Zum 1. April 2020 kündigte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) den auslaufenden Tarifvertrag regulär und fordert von den Mineralbrunnen in Baden-Württemberg 6,25 Prozent mehr Bruttolohn für 2020. Eine bereits vor dem Corona-Höhepunkt für die Arbeitgeberseite weit übertriebene Forderung. Coronabedingte Absatzeinbußen verhärteten die Position zusätzlich.

Mitarbeiter des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens nehmen am Warnstreik für mehr Bruttolohn teil.
Mitarbeiter des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens nehmen am Warnstreik für mehr Bruttolohn teil. | Bild: Alexander Hämmerling

Die letzten Tarifrunden im Mai und Juni verliefen ergebnislos, wobei laut Claus Peter Wolf, dem Geschäftsführer der NGG-Geschäftsstelle in Singen, auch kein Gegenangebot der Arbeitgeber erfolgte. Die Gewerkschaft wertet dies als Offerte einer Nullrunde seitens der Arbeitgeberseite. Das Resultat: Warnstreiks am Dienstag, 11. August, auch in Bad Dürrheim. Bei zehn von 38 Mineralbrunnen in Baden-Württemberg fanden nun Warnstreiks statt, so auch beim Bad Dürrheimer Mineralbrunnen.

  • Die Sicht der Arbeitnehmer und Gewerkschaft: „Die Einschränkungen durch Corona haben große Belastungen für die Belegschaft mitgebracht, jetzt bestehen wir erst recht auf einem Obolus für unsere Teams“, so der Betriebsratsvorsitzende Jochen Rapp beim Minaralbrunnen Bad Dürrheim. Insbesondere die Lkw- und Staplerfahrer, aber auch die gesamte Belegschaft, hätten während der Corona-Zeit unter erhöhter Ansteckungsgefahr gearbeitet.
Claus Peter Wolf (links) und Jochen Rapp kämpfen gegen eine Nullrunde.
Claus Peter Wolf (links) und Jochen Rapp kämpfen gegen eine Nullrunde. | Bild: Alexander Hämmerling

Über die Sommermonate musste der achtstündige Dreischichtbetrieb auf zwei Schichten mit einer Arbeitszeit von neun bis zehn Stunden gestreckt werden. Erst in näherer Zukunft erwarte man bei den Arbeitszeiten Entspannung. Zu den längeren Arbeitszeiten gesellte sich durch die Schichtentrennung eine komplizierte Situation bei den Umkleide- und Vespermöglichkeiten. „Ob Produktion, Verladung, Fuhrpark oder Instandhaltung, alle Abteilungen hier in Bad Dürrheim mussten Opfer bringen“, sagt Rapp.

Währenddessen verstünde man auf Seiten der NGG aber auch die zögerliche Haltung der Arbeitgeberverbände der Mineralbrunnen durch deren Absatzeinbußen. „Wir wissen, dass die Forderung von 6,25 Prozent utopisch ist und haben die Bereitschaft zu einer geringeren Forderung bereits signalisiert. Solange es jedoch kein Gegenangebot gibt, deuten wir das als ein Angebot von Null Prozent“, sagt Wolf.

„Die Geschäftsleitung der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen beteuert immer wieder ihre Wertschätzung gegenüber ihrer Belegschaft, zeigt sich bei den Verhandlungen aber als Hardliner auf der Arbeitgeberseite“, gibt Wolf interne Einblicke preis.

  • Die Sicht des Arbeitgebers: Ulrich Lössl, Geschäftsführer vom Bad Dürrheimer Mineralbrunnen kontert: Als Geschäftsführer sehe er die laufenden Verhandlungen als schwierig an, wobei der Arbeitgeberverband sich durch die schwierige Wirtschaftslage der Mineralbrunnen explizit „vorsichtig“ verhalte. Die Schließung der Gaststätten wie auch der Wegfall großer, öffentlicher Veranstaltungen durch Corona habe bei den Mineralbrunnen in Baden-Württemberg ein zweistelliges Minus der Absatzzahlen verursacht. Die Bad Dürrheimer Mineralbrunnen lägen mit Absatzeinbußen von 14 Prozent seit März 2020 noch im vorderen Drittel der Mineralbrunnen in Baden-Württemberg mit den geringsten Verlusten. Branchenübergreifend habe es Kündigungen gegeben, der Konsum in den Gaststätten seit deren Wiedereröffnung entwickele sich nur zögerlich. Auch deshalb müssten die Mineralbrunnen auf Sicht fahren. „Der Arbeitsgeberverband möchte die Mineralbrunnen sicher durch diese schwierige Zeit manövrieren, deshalb die vorsichtige Haltung“, sagte Lössl. Das heiße aber nicht, dass der Arbeitgeberverband kein Gegenangebot vorgelegt habe. Er könne dazu keine Zahlen nennen, es habe jedoch definitiv mittlerweile eines gegeben. „Die NGG hat dieses jedoch bereits als Scheinangebot abgetan“, so Lössl.

Der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen muss wegen Corona ein Minus der Umsatzzahlen im zweistelligen Bereich hinnehmen

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Von 130 Mitarbeitern des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens seien 35 Prozent NGG-Mitglieder. Die Bad Dürrheimer Belegschaft werde laut Lössl seit Jahren übertariflich bezahlt und erhalte in umsatzstarken Jahren auch Sonderprämien. Durch ein optimiertes Gesundheitsmanagement mit Kursangeboten für die Mitarbeiter, veranstalteten Ausflügen und Jubiläen, Entgegenkommen bei der Arbeitskleidung, als auch zahlreichen Sonderveranstaltungen könne man nicht nachvollziehen, dass sich die Belegschaft „finanziell als auch ideell nicht wertgeschätzt fühle“.

Die nächsten Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgeberverband und NGG finden am 14. August in Leinfelden-Echterdingen statt.

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