Jetzt ist endlich der Weg frei für den städtebaulichen Wettbewerb in Bad Dürrheim, in den hohe Erwartungen gesteckt werden. Doch dabei geht es hauptsächlich um das Areal Kurpark/Huberstraße/Luisenstraße, wie sich das geplante Thermenhotel einfügen kann und um Wegeverbindungen in die Innenstadt. Ein Bereich bleibt jedoch bei der ganzen Planung wieder mal außen vor – die Friedrichstraße. Angesichts dessen, wie die Weiterentwicklung der Friedrichstraße/Innenstadt in den vergangenen Jahren gehandhabt wurde, kann es wohl als fraglich betrachtet werden, ob sich diesbezüglich bald etwas tut.

Alles konzentriert sich auf das Kurgebiet und das Solemar, die Entwicklung der Innenstadt (hier ein Archivbild vom Mai 2020), speziell der Friedrichstraße, bleibt jedoch seit Jahren außen vor. Archivbild: Götz
Alles konzentriert sich auf das Kurgebiet und das Solemar, die Entwicklung der Innenstadt (hier ein Archivbild vom Mai 2020), speziell der Friedrichstraße, bleibt jedoch seit Jahren außen vor. Archivbild: Götz

Viele Jahre schon wird die Gestaltung der Friedrichstraße immer wieder verschoben. Die Ursachen sind vielfältig, die anstehenden Themen umfangreich, die Einzelhändler und Gewerbetreibenden in diesem Bereich sind es müde und wenig motiviert. Ein Problem sind oft die Vermieter der Gewerbetreibenden, von denen sich mancher zum Beispiel weigert, barrierefreie Zugänge zu den Geschäften zu ermöglichen.

Die Innenstadt wiederbeleben

Im Gespräch mit dem SÜDKURIER erklärt Andrea Kanold, Apothekerin und Sprecherin des Forums Innenstadt: „Das Wichtigste für uns ist – und das ist einer der Ausblicke – die Menschen wieder in die Innenstadt zu bekommen, dass die Innenstadt wieder belebt ist, dass sie wieder ihr Gesicht zeigen kann, wie sie früher auch mal war.“ Ganz wichtig in diesem gesamten Spiel sei, dass die Gewerbetreibenden sehr stark und intensiv mit der Verwaltung, dem Wirtschaftsförderer und mit der Kur- und Bäder GmbH zusammenarbeiten.

Man wolle aus dem Marketingbeirat heraus – wobei dieser Name eigentlich irreführend sei – intensiv die Stadt nach vorne bringen, den Beirat mit seinen Ideen, Wünschen und Vorschlägen auch stärker in das Bewusstsein des Gemeinderats heben. Was dem Marketingbeirat und dem Forum Innenstadt am Herzen liege, sei die vor längerer Zeit bereits angestrebte Quartiersentwicklung. Das heißt, man nimmt sich Straßenzüge vor und arbeitet gemeinsam an Themen, die etwas längerfristiger und nachhaltiger sind. Dazu müssten sich alle wichtigen Player miteinander vernetzen, gemeinsam an einem Strang ziehen, Ziele formulieren und: gemeinsam das Ziel verfolgen, der Stadt wieder Leben einzuhauchen.

Derzeit sei es sehr schwierig, die Händler zu motivieren, sich noch stärker einzubringen, so Kanold. Worauf ist das zurückzuführen? Im Prinzip liefen alle Maßnahmen, die getroffen werden, an der Innenstadt vorbei. Alles konzentriere sich auf das Solemar. Kanold zählt auf: „Wer das Solemar besucht, geht anschließend nicht in die Innenstadt zum Bummeln, sondern geht vielleicht noch im Gewerbegebiet einkaufen. Das war‘s. Die Kliniken sind inzwischen zu Vollversorgern geworden, die Patienten wollen vielleicht bummeln gehen, finden aber keinen Anreiz.“ Mit Patienten aus den Kliniken wurde noch „der große Reibach“ gemacht. Die einzigen Leute, die tatsächlich in die Innenstadt kämen, wären die Wohnmobilisten, so Kanold.

Unter solchen Voraussetzungen würden die Einzelhändler und Gewerbetreibenden sich finanziell nicht in der Lage sehen, sich an einer Stadtbuslinie zu beteiligen. Da es eine Bürgerbuslinie werden soll, müssten sich ihrer Meinung nach die Händler aus dem Gewerbegebiet ebenfalls beteiligen. Doch das funktioniere nur mit einer starken Stadtverwaltung im Rücken.

