Rund 40 000 junge Menschen sind laut dem Deutschem Jugendinstitut in Deutschland von den sozialen Hilfssystemen entkoppelt und damit durch alle Raster gefallen. Die Hilfsorganisation Off Road Kids widmet sich dem Thema, wie man diese jungen Menschen erreichen kann, um ihnen zu helfen.

Das Kinderheim in Bad Dürrheim ist Teil der bundesweit tätigen Off-Road-Kids-Stiftung. Bild: Off Road Kids
Das Kinderheim in Bad Dürrheim ist Teil der bundesweit tätigen Off-Road-Kids-Stiftung. Bild: Off Road Kids

Dabei geht die Stiftung, deren Sitz sich in Bad Dürrheim befindet, seit einiger Zeit neue Wege in Bezug auf Information und Kommunikation und macht demnach die Beratungs-und Informationsangebote dort, wo sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufhalten: im Netz. Und zwar auf der Videoplattform Youtube, mit angesagten Influencern und mit einem digitalen Beratungsangebot.

Wer sich im deutschen Verwaltungswesen nicht gut auskennt, könne schnell an seine Grenzen geraten, so die Erfahrung der Stiftung. Und gerade junge Menschen in Not würden schnell aufgeben. Drängende Fragen sind: Wer ist zuständig? Wo kann ich welche Hilfe bekommen und beantragen? Was wird dafür benötigt? Diese Fragen würden junge Menschen, die in ihrer Notlage als sogenannte „Sofahopper“ bei Freunden unterkommen, am häufigsten stellen und gleichzeitig an deren Komplexität scheitern.

Die Off-Road-Kids-Stiftung betreibt an fünf Brennpunkten Deutschlands Streetwork-Stationen. Sie geht jetzt neue Wege in der Information dieser Zielgruppe. „Aus vielen Gesprächen wissen wir, wie schwer der Dschungel aus Anträgen und Zuständigkeiten zu durchdringen ist“, sagt Markus Seidel, Vorstandsprecher der Off-Road-Kids-Stiftung. „Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, Erklärvideos zu den wichtigsten Fragen rund um das Thema Obdachlosigkeit zu produzieren und ins Netz zu stellen. So können die betroffenen jungen Menschen einfach und schnell erfahren, welche Möglichkeiten es gibt und was sie von welcher Behörde erwarten dürfen.“

Insgesamt acht Filme stehen jetzt im Netz. In diesen erläutern Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Gespräch die Themen Jugendamt, Wohnung, Bafög, Arbeitslosengeld, Kindergeld, Mietschulden und die Zuständigkeiten der Ämter und Behörden. Gleichzeitig werden Hinweise gegeben, wo es weitere Informationen und Hilfestellungen gibt. Seidel: „Wir wollen diese entkoppelten jungen Menschen nicht alleine lassen, sondern ihnen unkompliziert und so einfach wie möglich Hilfe anbieten. Sei es über Youtube-Filme oder über unsere digitale Beratungsplattform Sofahopper.de.“

Auch verschiedene Youtuber würden ihre Bekanntheit nutzen, um die Aufklärungsarbeit zu unterstützen und über das Thema Obdachlosigkeit bei jungen Menschen zu sprechen. „Diese Reichweite in der jungen Zielgruppe hilft uns, das Beratungsangebot von Sofahopper.de bekannter zu machen“, erklärt Markus Seidel. Bibi, Julienco und Tomatolix haben mitgemacht und dafür gesorgt, dass nicht nur betroffene junge Menschen von dem digitalen Hilfsangebot erfahren, sondern auch deren Eltern oder die temporären Gastgeber der jungen Menschen.

Off Road Kids setzt in der Corona-Krise außerdem konsequent auf das gemeinsam mit der Deutsche Bahn Stiftung und dem Bundesfamilienministerium entwickelte, bundesweit verfügbare digitale Beratungsangebot „sofahopper.de“. „Wir wollen die risikoreiche Lebenssituation dieser verzweifelten jungen Menschen so früh wie möglich stabilisieren“, erläutert Seidel das Konzept.

Seit Beginn des Jahres seien die Zahlen der Hilfesuchenden rasant gestiegen: Von Januar bis Oktober 2020 haben sich 2027 junge Menschen über die Onlineplattform an Off Road Kids gewendet. Das sind doppelt so viele wie im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. In den ersten Monaten der Corona-Krise hatte sich die Anzahl der Hilferufe sogar vervierfacht. Die jungen Menschen kommen aus allen Regionen Deutschlands, sind zwischen 14 und 27 Jahre alt. Alle seien von verdeckter oder tatsächlicher Obdachlosigkeit bedroht.

Ursache hierfür sei die räumliche Enge in vielen Familien während der Lockdown-Phasen. „In Familien, in denen es schon vor der Pandemie viel Streit gab, hat es dann richtig gekracht“, so Seidel. Viele junge Menschen seien in dieser Zeit zuhause rausgeworfen worden oder selbst aus dem Elternhaus geflüchtet. Coronabedingt sei bei vielen Menschen die Bereitschaft gesunken, Schlafplätze und Hilfe anzubieten. Aber gerade jetzt sei es extrem riskant, wenn junge Menschen obdachlos werden und der Anonymität wegen in Großstädte abwandern. Daher hat Off Road Kids alle Sozialarbeiter aus den Streetwork-Stationen in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Hamburg und Köln in die Online-Beratung einbezogen. Die Live-Chat- und Telefonberatung wurden bis in die Abendstunden ausgedehnt. Neu dazugekommen ist die Beratung über ein Videokonferenzsystem.