. | Bild: Conny Hahn

Neben der Landwirtschaft hatte sich mit zwei größeren Unternehmen auch etwas Industrie angesiedelt. In der Straße "Im Schubis", wo heute das Anwesen der Familie Hilbert steht, fertigten über 20 Frauen in der Stumpenfabrik "Blauband" Zigarren und Stumpen in Handarbeit. Der Standort in Riedöschingen war dabei neben Tengen, Binningen, Riedböhringen, Geisingen und Leipferdingen eine von mehreren Zweigstellen des Unternehmens mit Hauptsitz in Watterdingen, das 1976 seine Pforten schloss, wobei der Betrieb in Riedöschingen allerdings bereits im Jahr 1962 eingestellt wurde. Die Textilmanufaktur Wirolita aus Albstadt übernahm das Werk, produzierte jedoch nur für sehr kurze Zeit darin und baute schließlich in der Aitlingerstraße neu, wo heute die Firma Elvedi Lagerregale herstellt. 20 Jahre lang fertigten etwa 40 Mitarbeiterinnen, darunter einige gelernte Schneiderinnen sowie die übernommenen und angelernten Arbeiterinnen der Stumpenfabrik, renommierte Freizeit- und Sportbekleidung, bis der Betrieb von der Kleiderfabrik Hohlwegler übernommen wurde.

Auch wenn die meisten Haushalte inzwischen ein Auto besaßen und viele Riedöschinger auswärts arbeiteten, war die Infrastruktur im Dorf nach wie vor so entwickelt, dass man den täglichen Bedarf und auch noch mehr im Ort selbst abdecken konnte. Viel gab schon die eigene Land- und Gartenwirtschaft her, den Rest boten die Krämerläden an: Bei Max Helbig gegenüber des Gasthauses Adler, wo Agathe und Martin Wiegand bis vor etwa zehn Jahren das letzte Lebensmittelgeschäft betrieben, gab es neben Nahrungsmitteln auch Eisenwaren und Utensilien für den landwirtschaftlichen Bedarf. Hermine Joos hatte sich in ihrem Laden in der Bogengasse neben Lebensmitteln auf Schuhe und Drogerieprodukte spezialisiert, und Maria Scheyer an der Otto-Efferenn-Straße bot zudem Stoffe und Kurzwaren sowie Strohhüte feil, für die etliche Kunden weite Wege auf sich nahmen. Nach dem Bau der Gemeinschaftsgefriere neben der Molke am Kompromissbach 1957 war es den Bewohnern auch möglich, auf Vorrat einzukaufen und die Lebensmittel in einer der Gefriertruhen einzulagern.

Unter der Ära von Bürgermeister Alfons Zeller, der seit 1949 an der Spitze des bis 1972 selbständigen Dorfes stand, wurden in den 1960er-Jahren etliche Baumaßnahmen realisiert: Von großer Bedeutung war der Bau einer neuen Schule als Ersatz für die Volksschule in der Bogengasse, in der alle Schüler von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtet wurden. Der Bau des neuen Schulhauses am Standort der heutigen Frobenius-Thomsin-Grundschule im Schubis begann im Spätherbst 1962. Aufgrund des eisigen Winters, der vielen älteren Bürgern in Zusammenhang mit der letzten kompletten Seegfrörne des Bodensees bis heute in Erinnerung geblieben ist, mussten die Bauarbeiten zunächst etwas ruhen, doch 1965 konnte die neue Schule schließlich eingeweiht werden. Um auch ordentlich ausgebildete Lehrkräfte für die Schulen im ländlichen Raum zu gewinnen, war es üblich, den Lehrern Wohnungen zu stellen.

Um diesen Brauch fortzusetzen, der bereits in der Bogengasse gepflegt worden war, wurde 1964 zudem ein Lehrerhaus in unmittelbarer Nähe erbaut, das heute der Familie Bordt gehört. Nachdem die Schüler ein neues Domizil erhalten hatten, folgte auch für die Kindergartenkinder ein neues Gebäude. Seit 1939 bestand ein eigener Kindergarten an der Otto-Efferenn-Straße in einem kleinen Haus hinter dem heutigen Anwesen der Familie Zürcher. Im Jahr 1966 folgte der Neubau eines Kindergartens mit angegliederter Wohnung im Kindergartenweg, wo die beiden Schwestern des Elisabethenvereins, dem Vorläufer der heutigen Sozialstation, ihr Zuhause fanden, nachdem sie zuvor im Pfarrhaus gewohnt hatten. Auch unterirdisch tat sich einiges, da die einzelnen Straßenzüge Stück um Stück mit einer Kanalisation ausgestattet wurden, um das gute alte Plumsklo schließlich durch ein Klosett mit Wasserspülung ersetzen zu können.