Sie kommen aus Bad Dürrheim, in wenigen Wochen fliegen sie vom Weltraumbahnhof Kiruna in Nord-Schweden hoch hinaus ins All: Die Rede ist von zwei 3,30 Meter langen Röhren aus dünnem Aluminium. Die mächtigen Zylinder fungieren als Raketentanks und wurden bei der Firma Belenus in der Kurstadt angefertigt.

Fabian Theinert von der Bad Dürrheimer Firma Belenus überprüft die Tanks nach dem Schweißen.
Fabian Theinert von der Bad Dürrheimer Firma Belenus überprüft die Tanks nach dem Schweißen. | Bild: Julian Dobusch

Die Raketen sind das Projekt der studentischen Forschungsgruppe Hyend (Hybrid Engine Development) der Universität Stuttgart, die rund 60 jungen Menschen arbeiten seit dreieinhalb Jahren daran.

„Wir sind alle Raumfahrtenthusiasten, das macht uns riesigen Spaß.“
Philipp Jochum, Leiter der Forschung und Entwicklung

Sie haben die Flugkörper selbst bis ins kleineste Detail entwickelt, haben Berechnungen angestellt, Baupläne konzipiert, Teile gefertigt – und diese schließlich zusammengefügt.

„Wir sind alle Raumfahrtenthusiasten, das macht uns riesigen Spaß“, sagt Philipp Jochum, Leiter der Forschung und Entwicklung. Jetzt sind die 7,85 Meter langen Raketen so gut wie fertig.

Viele Teile für das Forschungsprojekt haben die Studenten selbst produziert – doch für zwei war ganz besonderes Fachwissen nötig: Die beiden Tanks sollten aus nur 1,5 Millimeter dünnem Aluminium geschweißt werden, so das Vorhaben. Eine echte Herausforderung – doch beim Flug ins All zählt jedes Gramm Gewicht.

Suche nach Lecks mit Seifenwasser.
Suche nach Lecks mit Seifenwasser. | Bild: Julian Dobusch

Und genau hier kommen Firmenchef Alexander Theinert und seine Mitarbeiter ins Spiel: Die Bad Dürrheimer Firma Belenus ist auf Blech-, Schweiß- und Montagearbeiten spezialisiert.

Theinert sagte etwas zu, was sich die Firmen rund um Stuttgart teils nicht trauten, bei denen Philipp Jochum und sein Team zuerst angefragt hatten: extrem dünnes Aluminium so zu verschweißen, dass es am Ende komplett dicht ist.

Struktur-Ingenieur Bernabé Lorenzo Ávila bringt den Hitzeschutz auf die Tanks auf.
Struktur-Ingenieur Bernabé Lorenzo Ávila bringt den Hitzeschutz auf die Tanks auf. | Bild: Julian Dobusch

„Aluminium zu schweißen ist kompliziert. Da braucht man ein Händchen dafür“, sagt Alexander Theinert. Sein Sohn Fabian hat dieses Händchen. Zusammen mit einem Mitarbeiter arbeitet er drei volle Tage an den Tanks – und den beiden gelingt das Schweißer-Kunststück.

Die beiden Tanks, die später mit flüssigem Lachgas als Treibstoff-Komponente befüllt werden, sind beim abschließenden Test mit zwei Bar Druck komplett dicht. Auch einen späteren Test in Stuttgart mit 80 Bar Druck bestehen die Stücke dank ihrer anschließend aufgebrachten Kohlefaser-Umwicklung mit Bravour.

Die Begeisterung bei Belenus angesichts des ungewöhnlichen Auftrags ist groß. „Wir hatten die Ehre, diese Tanks zu fertigen. Das ist etwas Besonderes und hat uns riesigen Spaß gemacht“, sagt der Firmenchef.

Die Einzelteile der beiden Tanks, mit Ausnahme der Deckel, wurden komplett bei Belenus hergestellt. „Es hat alles auf Anhieb funktioniert, wir waren ganz überrascht, dass alles so gut gepasst hat“, erzählt Alexander Theinert.

Auch das Problem, dass Körper und Deckel aus verschiedenen Aluminium-Legierungen bestanden, bekamen die Bad Dürrheimer mit Hilfe eines Schweißfachingenieurs schnell in den Griff.

Philipp Jochum und seine Kollegen sind begeistert von der Zusammenarbeit mit dem Unternehmen aus der Kurstadt. „Das hat auf Anhieb super funktioniert“, lobt der Forschungsleiter. Die Tanks wurden in Stuttgart weiter bearbeitet: Sie wurden mit Kohlefaser umwickelt und mit einem Hitzeschutz ausgestattet.

Spektakulärer Anblick: Der Triebwerkstest.
Spektakulärer Anblick: Der Triebwerkstest. | Bild: Julian Dobusch

Ende März geht es für die Raketen mit einem Schiffscontainer nach Nordschweden. Nördlich des Polarkreises liegt dort der Weltraumbahnhof Kiruna. Zwischen dem 11. und dem 25. April, so Philipp Jochum, sollen die Raketen abheben.

Während der erste Flugkörper laut Planungen eine Höhe von rund 50 Kilometern erreichen soll, soll der zweite mit viereinhalbfacher Schallgeschwindigkeit bis zu 100 Kilometer hoch fliegen. Hier beginnt das Weltall.

An den Grenzen von Physik und Technik

„Wir sind recht zuversichtlich, dass es klappt. Aber da man die Grenzen von Physik und Technik ausreizt, kann auch viel schiefgehen“, weiß Forschungsleiter Jochum.

Ein großes Ziel haben sich die Studenten gesetzt: Sie wollen auf jeden Fall eine Flughöhe von mindestens 32,2 Kilometern erreichen. Diesen Rekord haben einst ihre Vorgänger aufgestellt, die die Gruppe Hyend 2006 gegründet haben.

Auch in Bad Dürrheim wird dann kräftig mitgefiebert und Daumen gedrückt, dass die Tanks aus der Kurstadt es tatsächlich schaffen bis ganz hinauf ins Weltall.