Als sich die Blumberger Sportschützen am Wochenende im Schützenhaus trafen, da gab es für sie nur ein Thema: Die furchtbare Familientragödie in Rot am See, bei der am vergangenen Freitag sechs Menschen ermordet worden sind. Ein 26-Jähriger hat laut Darstellung der Polizei in dem kleinen Ort im Nordosten Baden-Württembergs seine Eltern, einen Onkel, eine Tante und zwei Stiefgeschwister getötet und zwei weitere Verwandte angeschossen. Die mutmaßliche Tatwaffe, eine Pistole vom Kaliber neun Millimeter, besaß der Mann legal: Als Sportschütze hatte er eine Waffenbesitzkarte. Bis vor etwa fünf Jahren sei er beim Schützenverein Brettenfeld-Rot aktiv gewesen, sagte der Vorsitzende des Vereins der Deutschen Presseagentur. 

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„Wir sind von dem Vorfall in Rot am See schockiert, so Jörg Spada, Vorsitzender der Schützengesellschaft Blumberg auf Nachfrage dieser Zeitung. Der 52-Jährige steht dem 85 Mitglieder zählenden Verein (darunter rund 30 Aktive“) seit zehn Jahren vor und lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Er nennt den mutmaßlichen Täter einen „Idioten“, dessen Amoklauf jetzt wieder ein schlechtes Bild auf alle Sportschützen werfe. „Und leider wird es solche Idioten immer wieder geben“, befürchtet Spada. Er geht davon aus, dass jetzt wieder Rufe nach einem schärferen Waffengesetz laut und ihm und seinen Sportkameraden noch mehr Auflagen gemacht werden, was den Umgang und die Lagerung ihrer Waffen anbelangt. Und tatsächlich: Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) will prüfen lassen, ob man beim Waffenrecht „möglicherweise noch nachbessern muss“.

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Jörg Spada betont dagegen, dass Deutschland eines der weltweit strengsten Waffengesetze habe und es viele Restriktionen für legale Waffenbesitzer gebe. Doch Verbote würden solche Gewalttaten wie in Rot am See nicht verhindern und der Missbrauch von Waffen ließe sich nicht allein mit einer Verschärfung des Waffenrechts bekämpfen. Weitere Einschränkungen beim Erwerb, Besitz und Aufbewahren von Sportwaffen lehnt er ab.

Die Waffenbesitzkarte bekomme nur derjenige, der den sicheren Umgang mit einer Sportwaffe nachweisen kann

Wer bei der Blumberger Schützengesellschaft mitmachen und Mitglied werden möchte, der muss sich laut Spada zunächst ein bis zwei Jahre bewähren, um seine Unterschrift für den Erwerb einer Waffenbesitzkarte zu bekommen – wobei das letzte Wort in dieser Angelegenheit der Badische Sportschützenverband spreche, wie Spada unterstreicht. Bevor der Dachverband sein Einverständnis gebe, werte er das Trainingsbuch und die vorzulegenden Wettkampf-Ergebnisse aus. Denn die Waffenbesitzkarte bekomme nur derjenige, der den sicheren Umgang mit einer Sportwaffe nachweisen könne. Es sei schon einige Male vorgekommen, dass er seine Unterschrift verweigert und damit das Ansinnen, eine Waffenbesitzkarte zu bekommen, verhindert habe, berichtet Spada. „Wer nur zwei- oder dreimal bei uns im Schützenhaus auftaucht oder sich gleich nach großen Waffen erkundigt, der bekommt meine Unterschrift mit Sicherheit nicht.“ Wobei der Vereinschef natürlich genau weiß: „Wer eine scharfe Waffe unbedingt haben will, der kommt an sie auch ohne Waffenbesitzschein ran.“

Neulinge müssen zunächst mit den vereinseigenen Waffen trainieren. Drei kleinkalibrige Langwaffen und eine kleinkalibrige Kurzwaffe seien im Schützenhaus vorschriftsmäßig gelagert und verschlossen, so Spada. Mehr Waffen beziehungsweise großkalibrige Waffen dürften dort nicht aufbewahrt werden – weil das Schützenhaus im Nordwerk nicht rund um die Uhr bewohnt, beziehungsweise bewacht sei. Gleichzeitig seien er und alle anderen Vereinsmitglieder, die ihre Waffen mit nach Hause nehmen dürfen, von Mitarbeitern des Landratsamts darauf kontrolliert worden, ob ihre Waffenschränke den Vorschriften entsprechen – was sie getan hätten.

Um Rumballerei geht es Sportschützen nicht

Spada macht klar, um was es ihm und seinen Sportkameraden geht: Die Faszination ihres Sports bestehe nicht darin, eine Waffe im Anschlag zu tragen und auf alles zu feuern, was sich bewegt. Es sei vielmehr ein Sport der Konzentration und der Selbstbeherrschung, in dem Physis und Psyche im Einklang arbeiten müssten. Das klappe bei dem meisten Sportschützen nicht von jetzt auf gleich, sondern bedürfe eines langen Trainings. Wenn dieses Training dann von Erfolg gekrönt werde und der erste Treffer sitze, dann sei ein Sportschütze glücklich.

Kritik an den Rechten von Sportschützen reißt nach Amokläufen nicht ab

  • Gesetzesänderungen: Seit dem Amoklauf in Erfurt müssen unter 25-Jährige, die erstmals eine Waffe legal besitzen wollen, ein ärztliches oder psychologisches Attest zu ihrer „geistigen Eignung“ vorlegen. Und nach dem Amoklauf von Winnenden wurde die Altersgrenze für das Sportschießen mit Großkaliberwaffen von 14 auf 18 Jahre angehoben. Auch die Kontrollen zur Waffenaufbewahrung in Privatwohnungen wurden verschärft. Der Vater des Attentäters von Winnenden besaß die Tatwaffe als Sportschütze, hatte sie aber nicht weggeschlossen. 2017 traten weitere Änderungen in Kraft, die die Aufbewahrung von Waffen betreffen. Dabei wurden die Standards für Waffenschränke angehoben.
  • Kritik an Rechten von Sportschützen: Für ein komplettes Verbot scharfer Waffen für den Schießsport setzt sich die nach dem Amoklauf von Winnenden gegründete Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ ein. Sie nennt die Änderungen im Waffenrecht in den vergangenen Jahren „billige Beruhigungsmittel“. Menschen könnten als Sportschützen immer noch problemlos an scharfe Waffen kommen. Der Deutsche Schützenbund wiederum wehrt sich gegen weitere Einschränkungen. Der Verband erklärte jüngst zur geplanten Umsetzung einer EU-Feuerwaffenrichtlinie, das deutsche Waffenrecht gelte bereits „als eines der schärfsten weltweit“.
  • Verbreitung von Waffen: Ende Januar 2019 befanden sich nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 5,4 Millionen Waffen und Waffenteile im Privatbesitz. Ein Jahr zuvor waren es knapp 30 000 weniger. Das nationale Waffenregister wurde 2013 in Betrieb genommen. Deutschland setzte damit früher als vorgeschrieben eine EU-Richtlinie um. (hon/dpa/AFP)

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