Wichtig bei der ganzen Sache sei, dass da die Verwaltung mitmacht. Ohne die gehe gar nichts. Man habe in der Vergangenheit die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass diverse Immobilienbesitzer ungern nur mit einem Vertreter des Innenstadtforums reden wollen. Wenn die Eigentümer sehen würden, dass die Stadt die gleiche Argumentation wie der Gewerbeverein einbringt, würden sie begreifen, dass Veränderungen nötig sind, um künftig weiter Mieten einnehmen zu können. Dann werde sich eventuell etwas bewegen.

Mögliche Lösungsansätze

Schlecht für die Friedrichstraße sei die Menge der Autos, sagt Andrea Kanold. Das heiße nicht, dass alle Autos raus müssen, aber es sollte gegen die Dauerparker vorgegangen werden. Es ginge nicht an, dass Angestellte der Banken und Geschäfte die Parkplätze blockieren, die für Kunden gedacht sind. Das sei auch ein Stück weit Solidarität. „Wenn ich Angestellte habe, muss ich darauf achten, dass die Mitarbeiter die Parkplätze für die Kunden freihalten.“

Eine Fehlkonstruktion erster Güte sei die Kreuzpassage. „Das ist ein Drama und eine ganz falsche Konzeption“, sagt Kanold. Die Geschäfte in der Passage seien nach außen kaum sichtbar. Sie würden eigentlich nach vorne an die Front gehören.

Die Friedrichstraße sollte an sich so gestaltet sein, dass sie breiter wirke. Beim Pusteblumenbrunnen könnte die schmale Brücke über die Stille Musel gegen eine Plattform ausgetauscht werden, sodass dort ein zweiter Mittelpunkt entstehen könne. „Wir brauchen einen zweiten Schwerpunkt in dieser langgezogenen Straße. Das muss nichts Großes sein. Aber die Aufenthaltsqualität muss aufgewertet werden. Die Plastikschutzwände rund um den Brunnen sind optisch gesehen eine Katastrophe. Natürlich müsse man sich außerdem Gedanken über ein Park- und Mobilitätskonzept machen, um die Autos aus der Innenstadt herauszukriegen.“ Kanold: „Uns fehlt ein geschmeidiges Parkkonzept.“

„Wenn die Stadt mit voller Wucht und Macht hinterher ist, ist es möglich, solche Dinge gemeinsam zu bewegen.“ Und da liegt aus Sicht der Apothekerin und FDP-Stadträtin ein Knackpunkt. Die Friedrichstraße bis zum Adlerplatz gehöre in die Gesamtheit mit einbezogen. „Wir müssen uns darüber Gedanken machen.“ Und das ginge nur gemeinsam, wenn alle an einem Strang ziehen. „Wir sind eine bedarfsdeckende Stadt, keine Stadt, die mit Aufenthaltsgedanken konzipiert ist.“

Erste Ansätze

Die im Jahr 2018 im Rahmen der Quartiersentwicklung 2020 beziehungsweise 2040 veranstalteten Workshops seien gar nicht schlecht gewesen, sagt Kanold. Viele Ideen wurden entwickelt und besprochen, aber nicht verwirklicht. „Wir in der Innenstadt wissen nicht, wo wir hin wollen, also müssen wir uns orientieren.“ Das Klinikforum sei sich einig, in der Innenstadt hingegen liefe alles in 50 Richtungen. Vieles werde durch die Gebäudeeigentümer gehemmt. „Wir kommen nicht vorwärts. Hier muss die Stadtverwaltung zum Zug kommen.“

Gute Beispiele

Trossingen sei ein gutes Beispiel, erklärt Kanold. Die haben Straße und Gehwege eingeebnet, und das habe auch die Geschäfte mitgezogen. Das müsse in Bad Dürrheim auch passieren. Alles sollte viel offener gestaltet werden, sodass die Leute das Gefühl bekämen, sie seien in einer Fußgängerzone. In Rottweil schaffe man das doch auch, führt Kanold weiter aus. Aber auch das sei Teil der Arbeit der Verwaltung. Diesen Willen sehe sie hier einfach nicht.

Im Rahmen einer Online-Diskussionsrunde der Industrie- und Handelskammer, an der unter anderem Vertreter aus Tuttlingen, Rottweil und Nagold beteiligt waren, habe sie gesehen, was möglich ist, wenn eine Stadtverwaltung sich mit Leidenschaft und Enthusiasmus engagiere, ihre Stadt nach vorne bringen zu wollen. Das sei, was sie sich wünsche: gemeinsam ein Ziel erarbeiten, offener, auch kritischer Erfahrungsaustausch, konsequente Verfolgung möglicher Ergebnisse. „Wir müssen festlegen, wie unsere Innenstadt aussehen soll. Da müssen wir alle mitnehmen“, schließt Andrea Kanold ihr leidenschaftliches Plädoyer.