Corona hat alles verändert. Auch die Stadtverwaltung Bad Dürrheim wird von vielen Themen umgetrieben. Im Rahmen dessen, die Situation als Chance zu begreifen und zu nutzen, habe man sich nach zweimaliger Absage entschieden, den vierten überregionalen Wirtschaftstreff digital durchzuführen, erklärt Bürgermeister Jonathan Berggötz bei der Online-Übertragung.

Alle vor und hinter der Kamera Beteiligten des vierten, digital veranstalteten überregionalen Wirtschaftstreffs, mitsamt der Studiocrew der Firma LS-Event aus Spaichingen. Vorn in der Mitte Referentin Anitra Eggler, links dahinter Tamara Pfaff, Gewerbevereinsvorsitzende Bad Dürrheim, rechts dahinter IHK-Vizepräsident Hans-Rüdiger Schewe, daneben Pressereferent der Stadt Bad Dürrheim, Alexander Stengelin und Bürgermeister Jonathan Berggötz (zweiter von rechts).
Alle vor und hinter der Kamera Beteiligten des vierten, digital veranstalteten überregionalen Wirtschaftstreffs, mitsamt der Studiocrew der Firma LS-Event aus Spaichingen. Vorn in der Mitte Referentin Anitra Eggler, links dahinter Tamara Pfaff, Gewerbevereinsvorsitzende Bad Dürrheim, rechts dahinter IHK-Vizepräsident Hans-Rüdiger Schewe, daneben Pressereferent der Stadt Bad Dürrheim, Alexander Stengelin und Bürgermeister Jonathan Berggötz (zweiter von rechts). | Bild: Stadtverwaltung Bad Dürrheim

Es habe nie ernsthaft zur Debatte gestanden, den Treff vollständig abzusagen, sondern es sei immer um die Frage gegangen: „Wie machen wir das Beste daraus?“ Der Vorteil der digitalen Veranstaltung sei, dass man sich von den unterschiedlichsten Orten bequem dazuschalten kann. Ein weiterer Vorteil: Man kann die Veranstaltung überhaupt stattfinden lassen und sogar noch ein breiteres Publikum erreichen.

Das Ziel aller in dieser Zeit sollte und muss sein, aus der Krise eine Chance zu machen, den Mut nicht verlieren, flexibel zu bleiben und Lösungen anbieten, vielleicht auch Angebote zu erweitern und auf jeden Fall, kreativ neue Wege zu gehen. Es sei beeindruckend, wie viele Konferenzen per Telefon oder Video gelaufen sind, so Berggötz. Für alle wären vor einem Jahr Homeoffice und mobile Arbeit in dieser Breite unvorstellbar gewesen. Durch die Krisensituation wurden viele Lösungen gefunden.

IHK-Vizepräsident Hans-Rüdiger Schewe erklärte: „Unsere regionale Wirtschaft befindet sich in der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Aktuelle Reise- und Kontaktbeschränkungen beeinträchtigen Branchen und Märkte hart. Umsatzeinbrüche sind nicht selten zweistellig. Viele sind in ihrer Existenz bedroht. Die IHK bekomme täglich entsprechende Signale. Die aktuelle Wirtschafperspektive sei so diffus wie selten, ein Ende der Unsicherheit nicht in Sicht. Die IHK habe drei Themen im Fokus: Orientierung schaffen, politischen Einfluss nehmen, weiter Netzwerke schaffen und ausbauen.

Weniger Stress, mehr Genuss

Diese Zusammenfassung der Referentin Anitra Eggler klingt wohl etwas provokativ angesichts heutiger Zeiten. „Die digitale Revolution ist vorbei, der Mensch ist mutiert, wurde in den letzten zehn Jahren vom Homo sapiens zum Homo digitalis. Ein Wesen, das ohne Strom nicht mehr lebensfähig ist. Der Homo digitalis blicke durchschnittlich 27 Mal pro Stunde auf sein Handy, ist völlig fremdbestimmt und lässt sich vom Handy durch sein Leben führen“, so eröffnete die Bestsellerautorin ihren Vortrag. Genau dies hätten sich fünf Firmen aus dem Silicon Valley zu Nutze gemacht.

Die schlechte Nachricht dabei: 27 Mal pro Stunde verlagert also ein Mensch während seiner Arbeit seinen Aufmerksamkeitsfokus von der Arbeit weg. „Konzentriertes Arbeiten ist was anderes“, so Eggler. 27 Mal pro Stunde abgelenkt sein – das könne damit verglichen werden, dass einem Marathonläufer alle zweieinhalb Minuten der Schuh aufgeht. Eggler: „Wie kommt so ein Mensch ins Ziel, wenn er überhaupt ins Ziel kommt?“

Multitasking sei eine der größten Lügen der vergangenen Jahre, denn wer vieles auf einmal macht, macht nichts mehr richtig. Zwischen 2007 und 2017 habe die Technikerkrankenkasse hochgerechnet, dass die Zahl der Burnouts um 115 Prozent angestiegen sei. Der Handy-Akku werde de facto häufiger aufgeladen als der Lebensakku.

