Der Kurpark Bad Dürrheims entfaltet derzeit ohne großes Publikum seine frühlingshafte Schönheit. Die Gemeinderäte der Stadt wünschen sich eine baldigen Rückkehr zur Normalität. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
Der Kurpark Bad Dürrheims entfaltet derzeit ohne großes Publikum seine frühlingshafte Schönheit. Die Gemeinderäte der Stadt wünschen sich eine baldigen Rückkehr zur Normalität. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Wie andere Menschen auch, sehen sich die Stadträte Bad Dürrheims genau den gleichen Herausforderungen gegenüber wie alle Menschen. Der SÜDKURIER hat bei den Fraktionsvorsitzenden und Fraktionssprechern nachgefragt, wie sie die Corona-Krise persönlich erleben und deren Auswirkungen, wie sie derzeit ihren Beruf ausüben, was sie seitens der Krise bewegt und wie sich die Krise auf die Arbeit als Stadtrat auswirkt.

Heinrich Glunz
Heinrich Glunz | Bild: SK
  • Heinrich Glunz, CDU: Im häuslichen Umfeld fühle ich mich zusammen mit meiner Frau sicher und geborgen. Was mir jedoch zunehmend fehlt, sind die viele in den zurückliegenden Jahren aufgebauten, persönlichen und intensiven Kontakte im kommunalen und kulturellen Bereich. Sehr bedrückend empfinde ich die zunehmende Vereinsamung und Isolierung von älteren Menschen in meinem Bekannten- und Mandantenkreis. Bei den intensiven telefonischen Kontakten spüre ich zunehmend bei den Menschen eine depressive Grundstimmung, auch wenn die Gründe für die Kontaktbeschränkungen akzeptiert werden.

Außer den beschränkten Kontaktmöglichkeiten und erschwerten Arbeitsbedingungen in meinen Mandantenkreisen unterscheidet sich mein Alltag nur unwesentlich von „normalen“ Lebensumständen. Die den allgemeinen Umständen geschuldete Absage des von uns gebuchten Hotels für einen vorgesehenen fünftägigen Ausstieg vom Alltag, hat dann doch etwas geschmerzt. Auch das in meiner Heimatgemeinde Öfingen geplante Abschiedskonzert der beiden Verbandsorchester des Blasmusikverbandes ist diesen Umständen, sehr zu meinem Leidwesen, zum Opfer gefallen.

Seit Mitte März würden die Themen „Sofort-Hilfen“ und „Kurzarbeit“ zunehmend seine Tätigkeit beherrschen, da immenser Beratungsbedarf bestehe. „Ich habe mich hinter meinem Schreibtisch „verschanzt“, halte soweit erforderlich telefonisch Kontakt und beschränke persönliche Begegnungen unter Beachtung der Hygienevorschriften auf das absolut Notwendige.“

Drastisch vor Augen geführt worden sei ihm auf einem seiner abendlichen Rundgänge zur Postverteilung, dass das Leben durch die Corona-Krise in gänzlich andere Bahnen gelenkt wurde. „In unserer Stadt hat eine geradezu gespenstische Ruhe geherrscht.“

Barbara Fink
Barbara Fink | Bild: SK
  • Barbara Fink, CDU: „Für mich ist das eine Situation, wie wir alle sie noch nie erlebt haben. Dadurch hat sich auch mein Leben einschneidend verändert. Mir fehlt ganz besonders ein großes Stück Unbefangenheit im Umgang mit anderen Menschen.“ Immer auf das Abstand zu achten sei nicht so einfach, wenn man miteinander einen herzlichen Umgang hat. Positiv sei sicherlich, dass das Leben wesentlich ruhiger geworden sei, doch diese Einschränkungen beeinträchtigen die Wirtschaft erheblich und bringen viele Menschen in finanzielle Not.

„Große Einschnitte für mich sind, dass der Kontakt zu meiner in München lebenden Tochter sowie zu meinen Enkeln zurzeit nur über Skype möglich ist“, erklärt Barbara Fink. „Ganz schlimm war für mich die Beerdigung meines Vaters, der vor ein paar Tagen gestorben ist. Wir durften uns bei der Beerdigung nicht einmal umarmen.“

Ihre Vorlesungen an der Hochschule Furtwangen ab 20. April werde sie zunächst digital starten. Praktika im Klinikum könnten derzeit leider nicht stattfinden.

