Sie sei eine, die den Mund aufmacht, sagt Derya Türk-Nachbaur von sich. Durch ihren Migrationshintergrund wird sie ständig auf verschiedenen Social-Media-Kanälen von rechtsradikalen Kreisen angefeindet und sogar bedroht. Im März dieses Jahres war es eine anonymisierte Nachricht, mit den Koordinaten ihres Wohnhauses und der Drohnung mit einer Brandbombe. Im Verlauf dieser Woche gab es Hasskommentare auf Twitter. Wie geht sie damit um?

Wieso haben Sie sich ausgerechnet für die SPD entschieden?

Ich bin Sozialdemokratin in dritter Generation. Mein Vater war Genosse. Sozialdemokratie liegt also in den Genen der Familie Türk. Zwar habe ich schon als vierjährige, auf den Schultern meines Vaters sitzend, auf den Maifesten rote Nelken verteilt, aber Parteimitglied bin ich erst geworden, als es um die erste Abstimmung zur Großen Koalition ging. Ich bin das Gegenbeispiel des langjährigen Parteifunktionärs, und ich glaube, ich habe auch schon einiges erreicht. Ich bin nicht der typische Parteisoldat, sondern mische auf.

Mit welchen Zielen sind Sie bei der Kreis-SPD angetreten?

Ich möchte die SPD im Schwarzwald-Baar-Kreis sichtbarer machen, ich möchte sichtbare rote Politik, will neue Wege gehen. Es gibt einen Satz, den ich hasse, der mich auf die Palme bringt: „Das war schon immer so, das haben wir schon immer so gemacht!“. Gerade deshalb, wenn etwas immer schon so war und keinen Erfolg gebracht hat, muss man neue Wege gehen.

Die Sozialdemokraten haben in Bad Dürrheim auch einen schweren Stand?

Ja, das stimmt. Das ist manchmal wie ein Kämpfen gegen Windmühlen. Ich habe oft das Gefühl, dass ein vernünftiger Vorschlag einfach per se abgelehnt wird. Aber ich bekomme auch ganz viel positive Resonanz aus der Bürgerschaft und von jungen Familien.

Wie gehen Sie mit der Hetze und Häme gegen Sie im Internet um?

Das ist für mich nichts Neues. Ich bin schon lange Ziel von Hass und Hetze. Hakenkreuze auf Autos gemalt oder überklebte Plakate beim Wahlkampf. Aber das im Netz ist eine andere Qualität. Ich bin eine Frau, habe Migrationshintergrund, komme nicht aus der Region und halte nicht den Mund. Das macht mich zur Projektionsfigur für viele Rechte. Man macht mir oft den Vorwurf, ich würde eine Bühne suchen. Ich habe keine Bühne und wenn ich eine bräuchte, würde ich sie mir nicht auf Facebook oder Twitter suchen. Auf meinen Kommentar zu dem Tweet von Malte Kaufmann kam nicht nur die eingangs erwähnte Reaktion. Ich habe noch ganz viele persönliche Nachrichten bekommen, schlimme Beleidigungen.

Was meinen Sie damit, dass Sie schon lange Ziel von Hass und Hetze sind?

Damit meine ich den Alltagsrassismus. Alltagsrassismus hat viele Gesichter. Damit wurde ich schon als Kind konfrontiert. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben und daran hat sich bis heute nichts geändert. Und meine Wut darüber ist der Motor. Mein Kampf gegen Rassismus ist meiner Wut geschuldet. Oft werde ich gefragt, warum ich mich in Deutschland für Politik engagiere und nicht in meiner Heimat. Ich solle mich doch in der Türkei gegen Erdogan engagieren. Deutschland ist meine Heimat, ich bin in Deutschland geboren. Das ist eine gewisse Art Heimatlosigkeit, überall daheim und nirgendwo zu Hause. In der Türkei gelte ich als „Vaterlandsverräterin“ weil ich gegen Erdogan bin.

Sie haben bei Kaufmann kommentiert: „Rechte Populisten sollte man verbieten. Sie stehen auf der Liste ganz oben, was das Verbot von rechten Populisten angeht.“ Stimmt das so?

Ja, das stimmt. Das ist keine Drohung. Meine Meinung ist, dass man rechten Populismus verbieten sollte. Dazu stehe ich.

Und wie ging es später weiter?

Ich habe die Kommentare nach einer Weile gar nicht mehr verfolgt. Bis ich dann über die Rechercheplattform Insider eine Nachricht bekam. Diese Plattform sammelt Hasskommentare, schwärzt die Namen der Kommentatoren und macht das öffentlich. Und sie nennt darunter gleich Adressen, wo man sich hinwenden kann. Das haben die auch bei mir gemacht. Die haben alle Kommentare zusammengetragen und auch öffentlich gemacht und erst da habe ich mitbekommen, was sich da alles gesammelt hat. Danach habe ich direkt über die Internetwache der Polizei eine Anzeige geschaltet. Die haben Zugang zu den Originaldaten. Ich hoffe, dass nicht alle Kommentare anonym sind. Die meisten trauen sich ja nicht, ihre Klarnamen zu verwenden.

Werden Sie auf den „offenen Brief“ des AfD-Stadtrates Olaf Barth antworten, in dem er unter anderem geraten hat, Sie sollten einfach die Finger still halten oder Ihren Facebook-Account löschen?

Nein, wozu? Das gehört zur Job-Beschreibung dazu. Wenn man in exponierter Position etwas bewegen will, legt man sich natürlich auch mit Lagern Andersdenkender an. Angst vor der AfD habe ich nicht. Sie sollte ihre Anhängerschaft in die Pflicht nehmen. Erschreckend finde ich allerdings, wie sich der Ton geändert hat, und dass sich eine schweigende Mehrheit nicht äußert, solange sie nicht selbst betroffen ist. Wir sind alle in der Pflicht, bei so etwas dagegenzuhalten.

Fragen: Sabine Naiemi

Zur Person

Derya Türk-Nachbaur ist in Paderborn geboren. Die 47-Jährige ist vierfache Mutter und arbeitet in Teilzeit als pädagogische Betreuungskraft an der Warenbergschule in VS-Villingen. Studiert hat sie Neudeutsche Literatur, Medienwissenschaften und Amerikanistik in Marburg an der Lahn. Das Studium musste sie jedoch wegen ihrer ersten Schwangerschaft abbrechen. Ende 2012 zog sie mit ihrer Familie von Freiburg nach Bad Dürrheim. 2013 rückte sie für Ihren Mann in den Gemeinderat Bad Dürrheims nach.

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