Vor Gericht braucht es drei Säcke: einen mit Papier, einen mit Geld und einen mit Geduld. Wenn ein Blumberger Gastronom diese alte Weisheit hört, kann er nur zustimmend mit dem Kopf nicken. Der heute 39-jährige Mann ist am 3. Juni 2012 von zwei Türstehern im Foyer einer Donaueschinger Diskothek brutal zusammengetreten worden, sein Leben konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Seitdem sind fünfeinhalb Jahre vergangen, viele Seiten Papier wurden mit Verhandlungsprotokollen gefüllt und der Blumberger hat einen stolzen fünfstelligen Betrag an Gerichts- und Anwaltskosten ausgegeben.

Videoaufnahmen einer Überwachungskamera dokumentieren den feigen Angriff der kräftig gebauten Security-Mitarbeiter: Zunächst ist zu sehen, wie einer der beiden Täter den Wirt von hinten packt und zu Boden wirft. Dann treten sie immer wieder auf ihn ein. Die meisten Tritte gehen gegen den Kopf, andere in die Magengegend und den Unterleib. Auf dem Video ist auch dokumentiert, dass sich Polizisten in dem Vorraum aufhalten. Die Übergriffe erfolgen in deren Rücken. Das Opfer der Schläger soll zuvor einen der beiden Hünen mit einer Flasche angegriffen und am Ohr, auf der Stirn und am Hinterkopf verletzt haben – das haben bisher alle gerichtlichen Instanzen so gesehen. Doch der Kneipenwirt mit türkischen Wurzeln fühlt sich zu Unrecht verurteilt. Er kann nicht nachvollziehen, dass die beiden geständigen Türsteher so wie er selbst mit einer Bewährungsstrafe davongekommen sind – obwohl er fast gestorben ist. Mittlerweile liegt sein Fall, der mit einem Strafbefehl begann und dann am Amtsgericht Donaueschingen und Landgericht Konstanz verhandelt wurde, beim Oberlandesgericht in Karlsruhe.

Blumberger fordert Freispruch

Vor dem Landgericht Konstanz fordert der Wirt im März 2017 einen Freispruch, nachdem er vom Amtsgericht Donaueschingen im Oktober 2013 wegen gefährlicher Körperverletzung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war. Zuvor hatte er gegen einen Strafbefehl über neun Monate auf Bewährung Einspruch eingelegt. Verteidiger Dominik Hammerstein erklärte beim Prozess in Konstanz, sein Mandant selbst habe niemanden verletzt, sei selbst aber so schwer verprügelt worden, dass er noch heute unter den Folgen leide. Sein Lokal könne er nur noch kommissarisch führen, durch seine krankheitsbedingte Erwerbsunfähigkeit habe er rund 150 000 Euro Verdienstausfall. Unter anderem habe er mehrere Rippenbrüche, einen Jochbeinbruch und schwere Verletzungen durch Tritte gegen den Kopf erlitten. Deshalb sei er auch psychisch schwer geschädigt, könne Menschenansammlungen nicht mehr ertragen, sei dadurch inzwischen auch sozial isoliert und selbstmordgefährdet. Er sei nicht Täter, sondern Opfer, betonte der Anwalt. Besonders schlimm habe man empfunden, dass herbeigerufene Polizeibeamte ihn ganze 14 Minuten bewusstlos am Boden hätten liegen lassen, statt sofort Erste Hilfe zu leisten. Diese Beamten seien nie wegen unterlassener Hilfeleistung zur Rechenschaft gezogen worden. Auch vor dem Amtsgericht Donaueschingen sei dies nie Thema gewesen. "Mein Mandant verteidigt in dem Verfahren lediglich seine Würde als Mensch, die in diesem Verfahren mit Füßen getreten wurde", so der Verteidiger. Das Amtsgericht hatte es hingegen für erwiesen gehalten, dass der 38-Jährige die beiden ehemaligen Türsteher provoziert und seinerseits erheblich verletzt hatte. Ganz ähnlich sah das auch das Landgericht: Nach einer neuen, aufwendigen Beweisaufnahme verwarf es die Berufung. Immerhin gewährte man dem psychisch und körperlich immer noch schwer angeschlagenen Blumberger wegen der sehr langen Verfahrensdauer einen Abschlag von einem Monat.

Christian Guthmann, Pressereferent für Strafrecht am Oberlandesgericht, bestätigt, dass der Fall seit dem 18. August 2017 in Karlsruhe anhängig ist. Er geht davon aus, dass im Laufe des März ein Urteil fällt. Da es sich um eine Revision handelt, rechnet er mit einem schriftlichen Verfahren und keinem öffentlichen Prozess. Der Blumberger Wirt hofft nach wie vor auf einen Freispruch. Allerdings: In den fünfeinhalb Jahren seit dem Angriff auf ihn hat er einen zweiten Sinnspruch über Justitia kennenlernen müssen: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.