Sie sei sich sicher, dass die gemeinsamen Anstrengungen die Gesellschaft zusammenschweißen, sofern es hoffentlich geschafft wird, dass in Deutschland kein medizinischer Notstand entsteht. Allerdings sollte die Phase des Stillstands nur so lange wie unbedingt notwendig dauern. Das Leben sollte sobald wie möglich dosiert und klug wieder hochgefahren werden. Fink: „Und als Wildwings-Fan kann ich nur hoffen, dass im September die Eishockey-Saison wieder startet.“

Klaus Götz
Klaus Götz | Bild: Naiemi, Sabine
  • Klaus Götz, Freie Wähler: „Persönlich ist die Corona-Krise für mich, wie für alle Menschen, eine Erfahrung und Herausforderung ohne gleichen“, erklärt der Internist. Neben den für ihn sehr bedenklichen Erfahrungen mit den massiven Einschränkungen unserer Persönlichkeitsrechte, was er sehr kritisch betrachte, erlebe er als positives Element die Entschleunigung mit deutlich weniger Stressfaktoren.

„Als Kontaktperson hatte ich für ein paar Tage eine „Absonderungsverfügung“ des Gesundheitsamtes. Diese strikte Einschränkung war für mich schon eine belastende Erfahrung“, so Götz über Auswirkungen der Krise auf ihn. Beruflich unterliege er strikten Einschränkungen einerseits, andererseits werde natürlich verlangt, präsent zu sein. Die persönlichen Kontakte seien auf ein Minimum beschränkt. Das meiste läuft über Telefon.

„Man gewöhnt sich an die langsamere Gangart auf allen Ebenen“, sagt der CDU-Stadtrat. „Allerdings wird man schon nachdenklich, wie weit der Staat gehen kann, uns in unseren Persönlichkeitsrechten einzuschränken.“

Wolfgang Reichmann
Wolfgang Reichmann | Bild: SK
  • Wolfgang Reichmann, Freie Wähler: „Die Situation ist schon ungewohnt, aber zu Hause läuft es noch ganz gut und ohne Lagerkoller ab. Meine Frau und ich versuchen, jeden Tag zu Fuß oder mit dem Fahrrad eine Stunde an die frische Luft zu kommen, sonst gehen wir nur zum Einkaufen oder Arbeiten raus“, erklärt Reichmann. Das Treffen mit anderen Leuten fehle schon, wenn man das immer so gemacht hatte. Alles sei für alle sehr ungewohnt, täglich müsse man sich neu anpassen.

Bis letzte Woche sei er am Arbeitsplatz gewesen, diese Woche baue er Überstunden ab, nächste Woche könne es einen Mix geben aus Büro, Homeoffice und Kurzarbeit.

Dery Türk-Nachbaur
Dery Türk-Nachbaur | Bild: Omay Tuerk
  • DeryaTürk-Nachbaur, SPD: „Die aktuelle Situation wirkt in der weltweiten Tragweite manchmal sehr surreal auf mich, als seien wir als komplette Erdbevölkerung in einen Science Fiction Roman gerutscht“, sagt die SPD-Vorsitzende. Dieser Stillstand, diese unruhige Ruhe und die noch vielen unbeantworteten Fragen beschäftigen sie nicht nur als Politikerin, sondern auch als Bürgerin und Mutter., wie sie erkärt. Vor allem wenn kleine Kinder im Haus sind, gelte es ein Stück weit Normalität und klare Strukturen vorzuleben. Eine momentan große Herausforderung.

„Was ich persönlich erlebe, würde ich nicht als „Einschnitte“ bezeichnen, sondern als Veränderungen. Wir machen vieles anders, passen uns der Situation an.“ Die Kinder werden zuhause beschult, man unternehme viel zusammen im eigenen Garten, gehe nicht mehr gemeinsam einkaufen.

„Auf landespolitischer Ebene hat sich meine Arbeit insofern verändert, dass ich nicht mehr nach Stuttgart fahre, sondern regelmäßig Telefon- und Videokonferenzen führe“, erklärt die Sozialdemokratin. Die Belastungen seien ungleich verteilt, sagt sie. Die aktuelle Situation mache nochmal ganz deutlich, dass es höchst unterschiedliche Voraussetzungen beim Thema Bildung gibt: Nicht jedes Kind habe daheim einen eigenen Zugang zum digitalen Lernen, oder die Möglichkeiten der ausreichenden Unterstützung vom Elternhaus.

Seitens ihres Berufes habe sie als Angestellte der Stadt Villingen-Schwenningen im Bereich der pädagogischen Betreuung momentan Ferien. Ab nächster Woche werde sie sicherlich als Unterstützung der Notbetreuung an der Schule eingesetzt, falls sich die Öffnung der Grundschulen verschieben sollte. In diesem Fall müsse sie allerdings schauen, wie sie ihre eigenen Kinder unterbringe.

