Das Waldbaden (Shinrin Yoku) ist ein Trend, der in den 1980er-Jahren in Japan entstand. Wer an Waldbaden denkt, denkt ans Bäume umarmen. Das kann man unter fachlicher Anleitung auch in Bad Dürrheim tun. Bekanntermaßen tut der Aufenthalt in der Natur ja gut und Wald ist rund um Bad Dürrheim wahrlich genug vorhanden. Unsere Reporterin war neugierig und hat am dreistündigen Angebot des Waldbadens der Kur- und Bäder (KuBä) GmbH teilgenommen. Zertifizierte Waldbaden-Kursleiter sind die Therapeuten Ingrid Whitehall und Klaus Lang, von der KuBä.

Ingrid Whitehall erklärt auf dem Weg viel Wissenswertes über die verschiedenen Bäume.
Ingrid Whitehall erklärt auf dem Weg viel Wissenswertes über die verschiedenen Bäume. | Bild: Naiemi, Sabine

Zunächst erklärte Ingrid Whitehall Herkunft und Hintergründe des Waldbadens. Dieses beinhaltet Achtsamkeitsübungen, Atemtraining und Qi-Gong-Übungen und – Wald tut gut, daher schützt den Wald – auch einen achtsamen Umgang mit der Natur.

Mit allen Sinnen erleben

Durchatmen und Abschalten. Waldbaden spricht alle fünf Sinne an. Vor der evangelischen Kirche biegt Ingrid Whitehall links ab in den Kapfwald hinein und lenkt den Blick immer wieder auf das Wechselspiel von Licht und Schatten in den Blättern der Bäume, Komorebi genannt. Noch sind die Alltagsgeräusche drum herum deutlich wahrnehmbar, doch beim ersten Innehalten wird mit jedem Atemzug bei geschlossenen Augen der Geruch des Waldes kräftiger. Moosig, feucht, holzig – da schälen sich viele Nuancen heraus.

Das kalte Kneipp‘sche Armbad ist eine der ersten Aktionen beim Waldbaden.
Das kalte Kneipp‘sche Armbad ist eine der ersten Aktionen beim Waldbaden. | Bild: Naiemi, Sabine

Die erste Station ist der Kapfwaldbrunnen. Zeit für ein Armbad. Saukalt ist das Wasser. Aber es macht Laune und alle haben Spaß. Lockerungsübungen und Atemübungen schließen sich an.

In einer Handvoll „Dreck“ leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der ganzen Welt, erklärt Ingrid Whitehall.
In einer Handvoll „Dreck“ leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der ganzen Welt, erklärt Ingrid Whitehall. | Bild: Naiemi, Sabine

Dann geht es weiter in den Kapfwald, hoch Richtung Hochemmingen, währenddessen werden die Teilnehmer über die positive Wirkung von Terpenen – Duft- und Botenstoffe der Bäume – aufgeklärt. Dann heißt es: Schuhe ausziehen. Nach einem Gang über einen natürlichen Barfußpfad mit Steinen, Blättern, Zapfen und Erde prickeln die Fußsohlen. Eine weitere sinnliche Wahrnehmung schließt sich im Erspüren von Ästen, Blättern oder Rinde mit geschlossenen Augen an.

Sich erden, konzentrieren, entspannen und erspüren, was man empfindet, wenn man einen Baum umarmt, ist eine der Aktionen beim Waldbaden.
Sich erden, konzentrieren, entspannen und erspüren, was man empfindet, wenn man einen Baum umarmt, ist eine der Aktionen beim Waldbaden. | Bild: Naiemi, Sabine

Und dann darf die Gruppe endlich Bäume umarmen. Riesig sind sie, beim Blick nach oben in die Baumkronen wird einem fast schwindelig. Nach Herzenslust darf man den ausgesuchten Baum festhalten, sich anlehnen, in sich hineinspüren und horchen, ob der Baum „antwortet“. Ankommen und runterkommen ist das Ziel der mehrere Minuten langen Meditation, die dann folgt. Hinterher fühlen sich alle wie entrückt. Handys werden gezückt, Zeit für ein Erinnerungsfoto. Auch die sonnendurchfluteten Baumkronen werden zur Erinnerung festgehalten.

