„Unseren Vögeln geht's beschissen.“ Peter Berthold wählt gelegentlich drastische Worte, um auf die Situation der Vögel in Deutschland hinzuweisen. Der emeritierte Ornithologie-Professor ist einer der bekanntesten Vogel-Lobbyisten in Deutschland und tourt auch in fortgeschrittenem Alter quer durch die Republik, um bei Vorträgen, Podiumsdiskussionen oder in Zeitungsinterviews darauf hinzuweisen, dass die Vogelbestände hierzulande drastisch zurückgegangen sind – seit dem 19. Jahrhundert um rund 80 Prozent, wie er in seinem jüngsten Buch „Unsere Vögel“ schreibt.

Was hält der frühere Leiter der Vogelwarte Radolfzell, einer Zweigstelle des Max-Planck-Instituts für Ornithologie, von Windkraft? Oder anders gefragt: Darf ein Vogelfreund dafür sein, Strom aus Wind zu gewinnen?

Peter Berthold: „Es macht in meinen Augen keinen Sinn, immer nur dagegen zu sein, vor allem, wenn man von der Atomenergie wegkommen will.“
Peter Berthold: „Es macht in meinen Augen keinen Sinn, immer nur dagegen zu sein, vor allem, wenn man von der Atomenergie wegkommen will.“ | Bild: Angelika Wohlfrom

Berthold hat vor einigen Jahren ein Bonmot geprägt, dass er so nicht mehr formulieren würde: „Wer gegen Atomkraft ist und gleichzeitig gegen Windkraft, der ist ein Staatsfeind." Heute möchte er den Staatsfeind durch den Landesfeind ersetzt sehen, denn Staatsfeind höre sich doch ein bisschen nach DDR und Stasi an, wie er im Gespräch einräumt. Doch grundsätzlich steht er immer noch zu seiner Aussage. Denn: „Es macht in meinen Augen keinen Sinn, immer nur dagegen zu sein, vor allem, wenn man von der Atomenergie wegkommen will.“

Die Länge ist ein Vorzugsgebiet für Rotmilane

Nachdem vor rund acht Jahren mit der Wahl von Wilfried Kretschmann zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg die Diskussion um Windkraft im Land an Fahrt aufgenommen hatte und die gesetzlichen Hürden, Windräder zu bauen, gesenkt worden waren, hat Berthold zusammen mit Winfried Franke vom Regionalverband für die Region Oberschwaben/Bodensee einen Plan aufgestellt. Der zeigt grüne Gebiete, wo Windräder für einen Vogelfreund hinnehmbar sind und rote Gebiete, die für Windriesen tabu bleiben sollten. „Hätten wir das für den Raum Donaueschingen/Geisingen gemacht, wäre alles rot geworden“, sagt der 79-Jährige. Denn: „Dort ist ein riesen Vorzugsgebiet für Rotmilane.“

Rotmilane überwintern auf der Baar

Der Wissenschaftler kennt den Längewald nach eigenen Worten „wie seine Hosentasche“. Er ist dort schon hunderte Male unterwegs gewesen und hat dort auch Untersuchungen vorgenommen. Die Länge sei ein „Hotspot des Rotmilan“, der dort auch im Winter bleibe. „Hier Windräder zu genehmigen und zu bauen, ist aus meiner Sicht absoluter Schwachsinn“, so Berthold.

Wissenschaftler nennt Abstandsregelung eine "Augenwischerei"

Aber zu Horsten muss doch ein Mindestabstand von einem Kilometer gehalten werden. Reicht das als Schutz nicht aus? Nicht für den Vogelkundler. Denn Milane flögen ja nicht nur um ihren Horst herum, sie bestrichen auf ihren Jagdflügen vielmehr Gebiete von bis zu zehn Quadratkilometern und mehr. Um das herauszufinden, haben Berthold und seine Mitstreiter Rotmilane mit Sendern ausgestattet. Der geforderte Abstand von einem Kilometer zwischen Horst und Windrad ist für Berthold "Augenwischerei". "Sie können da ja auch kein Hinweisschild aufstellen mit der Aufschrift 'Rotmilan Vorsicht! Hier in der Nähe befindet sich eine Windkraftanlage'."

Die Abstandswerte seien am Schreibtisch entstanden und entbehrten jeglicher ökologisch-biologischer Relevanz. Aber Milane haben Augen im Kopf, da sollten ihnen Rotorblätter doch nicht gefährlich werden können? Das beurteilt der Professor ganz anders: "Der Rotmilan jagt, indem er ganz ruhig über offenem Gelände schwebt." Dabei habe er den Kopf nach unten gerichtet und schaut aus mittlerer oder großer Höhe, ob sich unten irgendwo Mäuse bewegen, eventuell auch Regenwürmer oder größere Insekten oder Amphibien. "Wenn er jetzt in die Nähe von Rotoren kommt, dann sieht er natürlich schon, dass sich da etwas bewegt.

Er schaut dann auch Mal kurz zur Seite und sieht, ach da ganz oben ist ein Rotorblatt. Dann widmet er sich wieder seiner Beute und nimmt gar nicht wahr, dass in der Zwischenzeit der Rotor, der eben noch ganz oben war, mit hoher Geschwindigkeit runter rauscht." Bis er den nächsten Blick nach oben riskiere, habe es ihm unter Umständen schon den Kopf vom Rumpf abgetrennt. "So einfach ist die Geschichte", sagt Berthold.

Wie Windräder den Rotmilan in Brandenburg bedrohen

Der Vogelexperte verweist auf die Erfahrungen, die in Brandenburg gesammelt wurden. Dort habe es früher eine ähnlich große Rotmilan-Dichte wie in Baden-Württemberg gegeben. Doch seien dort inzwischen 2000 Windkraftanlagen gebaut worden – "viel zu viele im Hinblick auf den Rotmilan", unterstreicht Berthold. "In Brandenburg verlieren wir jedes Jahr vier Prozent der Population des Rotmilans, sie wird deshalb in gefährliche Tiefen abrutschen." Und das prognostiziert der Wissenschaftler auch für die Region: "Wenn wir weiterhin so leichtfertig Windkraft-Anlagen in Rotmilan-Gebiete reinbauen, dann blüht uns hier Ähnliches: Unsere Rotmilan-Population wird von einer stabilen Population in eine Sinkpopulation übergehen."

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