Die SPD in Bad Dürrheim ist mit zwei Mandatsträgerinnen sehr klein. Meinen Sie, damit lässt sich viel erreichen?

Wir dürfen es nicht kleiner reden als es ist. Als wir 2012 hergezogen sind, da hatten wir nur eine Mandatsträgerin. Mit einem Mandat ist nicht viel zu gewinnen, auch wenn Frau Beate Moser sich damals sehr eingebracht hat. Jetzt haben wir es geschafft mit einem guten Wahlkampf, dass die Prozente für zwei Mandate reichen. Ich weiß, das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, aber im Fokus haben wir das dritte Mandat.

Ihre Partei hat seit jeher in Bad Dürrheim keine leichte Stellung. Sie kommen aus Ostwestfalen und haben zuletzt in Freiburg gelebt, wo die SPD besser aufgestellt war. Wie schätzen Sie die Situation hier ein?

Wir sind im tiefsten Schwarzwald, die Denke ist auch relativ schwarz. In Nordrhein Westfalen, wo ich herkomme, war man mit der SPD immer gepampert. Meine Eltern sind „Gastarbeiter“ aus der Türkei. In der Türkei war mein Vater Banker, sozial engagiert und hat sich in Gewerkschaften organisiert. In Paderborn hat er sich als Genosse in die SPD eingebracht. Mit vier Jahren saß ich auf seinen Schultern und hab bei 1.-Mai-Festen Nelken an die Demonstranten verteilt. Hier ist die politische Lage eine andere.

Sie sind 2013 in die SPD eingetreten. Was war der Anlass dafür?

Mein Mann und ich sind eingetreten, als es bei der Bundestagswahl 2013 darum ging, eine Große Koalition durch eine Mitgliederversammlung zu verhindern. Wir wussten, es würde desaströse Folgen für Deutschland haben. Leider haben wir es nicht verhindern können, aber ich bin dabei geblieben. Denn, wenn ich gestalten will, reicht es nicht auf meiner Couch zu mosern. Wer verändern will, muss sich einbringen.

Nach der letzten Bundestagswahl und der Mitgliederversammlung ist ihr Mann aus der Partei ausgetreten, Sie haben sein Mandat übernommen. Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Bundes-SPD? Kann sie unter Kanzlerin Merkel überhaupt noch was bewirken?

Ich bin enttäuscht. Aber ich glaube, dass nicht alles schlecht ist. Zum Beispiel die Parität bei der Krankenversicherung, die wir jetzt durchgesetzt und für ein Stück Gerechtigkeit gesorgt haben. Das sollte uns Genugtuung und Antrieb sein. Politik ist ein Kompromissgeschäft, damit muss man leben. In der Regierung fehlt es momentan an Polarisierung. Der Einheitsbrei der letzten Jahre turnt die Bürger ab. Wenn es an klaren Standpunkten fehlt, werden nur die Ränder gestärkt mit ihren platten Populismus-Parolen.

Macht es Ihnen Angst, dass die politischen Randparteien wieder stärker sind, auch in der Region?

Es ist besorgniserregend, dass man die Menschen mit Argumenten nicht mehr erreicht. Wir haben eine rechte Bewegung auch hier. Wenn wir uns die Zahlen der Bundestagswahl für Bad Dürrheim angucken, dann gibt es Straßenzüge, in denen die AfD über 30 Prozent geholt hat.

Es gibt Bürger, die sympathisieren mit der Politik undemokratischer Präsidenten wie Erdogan in der Türkei. Wie sehen Sie diese Entwicklungen, wo ihre Familie doch türkische Wurzeln hat?

Mein Heimatland ist Deutschland, die Heimat meiner Eltern ist die Türkei. Das soll aber nicht heißen, dass mir die Türkei nicht wichtig ist. Viele der Türken fühlen sich hier nicht angenommen und nicht als Teil unserer Gesellschaft. Da kommt ein Erdogan, gibt ihnen eine Identität, und sagt ihnen, wie wichtig sie für ihn sind. Das sind Abgehängte.

Haben Sie sich schon abgehängt gefühlt?

Ich habe mich früher oft abgehängt fühlt. Wenn ich auf irgendein Amt kam, hat man mit mir so Tarzan-Deutsch gesprochen, keine vollständigen Sätze. Ich wurde unterschätzt. Dieser Alltagsrassismus begleitet mich schon 45 Jahre lang.

In Bad Dürrheim sind circa 100 Flüchtlinge untergebracht. Werden sie Ihrer Meinung nach gut integriert?

Dürrheim hat ein wahnsinniges Engagement geboten. Natürlich fängt alles mit einer großen Euphorie an und schlussendlich bleibt nur ein harter Kern zurück. Aber Dürrheim hat das wirklich gut gemacht. Es gibt viele Patenschaften. Vielleicht ist die christliche Denke hier noch so präsent, dass man sagt, man muss Menschen in Not helfen.

Welche Themen wollen Sie in nächster Zeit angehen?

Ich würde gerne finanziell schwach aufgestellten Familien den Kindergartenbeitrag verringern können. Bezahlbares Wohnen ist ein weiteres Thema. Bad Dürrheim ist ein sehr schönes Städtchen, aber entwickelt sich zu einem Luxusort für gut situierte ältere Menschen. Viele junge Familien können nicht mieten oder bauen, weil die Preise so explodiert sind. Es darf auf keinen Fall sein, dass Flüchtlinge gegen schwach-aufgestellte Alleinerziehende, Alte gegen Junge oder Touristen gegen Einheimische ausgespielt werden. Außerdem wollen wir Bad Dürrheim plastikfrei bekommen. Dafür müssen wir viele mit ins Boot holen.