Das Lichtspiel in den Baumwipfeln und Blättern (Komurebi) ist faszinierend und entspannend.
Das Lichtspiel in den Baumwipfeln und Blättern (Komurebi) ist faszinierend und entspannend. | Bild: Naiemi, Sabine

Beim Waldcafé angekommen genießt die Gruppe nach der Kühle des Waldes das Sonnenlicht und absolviert eine 15-minütige Qi-Gong-Einheit. Die Aussicht genießen, Büsche mit den verschiedensten Beeren anschauen, Kiefernzapfen in der Hand kneten, das Zusammenspiel der Bäume in diesem Mischwald – auf alles wird der Blick gelenkt.

Das Lichtspiel in den Baumwipfeln und Blättern (Komurebi) ist faszinierend und entspannend.
Das Lichtspiel in den Baumwipfeln und Blättern (Komurebi) ist faszinierend und entspannend. | Bild: Naiemi, Sabine

Vom Waldcafé geht es dann zurück nach Bad Dürrheim, Endstation der Aktionen ist das Heidenbrünnele. Hier kommen die Anionen ins Spiel, die durch das Wasser in die umgebende Luft gelangen und eine positive Wirkung auf den Körper haben. Die Abschlussaktion ist eine wiederum mehrminütige Meditation, bei der sich jeder seinen lichtdurchfluteten Baumwipfel in die Erinnerung einprägt, um dieses Bild dann bei Bedarf – ganz besonders in Stresssituationen – wieder abrufen zu können.

Im Wald rund um Bad Dürrheim gibt es etliche Wander- und Spazierwege.
Im Wald rund um Bad Dürrheim gibt es etliche Wander- und Spazierwege. | Bild: Naiemi, Sabine

Die drei Stunden der Waldtour gingen recht schnell vorüber. Insgesamt ist es ein schönes Angebot, das jedoch in Teilen ein wenig zwiespältig zurückließ und Potenzial nach oben hat. Ein bisschen schade waren die langen Abstände zwischen den Aktionsstationen, denn durch die langen Wege entwickelten sich viele Gespräche über Banalitäten und die Konzentration auf Entspannung und Stressabbau flachte ab. So entstand zwischen den Aktionen eher der Charakter einer geführten Wanderung. Der eine oder andere empfand das als nachteilig und hätte gern weniger Wegstrecke zum Laufen, dafür mehr solcher intensive Aktionen wie das Bäume umarmen gehabt. Auf jeden Fall ist die Führung eine gute Anregung und soll durchaus anstecken, auch allein im Wald Entspannung zu suchen.

Zum Abschluss fixiert wird ein Ausschnitt fixiert, den man sich im Geist einprägt, um ihn später bei Bedarf – zum Beispiel bei Stress – wieder abrufen zu können.
Zum Abschluss fixiert wird ein Ausschnitt fixiert, den man sich im Geist einprägt, um ihn später bei Bedarf – zum Beispiel bei Stress – wieder abrufen zu können. | Bild: Naiemi, Sabine

Zum Schluss der Runde kommt man oberhalb vom Waldkindergarten und Kurgebiet wieder an und hat einen schönen Blick über Bad Dürrheim.

Für die Teilnehmer aus den Kliniken ist damit die Tour zu Ende, sie sind fast „Zuhause“. Diejenigen aus der Innenstadt müssen erst noch eineinhalb Kilometer zurücklaufen. Für eher Leute, die weniger lauffreudig sind, längeres Laufen nicht gewohnt sind, oder sie eher einfach Sonntagsspaziergänger sind, ist die Wegstrecke und dreistündige Tour dann doch etwas anstrengend.

Nichtsdestotrotz ist die Führung eine gute Anregung und soll durchaus anstecken, auch allein im Wald Entspannung zu suchen.

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