„Das Virus kennt keine Grenzen, keine Religionszugehörigkeit, keine Hautfarbe, kein arm oder reich, keine Machthaber oder Machthaberinnen“, erklärt Derya Türk-Nachbaur ihre Sicht auf die aktuelle Zeitqualität. Das mache die Gesellschaft verletzlich und führe vor Augen, dass Zusammenhalt und Solidarität gefordert seien.

Andrea Kanold
Andrea Kanold | Bild: SK
  • Andrea Kanold, FDP: „Beruflich erlebe ich ein Auf und Ab“, erklärt Andrea Kanold. Zunächst einmal wurde die Apotheke gestürmt und die Kunden waren aufgrund Ungewissheit und Angst zum Teil recht aggressiv gewesen. Der größte Teil der Kunden zeige aber Verständnis. Inzwischen habe sich der Publikumsverkehr unter der Ausgangsbeschränkung sehr beruhigt.

Einschnitte habe sie keine hinzunehmen, so die FDP-Politikerin, da alles wie gewohnt weiterlaufe. Auch ihren Beruf könne sie ohne Unterschied zu vorher ausüben. Termine haben sich fast auf „Null“ reduziert. Die Reisetätigkeit ist weggefallen, wichtige Termine würden in Video- beziehungsweise Telefonkonferenzen durchgeführt. Diese würden sehr konzentriert und diszipliniert sowie zeitlich in einem angemessenen Rahmen ablaufen, sowohl im geschäftlichen als auch im politischen Bereich. Es sei für sie gerade „erholsam“ nicht zu den Sitzungen oder Veranstaltungen fahren zu müssen. Aus ihrer Sicht ließe sich ein Gros der Sitzungen in Zukunft auch digital abhalten.

Die Weiterentwicklung Bad Dürrheims habe neben den Sorgen und Nöten durch die Corona-Pandemie wenig Raum. „Ich unterstütze, dass die Einzelhändler unter Auflagen der Abstandswahrung wieder öffnen dürfen“, verdeutlicht Andrea Kanold. Es sei nicht erklärbar, dass Discounter geöffnet haben und Supermärkte alles verkaufen dürfen, aber die Einzelhändler, wo sich die Kunden eher nicht „auf die Füße treten“, geschlossen bleiben müssen. „Ich hoffe, hier ändert sich sehr bald etwas.“

Wolfgang Kaiser
Wolfgang Kaiser | Bild: SK
  • Wolfgang Kaiser, LBU: Persönlich gehe es ihm gut, sagt der LBU-Vorsitzende, aber der Einschnitt ins gewohnte Leben durch diese weltweite Epidemie sei massiv. Vor allem wenn man an all die Folgen denke, die jetzt nur teilweise sichtbar sind. „Unsere Gesellschaft muss sich mit komplett neuen Situationen auseinandersetzen und steht vor enorme nHerausforderungen.“ Darin lägen große Risiken, aber vielleicht auch Chancen.

Aus direkten sozialen Kontakten habe er sich weitgehend zurückgezogen, sei aber über Telefon und elektronische Medien intensiv präsent. Kaiser: „Belastend ist schon, dass persönliche Besuche bei meinen Kindern und Enkeln sich momentan verbieten, auch wenn ich die Notwendigkeit absolut sehe.“

Als Mitglied des Führungsgremiums der Grünen an Telefon- und Videokonferenzen gewöhnt, habe sich der Umfang dessen enorm gesteigert, auf bis zu acht Stunden täglich. Das sei sehr anstrengend, aber auch effektiv und natürlich auch umweltfreundlicher.

Die Tage seien irgendwie „langsamer“ geworden. Trotz allem Belastenden und dem Fehlen persönlicher Kontakte, habe man auch ein Gefühl der Entschleunigung.

  • Die Arbeit im Gemeinderat: Durchweg alle Fraktionssprecher und Vorsitzenden loben die transparente Arbeit zwischen Stadtverwaltung und Gemeinderäten als vorbildlich. Alle Stadträte werden regelmäßig und umfassend durch Bürgermeister Berggötz und Verwaltung in Rundmails unterrichtet und wenn erforderlich, in Entscheidungsabläufe eingebunden. In Telefonkonferenzen findet ein direkter Austausch statt. Bisher gab es zwei Telefonkonferenzen der Fraktionssprecher und eine mit allen Gemeinderäten.

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