Durch die Corona-Lockdowns in 2020 gab es eine Verdoppelung der relevanten Hilferufe junger Menschen, die akut von Obdachlosigkeit bedroht waren, teilt die bundesweit tätige Hilfsorganisation Off Road Kids in ihrer Jahresstatistik mit. Im Jahr 2020 gab es 2474 Hilferufe über sofahopper.de. Mit digitaler Sozialarbeit sei es gelungen, diese hohe Zahl an jungen Menschen aufzufangen, ebenso die zeitweise vierfach höhere Hilferufzahl zu Beginn des ersten Lockdowns.

Die Corona-Pandemie mit den Lockdowns und Kontaktbeschränkungen hat in Familienverhältnissen, die von Zerwürfnis geprägt sind und auf junge, von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen, gleich mehrere Auswirkungen.
Die Corona-Pandemie mit den Lockdowns und Kontaktbeschränkungen hat in Familienverhältnissen, die von Zerwürfnis geprägt sind und auf junge, von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen, gleich mehrere Auswirkungen. | Bild: Mario Hausmann

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie habe sich das bundesweite, digitale Beratungsangebot sofahopper.de schlagartig als lockdown-sichere Form der Jugendsozialarbeit für entkoppelte junge Menschen erwiesen, heißt es in dem Bereich weiter. Trotz des eingeschränkten Publikumsverkehrs in den Streetwork-Stationen konnte die Beratungsarbeit über sofahopper.de weiterlaufen. Hintergrund für den Ansturm waren vor allem schwerwiegende Zerwürfnisse in vorbelasteten Familien durch die plötzliche räumliche Nähe.

Die Lockdowns senkten zudem die Bereitschaft von Freunden und Bekannten, betroffenen jungen Menschen ein Sofa anzubieten. Der Begriff Sofahopper bezeichnet junge Menschen, die vorübergehend bei Bekannten untergekommen sind und noch nicht völlig auf der Straße sitzen.

Viele versuchen, als „Sofahopper“ eine Übernachtungsmöglichkeit bei Freunden oder Bekannten zu finden. Doch auch das ist durch die Corona-Situation derzeit sehr erschwert.
Viele versuchen, als „Sofahopper“ eine Übernachtungsmöglichkeit bei Freunden oder Bekannten zu finden. Doch auch das ist durch die Corona-Situation derzeit sehr erschwert. | Bild: Mario Hausmann

„In diesem frühen Stadium können Hilfeangebote noch erheblich zügiger vermittelt werden. Besonders wirksam erweist sich der frühe Zugang über sofahopper.de zu durch Obdachlosigkeit gefährdeten jungen Menschen in den Ballungsgebieten rund um die Off-Road-Kids-Streetwork-Stationen in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Hamburg und Köln“, erläutert Markus Seidel, Vorstandssprecher der Off-Road-Kids-Stiftung. 1062 erfolgreich in neue Lebensperspektiven vermittelte junge Menschen in 2020 markieren einen traurigen Allzeithöchstwert.

Zahl der Notrufe steigt

„Wir halten eine erneute Verdoppelung innerhalb eines Jahres für möglich. Limitierender Faktor ist die Finanzierung zusätzlicher Personalstellen“, warnt Markus Seidel. Die Stabilisierung nach der erfolgreichen Vermittlung junger Menschen in neue Zukunftsperspektiven – und damit die Qualitätssicherung im Rahmen einer professionellen Übergangsbegleitung – nimmt nach Meinung der Hilfsorganisation stetig an Bedeutung zu. Einschränkend wirkt sich der aktuell akute Wohnraummangel in Deutschland und die Finanzierung zusätzlicher Personalstellen aus.

Psychische Probleme im Vordergrund

Das an die Arbeit der Off Road Kids-Stiftung angeschlossene gesundheitliche Präventionsprogramm „Streetwork +“ habe im Jahr 2020 insgesamt 8357 gesundheitsbezogene Themengespräche mit den betreuten jungen Menschen ausgelöst: Allerdings war Corona mit zehn Prozent nur auf Platz vier. Spitzenreiter war mit 35 Prozent das Thema psychische Gesundheit. Die jungen Menschen wurden in 2020 nicht nur beraten, sondern auch mit Desinfektionsmitteln und Masken versorgt.

Dank der seit Jahren bei Off Road Kids etablierten medizinischen Fortbildungen durch die Ärztliche Gesellschaft für gesundheitliche Fortbildung (ÄGGF) und des Gesundheitsschutzkonzepts „Streetwork +“ waren alle Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zum Thema Infektionsschutz geschult und blieben infektionsfrei.

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Zahlen, Daten und Fakten

Die Off-Road-Kids-Stiftung ist die einzige bundesweit arbeitende Hilfsorganisation für Straßenkinder, junge Obdachlose und junge Menschen in Deutschland, die von Obdachlosigkeit bedroht sind

  • 7100 Minderjährige und junge Volljährige wurden seit 1993 erfolgreich vor der Obdachlosigkeit bewahrt und in dauerhaft tragfähige Zukunftsperspektiven vermittelt (Rückfälle sind abgezogen)
  • 1062 erfolgreiche Vermittlungen allein im Jahr 2020 (44 Prozent mehr als im Vorjahr)
  • 10 025 Beratungsgespräche und Betreuungstermine sind 2020 geführt worden
  • 48 580 Arbeitsstunden haben die 30 Streetworker 2020 geleistet
  • 46 Arbeitsstunden für jede erfolgreiche Vermittlung wurden 2020 durchschnittlich eingesetzt
  • 2800 Euro investiert die Off Road Kids Stiftung umgerechnet in jeden jungen Menschen bis zur erfolgreichen Vermittlung einer dauerhaft tragfähigen Zukunftsperspektive
  • Finanziert wird die Straßensozialarbeit von Off Road Kids vor allem aus Spenden. Weitere Informationen unter www.offroadkids.de. Bundesweite Online-Beratung: www.sofahopper.de. Eltern-Hotline und Systemische Therapiepraxis: www.family-neustart.de

Spendenkonten: Sparkasse Schwarzwald-Baar, IBAN: DE44 6945 0065 0151 0621 73, BIC: SOLADES1VSS. Volksbank, IBAN: DE29 6649 0000 0000 1010 10, BIC: GENODE61OG1