Der Konferenzenwahnsinn

Der Freitag, 13. März, machte seinem schlechten Ruf alle Ehre. Sie sei gerade einkaufen gewesen, als die Nachricht vom Lockdown alle erreichte, und habe das Gefühl gehabt, in eine neue Welt hinauszugehen, wenn sie das Geschäft verlässt, so Eggler. Ein Gefühl, dass viele Menschen geteilt hätten.

Die neue Welt: Homeoffice für alle. Tausende Menschen verließen ihre Büros. Eggler: „Das hat sich apokalyptisch angefühlt, das hat sich niemand vorstellen können.“ Jetzt arbeite man dort, wo man sich zuvor von der Arbeit erholte. Nach zwei Wochen, die man als Entschleunigung empfand, begann der Video- und Telefonkonferenzen-Wahnsinn.

Nicht alle empfinden Homeoffice als segensreich. Kinder, Katzen, Zimmerpflanzen, Partner arten zu Hindernissen aus. Beim Homeoffice sei die große Herausforderung, dass wird uns selbst führen und gut managen müssen, weiß Eggler aus eigener Erfahrung. Ein Unternehmer stehe vor der doppelten Herausforderung. Nämlich sich selbst und die Mitarbeiter zu führen.

Humorvoll zeigte die Rednerin sechs verschiedene Homeoffice-Typen mit deren Eigenheiten und Bedürfnissen auf: der informelle Freigeist, der Strukturierte, der Emotionstyp, der Analytische (Nerd), der Teamplayer und der Anführer.

Die Zeit von März bis Sommer habe sie zu ganz vielen Interviews und Reflektion genutzt – was ist gut gelaufen, was kann und muss optimiert werden, erklärte die Internetveteranin.

Drei Punkte hätten sich herauskristallisiert: Das Homeoffice verstärkt die Kommunikationskultur oder die Kommunikationsunkultur eines Unternehmens. In einer ständig steigenden Flut von Videocalls und E-Mails sei die „Challenge“, eine qualitativ und menschlich verbesserte Kommunikation zu schaffen. Gerade Frauen seien betroffen gewesen – Homeoffice in Verbindung mit Homeschooling funktioniere einfach nicht. Viele Frauen seien nachts in verwaiste Büros gefahren, um arbeiten zu können.

Mittlerweile erleben die Menschen eine nie vorher da gewesene Erschöpfung. Deshalb solle man frei Stressthemen ansprechen. Eggler: „Verhandeln Sie die ständige Erreichbarkeit neu! Es muss nicht alles sofort und gleich sein, es ist nicht alles dringend!“ Und: „Es ist kein Zeichen von Effizienz, ständig und schnell zu reagieren.“ Ihrer Erfahrung nach seien Chefs aufgeschlossen und dankbar, wenn man sagt, man will konzentriert arbeiten um durch Dauerablenkung Fehler zu vermeiden. Es sollte ausdrückich erwünscht sein, am Wochenende nicht auf Mails zu antworten.

Mit weniger Aufwand mehr schaffen

Laut einer Studie der Universität Stanford sei die Erfolgskomponente der nächsten fünf Jahre, das „Unablenkbar sein“. Wer nicht in der Lage sei, digital abzuschalten, sei wie ein Autofahrer, der nicht bremsen kann. Eggler aus eigener Erfahrung: „Digitales Abschalten ist eine Kompetenz.“ Es sei ein „Produktivitätsparadoxon“, unablenkbar mit weniger Aufwand mehr zu schaffen und genussvoller zu leben. Was gilt, ist das Monotasking. Sich hinsetzen, auf eine Sache konzentrieren und arbeiten, das Internet in dieser Zeit kappen und sich das „nur mal kurz gucken“ verkneifen. Nicht in Nanosekunden erreichbar sein, dass ist man produktiv und schafft mehr.

An der Kussbilanz arbeiten

„An 24 Stunden, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr erreichbar zu sein führt dazu, dass wir ausbrennen“, erklärt Eggler. Diese Erfahrung habe sie selbst einst gemacht. Man ist semiprivat und semiprofessionell. Und Eggler sagt knallhart: „Nur Sklaven und Unterbeschäftigte sind in Nanosekunden erreichbar. Es ist kein Zeichen von Effizienz, ständig und schnell zu reagieren.“ Es gebe ja sogar Leute, die ans Handy gehen, um zu sagen, dass sie nicht ans Handy gehen können. Sie empfehle „Öffnungszeiten“ für das E-Mail-Postfach und als „Mördertipp“, das Handy in den Graustufenmodus zu versetzen. „Arbeiten sie doch an ihrer Kussbilanz anstatt am Kilobytekonsum“, empfiehlt sie charmant. Umarmen sie ihre Lieblingsmenschen, tun sie etwas Gutes für sich. Und am Ende aller Tage, wenn man das Paradoxon erkannt habe, dann ist man smart digital unterwegs, hat die Nebenwirkungen im Griff.

Ganz nach dem Motto „Offtime ist der neue Luxus“ solle man sich eine erste Stunde des Tages ohne digitale Dauerablenkung gönnen, als auch abends zwei Stunden vor dem Schlafengehen den „Nicht-stören-Modus“ aktivieren. Sich am Abend in Ruhe Gedanken zum Ablauf des nächsten Tages zu machen, entstresse wohltuend.