Herr Walter, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Thema Windkraft?

Seit das Thema Windpark auf der Länge und auf dem Ettenberg spruchreif geworden sind.

Was beschäftigt Sie bei dem Thema Windkraftanlagen?

Mich beschäftigen die Auswirkungen der Windkraftanlagen auf die Gesundheit der Menschen, die im näheren Umfeld wohnen und damit leben müssten. Und hier ist der in Baden-Württemberg geltende Mindestabstand von 700 Metern eindeutig zu gering.

Können Sie das näher erklären?

Andere Länder sehen hier deutlich größere Mindestabstände vor: In Großbritannien müssen es mindestens 3000 Meter sein, in den USA 2500 Meter und in Nordrhein-Westfalen neuerdings 1500 Meter. Selbst in der Landesregierung in Stuttgart gibt es unterschiedliche Auffassungen über den Mindestabstand. Agrarminister Peter Hauck hat für Windkraftanlagen im Staatswald einen Mindestabstand zu Wohnsiedlungen von 1000 Metern verfügt, Umweltminister Franz Untersteller hält die 700 Meter für ausreichend, größere Mindestabstände müssten genau begründet sein.

Wie wirken die Windkraftanlagen auf den Menschen?

Windkraftanlagen erzeugen Schallwellen. Die Schallwellen mit einer höhere Frequenz von 16 Hertz bis 20 000 Hertz werden gehört und der Körper reagiert darauf mit Symptomen wie Flucht, um den Schall zu entgehen. Problematisch ist auch der tiefere Schall von acht bis 20 Hertz sowie der nicht mehr unmittelbar wahrzunehmende Infraschall unterhalb von acht Hertz.

Der Infraschall ist beim Thema Windkraft in vieler Munde, wie wirkt Infraschall?

Infraschall löst seismografische Schwingungen aus, die sich in der Luft, in der Erde und im Wasser fortpflanzen. Das Gefährliche daran ist, dass diese Schwingungen selbst durch acht Meter dicke Betonmauern dringen und sich danach im Haus verstärken können, wie ein Querschläger. Das haben unter anderem die "Ärzte für Immissionsschutz" festgestellt und dokumentiert, ferner die Ärztegemeinschaft gegen Infraschall aus Bad Orb in Bayern sowie andere Wissenschaftler.

Wie sind die Auswirkungen auf die Menschen?

Bei den Menschen können diese Schwingungen unterschiedliche Beeinträchtigungen auslösen. Die "Ärzte gegen Immissionsschutz" nennen unter anderem Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen, Lernschwierigkeiten bei Kindern, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Tinnitus, Kopfschmerzen und Herz-Rhythmus-Störungen bis hin zu Panikattacken und Depression. Diese ganzen Störungen werden unter dem Begriff Windturbinen-Krankheit zusammengefasst.

Worauf gründen die Ärzte gegen Immissionsschutz ihre Erkenntnisse?

Die Erkenntnisse gründen aus Beobachtungen von Betroffenen, zum Beispiel in Pfullendorf, in Bayern und in Niedersachsen. Zudem gibt es Studien in anderen Ländern wie Dänemark, Österreich, Polen oder Portugal. Die meisten dieser Studien entstanden in der Zeit ab dem Jahr 2005. Ganz gravierende Auswirkungen im Umfeld einer Windkraftanlage wurden in Dänemark festgestellt, wo auf einer Nerzfarm in Jütland Tiere durch den Schall so beeinflusst wurden, dass sie zum Teil starben oder sich gegenseitig schwere Verletzungen zufügten. Dänemark, führend beim Ausnutzen von Windenergie, hat zeitnah reagiert und seither deutlich weniger Windkraftanlagen genehmigt.

Was bedeuten diese Informationen und Erkenntnisse für Sie im Hinblick auf die Konzentration von Windkraftanlagen zwischen Immendingen-Ippingen über die Länge bis hin zu den Bräunlinger Teilorten Döggingen und Waldhausen?

Für mich als Arzt bedeuten die Pläne eine noch nicht absehbare Gefahr für die Gesundheit der Menschen im Umfeld. Bei Ippingen stehen bereits fünf Anlagen, bei Geisingen sind vier bis fünf Anlagen in der Diskussion, auf der Länge und dem Ettenberg sollen insgesamt elf Anlagen errichtet werden, und bei Döggingen und Waldhausen ist die Rede von sieben Anlagen. Bei einem Wirkradius von 20 Kilometern können hier zwischen allen Windrädern Wechselwirkungen und Konzentrationspotenziale der Schwingungen auftreten mit noch nicht absehbaren gesundheitlichen Folgen. Ich halte es für unverantwortlich, dass derartige Vorhaben im Abstand von wenigen Kilometern errichtet werden, ohne dass die absehbaren Folgen für die Bevölkerung in einer großen und tiefgehenden Umweltverträglichkeitsprüfung näher untersucht und ausgeschlossen wurden. Wenn ich als Arzt gesundheitsschädliche Nebenwirkungen an einem Medikament feststelle, darf ich es ohne nähere Überprüfung nicht mehr verwenden.

Fragen: Bernhard Lutz

Zur Person

Michael Walter (81) ist seit 1977 Allgemeinarzt im Raum Blumberg, seit 2004 ist er noch in Riedböhringen und Bad Dürrheim tätig. Insgesamt mehr als 30 Jahre war er Stadtrat in Blumberg und Ortschaftsrat in Riedböhringen. Seit 2014 ist das CDU-Mitglied im Kreistag. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder und sechs Enkel. (blu)